Bein mit Schürfwunde
Harmlos erscheinende Verletzungen können gefährliche Auswirkungen haben. Bildrechte: imago/Manfred Segerer

Blutvergiftung Sepsis – die unterschätzte Gefahr

Etwa alle vier Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an einer Blutvergiftung. Allein in Deutschland erkranken jährlich knapp 300.000 Menschen an einer Sepsis, so der medizinische Name. Circa ein Viertel von ihnen überlebt sie nicht. Wie bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall ist die Zeit ein entscheidender Faktor bei der Diagnose und der Therapie.

von Beate Splett

Bein mit Schürfwunde
Harmlos erscheinende Verletzungen können gefährliche Auswirkungen haben. Bildrechte: imago/Manfred Segerer

Wie kommt es zu einer Sepsis?

Eine Blutvergiftung kann verschiedene Auslöser haben: eine Lungenentzündung, einen scheinbar harmlosen Harnwegsinfekt oder auch Verletzungen bei der Gartenarbeit oder nach einem chirurgischen Eingriff. Besonders anfällig sind Menschen mit einer geschwächten Immunabwehr. Bei ihnen schafft das Abwehrsystem des Körpers nicht, die Infektion lokal einzudämmen und zu bekämpfen. Die typischen Symptome ähneln zu Beginn häufig einem grippalen Infekt oder einer Grippe: Schüttelfrost, Fieber, körperliche Schwäche. Deshalb werden sie oft auch erst spät erkannt. Kommt es außerdem zu Verwirrtheit, beschleunigter Atmung und schnellem Herzschlag, sollte man dringend handeln. Bei einer fortgeschrittenen Sepsis treten zusätzlich Organschädigungen auf, weshalb es zum Nierenversagen, zu einer Gelbsucht (bei geschädigter Leber) oder schwerer Atmung kommen kann, wenn die Lunge betroffen ist.

Was passiert bei einer Sepsis im Körper?

Symbolbild Bakterien im Blut
Bildrechte: imago/Science Photo Library

Eine Sepsis wird durch Bakterien, Pilze oder Viren verursacht, am häufigsten durch Bakterien. Sie bilden Giftstoffe und lösen eine starke lokale Entzündungsreaktion aus. Kann die Immunabwehr des Körpers die Infektion nicht bekämpfen, breiten sich die Erreger immer weiter aus. Der Organismus bekämpft sie mit einer überschießenden Abwehrreaktion. Sie richtet sich auch gegen körpereigene Zellen und kann Gewebe und Organe schädigen – bis hin zum Organversagen, einem sogenannten septischen Schock. Außerdem gerinnt das Blut leichter und die Durchblutung verschlechtert sich. Bei einem septischen Schock weiten sich die Blutgefäße und der Blutdruck fällt stark ab. Die Organe können nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden und versagen. Es besteht akute Lebensgefahr.

Die Zeit läuft

Petrischale mit Bakterienkulturen
Bildrechte: imago/Medicimage

Ähnlich wie bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall ist der Zeitfaktor bei Diagnose und medikamentöser Behandlung einer Sepsis entscheidend. Doch um die genauen Erreger zu kennen und therapieren zu können, müssen vorher im Labor Blutkulturen der Patienten angezüchtet werden. Das kann bis zu drei Tage dauern, es vergeht wertvolle Zeit, die Leben kosten kann. Und: Nur etwa 20 bis 40 Prozent der Erreger können bisher im Labor eindeutig identifiziert werden. Das macht auch den Einsatz gezielter Antibiotika für viele Patienten nahezu unmöglich. "Wir brauchen keine neuen Antibiotika, sondern bessere Diagnostik, die uns erlaubt, die vorhandenen Antibiotika gezielter einzusetzen", sagt Professor Michael Bauer, Klinikdirektor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Uniklinikum Jena. Bei Verdacht auf eine Blutvergiftung wird häufig schon zu Beginn mit einem Breitbandantibiotikum behandelt, um nicht noch mehr Zeit verstreichen zu lassen.

Ein Chip soll helfen

Wissenschaftler am Jenaer Leibniz-Institut für Photonische Technologien entwickeln gemeinsam mit den Intensivmedizinern der Uniklinik Jena eine Methode zur Früherkennung. Ein kleiner Chip soll dabei das Labor ersetzen. Auf ihn werden Erreger aus dem Urin des Patienten und gleichzeitig verschiedene Antibiotika gegeben. Dann werden sie mit einem Laser bestrahlt. Eine künstliche Intelligenz wertet den molekularen Fingerabdruck der Proben aus und erkennt, welche Antibiotikatherapie für den speziellen Erreger die richtige ist – und das innerhalb nur weniger Stunden. "Jede Verbesserung der Diagnostik ist für alle Beteiligten ein großer Schritt nach vorne, weil dieser doch sehr liberale Umgang mit Reserve-Antibiotika für den Patienten, für das Gesundheitssystem und für uns als behandelnde Ärztin eine höchst unbefriedigende Situation darstellt. Wenn wir innerhalb weniger Stunden ein Ergebnis erzielen könnten, wäre uns erheblich geholfen", erklärt Intensivmediziner Professor Bauer. Derzeit laufen Studien mit Patienten und Urinproben. Langfristig ist das Ziel, dass ein Blutstropfen die wichtigen Informationen liefert. Schon in drei bis fünf Jahren kann es soweit sein, dass Patienten von der Methode profitieren. Dann ließe sich mehr als die Hälfte der 75.000 jährlichen Todesfälle allein in Deutschland verhindern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 12. September 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2019, 13:29 Uhr