Für mehr Lebensqualität So können Sie den Geruchssinn trainieren

Den Geruchs- und Geschmackssinn zu verlieren, bedeutet weniger Lebensqualität. Eine erhebliche Einschränkung, die erst jetzt als Begleiterscheinung von COVID-19, vermehrt ins Bewusstsein rückt. Doch jeder Fünfte ist mindestens einmal im Leben davon betroffen. Viele ältere Menschen leiden darunter. Doch gerade für sie – die Älteren – gibt es Hoffnung: Das Zauberwort heißt Riechtraining.

Einer wissenschaftlichen Arbeit zufolge, die vor einigen Jahren im Deutschen Ärzteblatt erschien, hat ein Viertel der Bevölkerung ab einem Alter von 50 Jahren ein verschlechtertes Riechvermögen. "Je älter wir werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass Riechstörungen auftreten", sagt Professor Thomas Hummel, der an der HNO-Klinik der TU Dresden ein Interdisziplinäres Zentrum für Riechen und Schmecken ins Leben gerufen hat. Dorthin kommen Menschen, die oft einen erheblichen Leidensdruck haben.

Riechen beeinflusst Gefühle

"Wenn man nichts mehr riecht, weder sich selbst noch andere, weder Blumen noch Speisen, ist das ein ziemlich grauer, trostloser Alltag", beschreibt ein Betroffener seine Erfahrungen. Kein Wunder, denn die Nase spielt eine wichtige Rolle für unser Gefühlsleben. Das liegt an ihrer direkten Verbindung zu den Bereichen im Gehirn, die unsere Emotionen verarbeiten.

Manche Patienten in der Dresdner Spezialsprechstunde klagen, sie würden nichts mehr schmecken. Die Untersuchung ergibt dann aber eine Störung im Bereich des Geruchssinns. Dass beide Sinne so eng miteinander verbunden sind, hat physiologische Gründe. Unsere Rezeptoren für Riechen und Schmecken reagieren auf chemische Reize, also auf Geruchs- und Geschmacksmoleküle. Manche Rezeptoren nehmen beides auf.

Professor Thomas Hummel
Professor Thomas Hummel hat an der HNO-Klinik der TU Dresden ein Interdisziplinäres Zentrum für Riechen und Schmecken ins Leben gerufen Bildrechte: MDR/Johannes Schiller

Hinweis auf ernsthafte Erkrankungen

Besonders verstörende Erfahrungen machen jene Patienten, für die der Morgenkaffee plötzlich nach Tankstelle oder eine Frucht nach Apotheke riecht. "Das können Indizien für Erkrankungen des Gehirns oder des Nervensystems sein, also Zeichen für eine Alzheimer- oder Parkinsonerkrankung", stellt Professor Hummel heraus, schränkt aber ein: "Keine Angst, das ist eher die Ausnahme." Man könne die Erkenntnis aber nutzen: "Kommen Patienten mit Parkinson zu uns und schneiden in einem standardisierten Riechtest überraschend gut ab, dann ist es relativ unwahrscheinlich, dass die Diagnose Parkinson überhaupt richtig ist. Dann sollte man die Diagnose überprüfen."

Eine Frauenhand, die ein Wasserglas hält wird von einer anderen Hans gehalten.
Geruchsstörungen können auch ein Indiz für eine Parkisonerkrankung sein. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Häufige Ursachen für Riechverlust

In den meisten Fällen sei eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung die Ursache einer Riech- oder Schmeckstörung. Auch nach Unfällen, bei denen der Kopf stark aufschlägt, bei denen es vielleicht zu inneren Blutungen kommt (was man als Schädel-Hirn-Trauma bezeichnet), sei Riechverlust eine typische Folge. Auch Allergien und bestimmte Medikamente könnten Riechstörungen auslösen. Und nach Infekten, also zum Beispiel nach einer Grippe, würden manchmal sogenannte postvirale Riechstörungen eintreten.

Frau riecht an einem Reagenzglas 5 min
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Hauptsache gesund Do 22.10.2020 21:00Uhr 04:54 min

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Hauptsymptom bei Coronainfektionen

Die Erforschung des Geruchssinns hinke der Erforschung des Hör- und Sehvermögens um mindestens 40 Jahre hinterher, schreiben die Autoren der Studie aus dem Deutschen Ärzteblatt. Bedauernd heißt es: "Das ist auch ein Hinweis darauf, dass Riechen im menschlichen Leben eine weitaus weniger wichtige Rolle spielt als Hören und Sehen."

Riechen 3 min
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Hauptsache gesund Do 16.04.2020 21:00Uhr 03:23 min

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Inzwischen stehen die Chancen gut, dass unseren bislang vernachlässigten Sinnen mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Erfahrungsberichte von Menschen, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben zeigen, dass Riech- und Schmeckstörungen offenbar eines der Hauptsymptome einer solchen Infektion sind. Sie treten bei vier von fünf Infizierten auf. Das ist das Ergebnis einer internationalen Onlinebefragung, an der auch das Dresdner Zentrum für Riechen und Schmecken beteiligt war. "Die meisten Coronapatienten können bisherigen Erkenntnissen zufolge die vier Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter und salzig weiter einigermaßen zuverlässig unterscheiden", fasst Professor Hummel zusammen. "Was sie vermissen, sind die Aromen der Lebensmittel." Grundsätzlich sollten plötzlich auftretende Riech- oder Schmeckstörungen von einem HNO-Arzt abgeklärt werden, betont Professor Hummel.

Verschiedene Gewürze in Schalen, auf Teller und Löffeln
Beim Riechtraining können auch Gewürze, wie Nelken, zum Einsatz kommen. Bildrechte: Colourbox.de

"Riechtraining" – was ist das?

Nicht alle Riechstörungen lassen sich beheben, viele schon. Allerdings nur, wenn die Betroffenen Geduld und Disziplin mitbringen. Ähnlich wie beim Trainieren der Muskulatur müsse auch der Geruchssinn regelmäßig stimuliert werden, damit er seine Funktion verbessert. Das tägliche bewusste Riechen an Duftstoffen könne erhebliche Verbesserungen bringen, haben mehrere Studien gezeigt.

Die Therapie müsse über mindestens vier Monate bis zu einem Jahr täglich ein bis zwei Mal durchgeführt werden. Hierfür werden bestimmte ätherische Öle empfohlen: Nelke, Eukalyptus, Rose und Limone. Professor Thomas Hummel schränkt allerdings ein: "Asthmatiker müssen bei der Verwendung reiner ätherischer Öle vorsichtig sein, denn sie könnten einen akuten Anfall auslösen. Ich empfehle dann eher aromatisierte Massageöle oder natürliche Duftstoffe, also die ganze Palette kräftig duftender Früchte oder Blumen. Auch Gewürze kann man verwenden, sofern sie nicht zu lange gelagert wurden."

Ein Mann riecht an Narzissen und einem Maiglöckchen.
Asthmatiker sollten beim Riechtraining auf natürliche Duftstoffe zurückgreifen - wie Früchte oder Blumen. Bildrechte: dpa

Kurse über die Krankenkasse

Einige Ärzte empfehlen ihren Patienten, beim Schnuppern eines Duftes gleichzeitig ein bestimmtes Bild in Gedanken entstehen zu lassen. Riecht man beispielsweise an einer Rose oder einem Rosenöl, sei das Visualisieren der Blume vor dem inneren Auge vorteilhaft. So verbinde sich allmählich ein Duft mit einer Vorstellung, was sowohl das Gehirn, als auch die Rezeptoren in der Nase schule. Es gibt organisierte Riechtrainings, angeleitet von erfahrenen Therapeuten. Einige dieser Kurse werden von den Kassen bezahlt. Professor Hummel rät aber, das Training auf jeden Fall zu Hause weiterzuführen, damit sich die gewünschten Effekte einstellen.     

Wie funktioniert das Riechen? "Riechen ist ein Austausch von Informationen mit Hilfe von Düften, also chemischen Stoffen", erklärt Professor Hanns Hatt, Biologe, Mediziner und Geruchsforscher: "Mit jedem Atemzug meldet unsere Nase, welche Duftmoleküle in der Luft sind." Jeder Mensch habe die gleichen 20 bis 30 Millionen Riechzellen. Jede Riechzelle sei für einen bestimmten Duft verantwortlich: "Gelangt ein Duft, sagen wir Vanille, aus der Luft in die Nase, dann gibt die Riechzelle ein elektrisches Signal über die Nervenfasern ans Gehirn und meldet dort: Ich bin von einem Vanillemolekül getroffen worden."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 22. Oktober 2020 | 21:00 Uhr

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