Tipps für den Praxisbesuch Arzt und Patient: So klappt die Kommunikation

Mancher Patient geht so ungern zum Arzt, dass er trotz Beschwerden die Sprechstunde meidet. Dabei ist gerade Vertrauen oft Teil des Therapieerfolgs, erklärt die Dermatologin Dr. Yael Adler. Was kann man dafür tun?

Gelungene Kommunikation basiert auf Vertrauen und gegenseitigem Respekt. Gerade in einer hochsensiblen Beziehung wie der zwischen Arzt und Patient sind diese Faktoren grundlegend, in manchen Fällen vielleicht sogar lebenswichtig. "Ich bin fest davon überzeugt, dass ein gutes, ein intaktes Verhältnis zwischen Arzt und Patient eine therapeutische Wirkung hat", schreibt Dr. Yael Adler in ihrem Buch "Wir müssen reden, Frau Doktor! Wie Ärzte ticken und was Patienten brauchen". Darin heißt es: "Bei der Behandlung vieler, vor allem chronischer Leiden sind Zuwendung und Vertrauen oft wichtiger als der Einsatz von Hightech-Medizin."

Therapie-Erfolg durch Vertrauen

In kaum einem anderen Land würden Ärzte und Patienten jedoch so wenig miteinander sprechen wie in Deutschland. "Und in kaum einem anderen Land werfen sich so viele Patienten Heilpraktikern und alternativen Heilern in die nicht immer kompetenten Arme", so Adler. Der Grund sei simpel: "Im Schatten der Klangschale wird zugehört und gesprochen, und die Patienten haben das Gefühl, wirklich als ganzheitlicher Mensch wahrgenommen zu werden." Wer etwas im Verhalten oder Lebensstil des Patienten verändern möchte, müsse zuerst dessen Vertrauen gewinnen.

Yael Adler
Die Dermatologin Dr. Yeal Adler sagt über den idealen Arzt: "Er zeigt Respekt für das, was bisher schon geschafft wurde". Bildrechte: imago/Sven Simon

Partnerschaft auf Augenhöhe

"Das Gespräch zwischen Arzt und Patient ist Beziehungsarbeit", sagt Yael Adler. Das sei wie in der Liebe: "Wenn der Arzt nicht zuhört oder ständig an den Bedürfnissen des Patienten vorbeiredet, gerät die Beziehung in Gefahr. Ärzte sollten sich Patienten gegenüber respektvoll und empathisch verhalten, es sollte eine Partnerschaft auf Augenhöhe sein."

Den idealen Arzt beschreibt sie in ihrem Buch wie folgt: "[Er] gibt dem Patienten ausreichend Zeit, seine Situation zu verarbeiten, er benennt die vorherrschenden Gefühle und sagt, dass er versteht, warum der Patient Angst hat. Er zeigt Respekt für das, was bisher schon geschafft wurde und wie der Patient alle bisherigen diagnostischen Maßnahmen und Therapien bewältigt hat. Er bietet bereitwillig Unterstützung an, fragt, was am besten in dieser Situation helfen könnte, und erkundigt sich auch nach anderen Sorgen. Er steht für weitere Gespräche zur Verfügung und leitet den Patienten gemeinsam mit anderen Ärzten und Pflegekräften durch die schwere Zeit. Der Arzt ist erreichbar. Auch später noch."

Auch Patient soll Verantwortung übernehmen

Aber auch der Patient hat einen Anteil an einer gelungenen Kommunikation. "Eine gute Beziehung braucht zwei gleichwertige Partner", so Adler. "Deshalb sollten Patienten ihre Rechte und Pflichten kennen und gut vorbereitet zum Arzttermin kommen. Natürlich hilft es auch, pünktlich zu sein und im Arztgespräch möglichst wenig zu flunkern - also nicht heimlich die Tabletten absetzen und dann so tun, als hätte man sie doch  genommen."

Eine Gruppe von Menschen betreibt Gymnastik am Boden
Mit Sportkursen können Patienten eigenständig etwas für ihren Körper und die Gesundheit tun. Bildrechte: colourbox.com

Mindestens genau so wichtig ist es jedoch, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen – weg vom passiven, hin zum souveränen Patienten: "Finden Sie heraus, was Sie selbst zur Heilung einer Krankheit beitragen können. Bleiben Sie aktiv, auch wenn Sie bereits erkrankt sind.

Klären Sie, ob es Bewegungs- und Sportprogramme gibt, die gut zu Ihnen passen. Erproben Sie Meditation, autogenes Training oder andere Entspannungstechniken. Nutzen Sie die Hilfe von Psychologen oder Psychotherapeuten. Werden Sie unabhängig und stark, werden Sie zu einem mündigen Patienten, einem Partner für Ihren Arzt."

Alles sagen in acht Minuten

Etwa acht Minuten spricht ein Mediziner in Deutschland derzeit im Durchschnitt mit seinen Patienten. Gerade, wer einen Termin bei einem Arzt hat, den er noch nicht kennt, sollte sich deshalb gut darauf einstellen, um nichts zu vergessen. "Bereiten Sie am besten eine Checkliste vor mit den wichtigen Themen, die Sie besprechen wollen, und kündigen Sie diese Liste am Anfang auch an, damit der Arzt sich die Zeit einteilen kann", empfiehlt Adler.

Gut vorbereiten

"Bringen Sie – wenn möglich – alle wichtigen Unterlagen mit, wie Arztbriefe, Laborwerte und Vorbefunde. Sollte es um eine ernste Erkrankung oder eine komplizierte Diagnose gehen, lassen Sie sich von einem nahestehenden Menschen begleiten, denn vier Ohren hören mehr als zwei.“ Je besser der Arzt versteht, was von ihm gewünscht wird, desto einfacher kann er die Erwartungen auch erfüllen.

Die Top 5 der "Patienten-Nerv-Liste" nach Yael Adler 1. "Ja, aber…" sagen - ein verbales Zeichen für einen Machtkampf. Da will einer Recht behalten; das geht auf Kosten des partnerschaftlichen Gefühls.
2. Den Arzt testen: "Was mir fehlt? Schauen Sie mich an und sagen SIE es mir!" – niemand mag es, auf die Probe gestellt zu werden.
3. Nicht die Wahrheit sagen – nur dem, der offen zugibt, dass Dinge anders gelaufen sind als verabredet, kann geholfen werden.
4. Nicht zum Punkt kommen – versuchen Sie, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ein guter Arzt wird nachfragen, wenn ein Detail fehlt.
5. Arztbesuch aus Langeweile – wer möchte, dass Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten haben, sollte darüber nachdenken, wie sich unnötige Arztbesuche vermeiden lassen - natürlich ohne die Gesundheit zu riskieren.

Krankenhaus: Heilanstalt oder Wirtschaftsunternehmen?

Krankenhäuser stehen heute in einem harten Wettbewerb miteinander. Von oben dirigieren meist die Klinikmanager. Sie profitieren vom derzeitigen Bezahlsystem der Krankenkassen. Während früher Patienten nach Liegetagen abgerechnet wurden, werden sie seit einigen Jahren als Fall betrachtet. Zu jeder Fall-Diagnose gibt es einen bestimmten Code.

Dahinter verbirgt sich eine Behandlungsrichtlinie, die die Ärzte einhalten sollen. Das ist aber oft nicht die patientenfreundlichste, sondern die finanziell lukrativste. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft dementiert, dass Patienten aus rein wirtschaftlichen Gründen behandelt werden: "Die Zahl der Fälle eines Krankenhauses ergibt sich aus der medizinischen Notwendigkeit und hat keinen anderen Grund", so ein Sprecher. Die Realität sieht leider anders aus.

Europäische Versichertenkarte der Krankenkasse
Krankenhäuser profitieren vom derzeitigen Bezahlsystem der Krankenkassen. Bildrechte: imago/M.Zettler

Patient als Wirtschaftsfaktor

Der Gesundheitswissenschaftler und Medizin-Ethiker Karl-Heinz Wehkamp hat auf eigene Kosten eine Studie durchgeführt, für die er Ärzte anonym interviewt hat. Die Fragestellung: Stehen Ärzte bei ihren medizinischen Entscheidungen unter betriebswirtschaftlichem Druck? Hinter vorgehaltener Hand wurden ihm wahre Horrorgeschichten erzählt. Die Befragten sollten versuchen, mehr Geld für die Kliniken rauszuholen.

"Das kann man dadurch machen, dass man kompliziertere Fälle behandelt, die besser bezahlt werden", sagt Karl-Heinz Wehkamp. "Oder indem man mehr Patienten aufnimmt oder indem man Patienten, die unwirtschaftlich sind, nicht aufnimmt. Dazu kommt, dass man Patienten möglichst schnell zu dem Zeitpunkt wieder entlässt, wo sie sozusagen die mögliche Geldmenge eingespielt haben." Die Folge: Operationen ohne deutlichen Mehrwert, bei denen es nicht um den Patienten, sondern um Geld geht.

Anästhesisten bereiten einen Patient auf eine Operation vor
Stehen Ärzte bei ihren medizinischen Entscheidungen unter betriebswirtschaftlichem Druck? Bildrechte: dpa

Bei Zweifeln: Unabhängige Patientenberatung Vermutet ein Patient, dass eine unnötige Behandlung durchgeführt werden soll, kann er oder sie sich an die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) wenden. Ein Team aus ärztlichen, zahnärztlichen und pharmazeutischen Beratern erläutert Befunde, berät bei medizinischen Entscheidungen und fragt im Zweifelsfall beim behandelnden Arzt nach.

Die Beratung ist kostenfrei. Die UPD ist telefonisch unter der 0800 011 7722 (gebührenfrei aus allen Netzen) zu erreichen (Montag-Freitag von 8.00-20.00 Uhr, Samstag von 8.00-16.00 Uhr).

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 01. Oktober 2020 | 21:00 Uhr

Ein Angebot von

Zurück zur Startseite