Pflege bei Demenz Leben mit Demenzkranken: Was Angehörige wissen müssen

Einen an Demenz Erkrankten zu pflegen, erfordert viel Kraft. Viele Angehörige sind überfordert und verzweifelt, wollen aber den Betroffenen nicht im Stich lassen. Wo es Rat und Hilfe gibt, erklärt Experte Dr. Thomas Dietz.

Ein Mann mit einem Puzzle
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Mehr als nur vergesslich?

Noch vor etwa 30 Jahren wurden ältere Menschen, die durch Vergesslichkeit, Wiederholen von Geschichten und allerlei Ungeschicklichkeiten im Alltagsleben auffielen, als "verkalkt" bezeichnet. Heute fällt eher der Begriff "Alzheimer".

Der Name geht auf Alois Alzheimer zurück, er entdeckte im Jahr 1906 eine "eigenartige Erkrankung der Hirnrinde". Mit steigender Lebenserwartung haben auch die Erkrankungen älterer Menschen zugenommen. Eine dieser Erkrankungen ist die Demenz. In der Altersgruppe 45 bis 64 Jahre erkrankt nur ungefähr eine von 1.000 Personen an Demenz. Betroffen sind vor allem Menschen im höheren Alter.

Der Begriff Demenz steht für eine Gruppe unterschiedlicher Erkrankungen, die alle mit einem Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit und einer Persönlichkeitsveränderung einhergehen. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit.

Wie kommt es zu einer Demenz?

Bei einer primären Demenz werden die Symptome durch das Absterben von Hirnzellen und die Schädigung von Hirngewebe verursacht.

Bei einer primären Demenz sind krankhafte Veränderungen im Gehirn zu finden. Hirnzellen sterben nach und nach ab und die Verbindungen zwischen den einzelnen Hirnzellen gehen verloren.

Zu den primären Demenzformen gehören unter anderem:

  • die Alzheimer-Demenz
  • die vaskuläre Demenz
  • die frontotemporale Demenz und
  • die Lewy-Körperchen-Demenz 

Die genauen Ursachen für die Schädigung sind abhängig von der Demenzform. 

Wie Sie dem Gehirn auf die Sprünge helfen

Experten glauben, dass eine ausgewogene Ernährung mit dazu beitragen kann, das Risiko für das Auftreten einer Demenz zu senken.

Eine gesunde Ernährung wirkt konzentrations- und gedächtnisfördernd. Vitamine und Mineralstoffe unterstützen den Stoffwechsel und geben dem Körper Energie.

Regelmäßige Bewegung bringt den Körper in Schwung: Die Durchblutung und die Sauerstoffversorgung des Gehirns werden verbessert. Fahren Sie Rad, gehen Sie schwimmen oder walken Sie.

Den Geist trainieren: Erhalten Sie Ihre sozialen Kontakte, lesen Sie Bücher und Zeitungen, gehen Sie ins Konzert, in die Oper, besuchen Sie andere Länder oder Städte.

Gehirntraining: Rechnen Sie den Einkauf im Kopf zusammen, lösen Sie Kreuzworträtsel, lösen Sie Sudoku, machen Sie Computerspiele.

Oder benutzen Sie beim Zähneputzen mal die andere Hand oder spazieren Sie mal durch andere Straßen, denn Routine und Monotonie langweilen das Hirn. Das Gehirn muss umdenken und neue Zellstrukturen werden gebildet. Am besten sind komplexe und anregende geistige Aktivitäten. Damit werden verschiedene Aspekte der Gehirnleistung trainiert.

Erste Anzeichen ernst nehmen

Nicht jede Vergesslichkeit deutet auf eine Demenz hin. Stress, seelische Belastungen, Krankheiten, wenig Flüssigkeitsaufnahme wirken sich auch auf die geistige Leistungsfähigkeit aus. Doch sollten frühe Anzeichen erst genommen werden.

Beispiele:

"Wo war ich gestern?"

Betroffene können sich schlecht an Erlebnisse des Vortages, an Einzelheiten, an Gespräche erinnern, Erinnerungen scheinen ausgelöscht. Sie stellen immer wieder die gleichen Fragen, obwohl sie eine Antwort erhalten haben.

"Wie geht das?"

Betroffenen fällt das Ausfüllen von einfachen Fragebögen sehr schwer. Termine zu koordinieren bereitet ihnen Schwierigkeiten, genauso wie das Binden der Schnürsenkel oder Essen kochen.

"Wie heißt das noch mal?"

Betroffene leiden immer mehr unter Wortfindungsschwierigkeiten, z.B. wie heißt das rote, große Auto? Gemeint ist eine Feuerwehr. Sie verlieren beim Gespräch den Faden, der aktive Wortschatz nimmt immer mehr ab.

"Wie komme ich nach Hause?"

Betroffene leiden immer mehr unter Orientierungsproblemen. Sie verirren sich leichter in fremder Umgebung, finden sich im gewohnten Umfeld immer schwerer zurecht.

Neben diesen Symptomen, die die geistigen Fähigkeiten betreffen, können auch psychische Verhaltenssymptome auftreten.

Zu den Verhaltenssymptomen können gehören:

  • Streitlustiges Verhalten, das schon an Aggression grenzt
  • Überschwängliche Hochstimmung
  • Hemmungsloses Verhalten
  • Eine krankhafte innere Unruhe, die sich in einem sehr starkem Bewegungsdrang äußern kann 
  • Wahnvorstellungen, wie das Hören von Stimmen
  • Aber auch Teilnahmslosigkeit, Depression und Angst 

Bei etwa 80 Prozent aller Patientinnen und Patienten mit Demenz tritt zumindest eines dieser Symptome auf.

Für die Erkrankten selbst sind diese Symptome oft belastend. Auch für Pflegende und Angehörige stellen sie eine große Herausforderung dar.

Gegen das Vergessen

Helfen Sie Betroffenen. Bei ersten auffallenden Gedächtnisproblemen sollte der Hausarzt aufgesucht werden, die Beschwerden schildern. Vor allem, wenn sich die Gedächtnisstörungen häufen. Eine Reihe von Untersuchungen und Tests können zeigen, welche Ursachen für die Ausfälle verantwortlich sind und ob sich der Anfang einer Demenzerkrankung abzeichnet.


Pflegefall in der Familie: Hilfe für Angehörige

Wird ein Angehöriger pflegebedürftig, stellt das die betroffenen Familien meist vor eine große Herausforderung. Neben der emotionalen und psychischen Belastung drängen sich organisatorische und existentielle Fragen auf:

  • Wer übernimmt die Pflege?
  • Ist die Pflege zu Hause möglich?
  • Welche Leistungen, Zuschüsse gibt es und wo müssen sie beantragt werden?
  • Ist die Pflege Angehöriger mit dem Beruf vereinbar?
  • Bekommt man schnell einen Pflegedienst?
  • Muss die Wohnung behindertengerecht umgebaut werden oder reichen Hilfsmittel, um die körperlichen Defizite des Pflegebedürftigen zu überbrücken?
  • Warum ist eine Vorsorgevollmacht wichtig?

Pflegegrade haben Pflegestufen ersetzt

Eine Fau legt ihren Hand auf die eines Mannes
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Um Leistungen der Pflegeversicherung für eine ambulante oder stationäre Pflege oder auch für eine Tagespflege in einer Pflegeeinrichtung in Anspruch nehmen zu können, muss zunächst die Pflegebedürftigkeit des Betroffenen festgelegt werden. Das geschieht über ein sogenanntes Pflegegutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK).

Über den MDK erfolgt eine Zuordnung in einen der fünf Pflegegrade. Diese beziehen sich auf die Schwere der vorliegenden Beeinträchtigungen sowie den täglichen Pflegeaufwand. Je nach Pflegegrad stehen den Betroffenen und pflegenden Angehörigen dann gesetzliche Leistungen zu.

Das Hauptkriterium für die Einteilung in einen Pflegegrad ist die Zeit, die benötigt wird, um die Grundpflege einer pflegebedürftigen Person zu gewährleisten. Dazu gehören:

  • Körperpflege: Waschen/Duschen/Baden, Zahnpflege, Kämmen, Rasieren, Toilettengang
  • Ernährung: mundgerechte Zubereitung und Aufnahme der Nahrung
  • Mobilität: Aufstehen/Zubettgehen, An- und Auskleiden, Unterstützung bei der Bewegung und zum Beispiel bei Arztbesuchen

Zusätzlich gehören noch weitere – allerdings weniger schwer gewichtete – Kriterien zur Einschätzung der Pflegebedürftigkeit dazu. Im Bereich der hauswirtschaftlichen Versorgung sind das etwa Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen und Wechseln der Wäsche.

Pflegestützpunkte helfen

Bei der Entscheidung, welche Art der Pflege für den Betroffenen und seine Familie die beste und machbarste ist, können die die sogenannten Pflegestützpunkte helfen. Pflegestützpunkte sind öffentliche Beratungsstellen, getragen von Kranken- und Pflegekassen, Kommunen und Ländern.

Es gibt sie in allen Bundesländern. Sie sind als erste Anlaufstelle gedacht, wenn Menschen Pflege benötigen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beraten individuell, neutral und kostenfrei. Sie geben einen Überblick über die verschiedenen ambulanten und stationären Pflegemöglichkeiten und helfen bei der Beantragung von Leistungen. Eine Beratung kann vor Ort im Pflegestützpunkt, am Telefon oder im häuslichen Umfeld stattfinden.

Worauf sollten sich Kinder einstellen, die die Pflege ihrer Eltern selbst übernehmen wollen?

Die Hand einer Frau hält die Hand eines älteren Mannes.
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Das ist pauschal schlecht zu beantworten. Pflegebedürftigkeit kann plötzlich oder langsam und schleichend entstehen. Die Versorgung kann krankheits- oder unfallbedingt sehr verschieden sein. Wichtig ist, sich möglichst frühzeitig zu informieren.

Ein erster wichtiger Schritt ist die Informationsbeschaffung. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bietet mit dem Pflegetelefon schnelle Hilfe und Orientierung.

Zu folgenden Fragen können Sie unter anderem Hilfe bekommen:

  • Wie wird Pflege organisiert?
  • Welche Einrichtungen und Dienste gibt es?
  • Welche Kosten entstehen? Wie funktioniert die Familienpflegezeit?
  • Wer hilft mir, wenn ich nicht mehr kann?

Beratungsgespräche

Das Pflegetelefon ist von Montag bis Donnerstag zwischen 9.00 und 18.00 Uhr unter der Rufnummer 030 20179131 und per E-Mail an info@wege-zur-pflege.de zu erreichen.

Die telefonischen Beratungsgespräche sind anonym und vertraulich. Die Fachleute informieren auch zu weiteren Beratungs- und Hilfsangeboten in der eigenen Umgebung.

Welche Hilfen gibt es für pflegende Angehörige?

Das kann regional sehr verschieden sein. Das Bundesministerium informiert über die gesetzlichen Unterstützungsprogramme. Kommunen, Städte und Gemeinden informieren in den Ämtern und Behörden ratsuchende Angehörige.

Eine erste Anlaufstelle kann auch für Angehörige ein Pflegestützpunkt sein, wo viele Fragen beantwortet werden und Hilfe bei notwendigen Antragstellungen gegeben wird. Soziale Einrichtungen und Institutionen (etwa AWO, Caritas, Diakonie, DRK, der Paritätische) bieten auf zentralen Internetplattformen Informationen zum Thema Pflege an.

Selbsthilfe-Netzwerke bieten außerdem regelmäßigen Gedanken- und Erfahrungsaustausch.

Eine zentrale Anlaufstelle ist die "NAKOS" – Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen. Dort findet man Adressen, Informationen auch speziell über Selbsthilfe und Pflege.

Fragen und Antworten zum altersgerechten Wohnen

Schon planen, wenn die Eltern noch rüstig sind?

Die Antwort ist einfach: Je früher man sich mit dem Thema einer eventuellen Pflegebedürftigkeit beschäftigt, desto gründlicher und entspannter kann man sich vorbereiten, in Ruhe alle notwendigen Entscheidungen treffen. Pflegebedürftig kann ein Mensch jederzeit werden, das hat nicht unbedingt etwas mit Alter zu tun.

Kann es sinnvoll sein, frühzeitig aus der eigenen Wohnung auszuziehen?

Wenn zu vermuten oder gar absehbar ist, dass ich Hilfe und Unterstützung benötigen werde, kann es durchaus sinnvoll sein. Dann kann man sich vielleicht leichter an eine neue Umgebung und an andere Menschen gewöhnen.

Viele Menschen haben verständliche Hemmungen, über das Thema Pflege zu sprechen. Wie kann so ein Gespräch gelingen?

Am leichtesten ist das Thema Pflege anzusprechen, wenn es einen aktuellen Anlass oder Bezug gibt. Das kann ein Bericht in den Medien oder eine Begebenheit im Verwandten – oder Bekanntenkreis sein. Dann fällt es leichter die Frage nach den individuellen Wünschen zu stellen. Ein guter Ansatz ist auch, die eigenen Vorstellungen zu präsentieren und dann zu fragen, wie sich die andere Person die Situation für sich selbst vorstellt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 14. Mai 2020 | 17:00 Uhr