Digitale-Versorgung-Gesetz Apps auf Rezept erst ab Mitte 2020

Patienten, die eine Gesundheits-App von der Krankenkasse bezahlt haben wollen, müssen sich noch etwas gedulden. Das weltweit erste "App-Rezept" wird wohl erst Mitte 2020 ausgestellt werden. Wir erklären, wie es funktioniert und was zu beachten ist.

Gesundheits-App, die die Daten eines Fitnessarmbandes anzeigt und auswertet.
Gesetzliche Krankenkassen bezahlen künftig geprüfte und vom Arzt verordnete Gesundheits-Apps. Bildrechte: dpa

Die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigte "App auf Rezept" wird es wohl erst Mitte 2020 geben. Wie ein Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf Anfrage von MDR AKTUELL mitteilte, wird die "Rechtsverordnung" zu dem Gesetz nicht vor Mitte März erwartet. Mit einem ersten Verzeichnis von Apps, die die Krankenkassen bezahlen und auf die Ärzte zugreifen können, rechnet der Sprecher schließlich nicht vor "Mai, Juni 2020".

Die "App auf Rezept" ist Teil des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG), dem der Bundesrat Ende November zugestimmt hat und das im Januar in Kraft tritt. Im Bundestag hatte Spahn damit geworben, dass Deutschland der weltweit erste Staat sei, der digitale Gesundheitsanwendungen auf Rezept einführe.

Das BfArM muss laut Gesetz prüfen, ob digitale Gesundheits-Anwendungen notwendige Anforderungen erfüllen. Dabei geht es unter anderem um Funktionalität, Nutzerfreundlichkeit, Datenschutz und Datensicherheit. Besteht eine Anwendung den Test, kommt sie in das "Verzeichnis für digitale Gesundheitsanwendungen".

Diabetes-Tagebücher werden bezahlt - Schrittzähler nicht

Bei den Apps handelt es sich nach Angaben des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) um Angebote fürs Smartphone oder PC, die Erkrankungen erkennen oder überwachen beziehungsweise bei der Heilung oder Milderung behilflich sein sollen.

So gibt es bereits eine ganze Reihe von Anwendungen, die Patienten beim Selbstmanagement etwa von Diabetes, Asthma oder Rückenschmerzen unterstützen. Dabei kommen oft Symptom-Tagebücher oder Dokumentationshilfen für Messwerte etwa von Blutzucker oder Blutdruck zum Einsatz. Apps können informieren, an die regelmäßige Einnahme von Medikamenten erinnern oder Hilfe bei Schwangerschaften bieten. Einzelne Apps können auch die ärztliche Behandlung unterstützen, etwa bei depressiven Störungen.

Produkte, die allein auf Lifestyle und Wellness abzielen, sollen laut GKV nicht finanziert werden. Gemeint sind etwa Schrittzähler, Fitnesstracker, Ernährungs- und Bewegungs-Apps.

Wenn es gelingt, hier die Spreu vom Weizen zu trennen, können digitale Gesundheitsanwendungen mit einem medizinischen Nutzen tatsächlich ein Gewinn für die Versorgung werden.

GKV-Sprecherin Ann Marini auf Anfrag von MDR AKTUELL

Krankenversicherungen gehen in Vorkasse

Die gesetzlichen Krankenversicherungen tragen zunächst für ein Jahr die Kosten für eine App. In diesen zwölf Monaten muss der Hersteller nachweisen, dass sein Angebot die Versorgung der Patienten verbessert.

Welchen Weg Anbieter dafür gehen müssen, wird in der zu erwartenden Rechtsverordnung beschrieben sein. Für Kritik von verschiedenen Seiten sorgten bereits Vorgaben, wonach wissenschaftliche Studien als Belege für den Nutzen einer Gesundheits-App nicht vorgeschrieben sind, sondern "Fallberichte, Expertenmeinungen, Anwendungsbeobachtungen, Studien oder sonstige valide Erkenntnisse".

AOK rechnet mit Milliarden-Mehrkosten pro Jahr

Der AOK-Bundesverband warnt allerdings vor einem "erheblichen Kostenrisiko" für die gesetzlich Versicherten. Nach den Worten von Vorstandschef Martin Litsch ergab eine Stichproben-Berechnung mit Angeboten von drei Anbietern und einer geschätzten Verschreibungsquote von 25 Prozent Mehrkosten von jährlich 2,5 Milliarden Euro für die Krankenkassen.

Bedenken bei der Datensicherheit

Umstritten ist auch der Datenschutz, der laut Experten bei vielen Gesundheits-Apps oft nicht gewährleistet ist. Nach einem Bericht des Ärzteblattes, das sich auf die Computerzeitschrift c't beruft, wird zum Beispiel die Diagnose-Chat-App Ada verdächtigt, sensible Daten ohne Wissen des Nutzers an Facebook und Analysefirmen in den USA übermittelt zu haben.

Auch bei der Krankenkassen-App Vivy soll es laut c't Ende 2018 womöglich erhebliche Sicherheitslücken gegeben haben. Daten von 13,5 Millionen Nutzerinnen und Nutzern seien gefährdet gewesen.

Tipps von Verbraucherschützern für die App-Auswahl :

Fragen Sie sich:

  • Welche Funktion soll die App erfüllen? Stimmt die tatsächliche Funktion mit der versprochenen überein? Achtung: Gratis-Programme haben oft einen sehr begrenzten Funktionsumfang.
  • Wer ist der Hersteller der App: ein wissenschaftliches Institut, Mediziner, Pharmaunternehmen, Krankenkassen? Hat jemand ein Interesse daran, Ihnen seine Produkte zu verkaufen?
  • Wie wird die App finanziert? Wird Werbung eingeblendet, werden Sponsoren genannt? Gerade kostenlose Apps finanzieren sich über Datenhandel und Werbung.
  • Sind die Ratschläge und Informationen verständlich? Sind die ausgegebenen Daten/Werte plausibel? Unterscheiden sich die gemessenen Werte (z. B. Blutzuckerwerte) erheblich von den vom Arzt gemessenen Werten?
  • Wird bei kritischen Werten darauf hingewiesen, einen Arzt zu Rate zu ziehen?
  • Was soll die App können, was muss sie daher vom Nutzer verlangen? Verlangt die App zum Beispiel Zugriff auf das Adressbuch, obwohl sie nur eine reine Dokumentationsfunktion hat?
  • Sind die geforderten Zugriffsberechtigungen tatsächlich für die Funktion der App notwendig?
  • Gibt es Hinweise zur Weitergabe von Daten an Dritte und wenn ja, an wen und zu welchem Zweck?
  • Wo werden die Daten gespeichert: auf Ihrem Smartphone/Tablet oder extern beim Anbieter? Bei einer externen Speicherung verlieren Sie möglicherweise die Kontrolle über die Daten.


Quelle: Netzwerk der Verbraucherzentralen

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. November 2019 | 12:00 Uhr