Herzinfarkt
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Herzchirurgie Stent schützt nicht vor Herzinfarkt

Deutschland hat die höchste Rate an Stentimplantationen bei koronarer Herzkrankheit. Studien zufolge senkt ein Stent nicht das Risiko eines Herzinfarktes. Die Bypassoperation biete einen lebensverlängernden Schutz. Dennoch steigt die Zahl der Stentimplantationen weiter an. Neueste Leitlinien empfehlen daher ein "Herzteam" aus Kardiologen und Herzchirurgen.

von Katharina Jünemann

Herzinfarkt
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Dass Jens Marx heute im Park spazieren gehen und die Sonne genießen kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn mehr als fünf Jahre litt der gelernte Maschinist unter starken Schmerzen im Brustbereich und im Rücken, sobald er körperlich aktiv war. "Wenn ich nichts gemacht habe, war wieder alles weg", sagt der 53-Jährige. Lange Zeit wurde eine Erkrankung der Wirbelsäule vermutet, bis Dr. Holger Sigusch, Kardiologe am Heinrich-Braun-Klinikum in Zwickau, eine Angina Pectoris bei Jens Marx feststellte. Die Herzkatheteruntersuchung zeigte eine lebensgefährliche Verengung der Herzkranzgefäße.

Dabei wird der Herzmuskel nicht mehr optimal durchblutet und mit Sauerstoff versorgt, wodurch Schmerzen im Brustbereich entstehen. Bei einer stabilen koronaren Herzkrankheit, wie sie bei Jens Marx diagnostiziert wurde, besteht dieser sogenannte Ischämieschmerz nur bei Belastung. In Ruhe wird das Herz noch mit ausreichend Sauerstoff versorgt. Dennoch ist die Gefahr eines Herzinfarktes hoch. Jedes Jahr bekommen deshalb Millionen Menschen weltweit einen Stent implantiert. Doch neueste Studien belegen: der Stent lindert zwar die Brustenge, schützt im Gegensatz zu einem Bypass bei schweren Fällen von koronarer Herzkrankheit (KHK) jedoch nicht vor einem Herzinfarkt.

Bypass besser als Stent

Bisher wurde davon ausgegangen, die Hauptwirkung von Stent und Bypass liege gleichermaßen in der Wiederherstellung der normalen Blutversorgung zum Herzen, mit dem Vorteil, dass eine Stentimplantation weniger aufwendig ist. Mit einem Stent werden allerdings nur hochgradige Gefäßverengungen versorgt. Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass fast 90 Prozent aller Herzinfarkte von weniger schlimmen Engstellen ausgehen. Somit ist ein Stent nur bei leichten Formen der koronalen Herzerkrankung mit nur ein oder zwei lokalen Engstellen die beste Therapieoption. Sind mehrere Gefäßabschnitte betroffen, zeigt sich die Bypassoperation überlegen.

Laut internationaler Studienlage kann nicht der Stent, sondern nur ein Bypass vor neuen Infarkten schützen. So auch bei Herzpatient Jens Marx. Aufgrund einer komplexen Drei-Gefäß-Erkrankung, bei der alle drei Herzkranzgefäße verengt sind und die Pumpfunktion des Herzens stark eingeschränkt ist, entscheidet sich Kardiologe Doktor Sigusch gegen eine Stentimplantation. "Bei der Komplexität der Erkrankung ist die Bypass-Operation die beste Lösung", erklärt er. Die Gefahr eines Herzinfarktes ist hoch. Jens Marx wird sofort in die Herzchirurgie des Universitätsherzzentrums Jena verlegt. Dort überprüft Oberärztin Gloria Färber das Herz mit einem sogenannten Koronar-CT (Computertomographie).

Computertomographie
Computertomographie Bildrechte: Colourbox

Das neue Bildgebungsverfahren ist nichtinvasiv und in der Therapieempfehlung gleichwertig gegenüber einer Herzkatheteruntersuchung. Und das Ergebnis des Koronar-CT ist eindeutig. Genau wie die Spezialisten in Zwickau sehen auch die Herzchirurgen in Jena mehrere gefährliche Engstellen der Herzkranzgefäße von Jens Marx. Die Zeit drängt. Nur einen Tag später wird der 53-Jährige operiert. Die Bypassoperation ist aufwendig und schwierig. Der Brustkorb muss eröffnet werden und die Verlegung der neuen Blutbahn erfolgt am schlagenden Herzen. "Vergleicht man die Bypass-Operation mit dem Setzen eines Stents, ist am Tag der Prozedur die Bypassoperation natürlich belastender. Aber das Ganze ist ein Investment in die Zukunft. Der Patient hat eine deutlich längere Lebenserwartung und ein niedrigeres Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden", sagt Dr. Gloria Färber. Die Operation dauert mehr als drei Stunden. Da Jens Marx bereits schwer herzkrank ist und alle drei Kranzgefäße erkrankt sind, bekommt er drei Bypässe angelegt. Heute, sechs Monate nach der Operation, kann er wieder lachen und ein normales Leben führen.

Unterschied zwischen Bypass und Stent Um die Gefäßverengungen zu beseitigen, gibt es zwei Möglichkeiten: einen Stent oder einen Bypass. Ein Stent ist ein mit Medikamenten beschichtetes Röhrchen, das in die Arterie geschoben wird. Ein Bypass ist vereinfacht eine Umleitung, eine Überbrückung der verstopften Stelle mit einem neuen Gefäß.

Ein Herz-Team kann Leben retten

Operationsteam bei der Arbeit
Operationsteam bei der Arbeit Bildrechte: colourbox.com

Jährlich werden in Deutschland ungefähr 350.000 Stents eingesetzt. Eine Bypassoperation bekommen jedoch nur rund 30.000 Menschen. Trotz der wachsenden Datenlage über deren lebensverlängernde Wirkung sinkt die Zahl der durchgeführten Eingriffe jedoch kontinuierlich. Auch erfahren viele Patienten vor einer Stentimplantation gar nichts von der Möglichkeit einer medikamentösen Therapie oder der eines Bypasses. Prof. Torsten Doenst, Herzchirurg am Universitätsklinikum Jena und Autor eines kürzlich erschienenen Fachartikels über den Zusammenhang zwischen dem Schutz vor Infarkten und der Lebenserwartung der Patienten bei Stent und Bypass, sieht daher die Zusammenarbeit von Chirurgen und Kardiologen dringend angezeigt.

Für Herzpatienten, denen ein Stent eingesetzt werden, soll ist es nämlich lebenswichtig, immer auch eine herzchirurgische Meinung zu bekommen. Die Leitlinien der kardiologischen Fachgesellschaften empfehlen daher das sogenannte Herz-Team. Patientenbefunde werden in einem Team aus Herzchirurgen und Kardiologen gemeinsam besprochen und so die optimale Therapie individuell ausgewählt. Entscheidungshilfe bietet das sogenannte "Ampelsystem". Es besagt, dass eine Bypassoperation praktisch immer erfolgen kann, aber eine Stentimplantation bei sehr komplexen Erkrankungen nicht empfohlen wird. Die Beurteilung dazu wird in den kardiologischen Leitlinien genauestens beschrieben. Von einer koronaren Herzkrankheit betroffenen Patienten rät Prof. Doenst, eine Therapieempfehlung möglichst von einem Herzteam aus Kardiologen und Herzchirurgen einzuholen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 04. April 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 09:00 Uhr