Debatte um Cannabis Hanf als Heilmittel?

Seit drei Jahren ist Cannabis als Medikament per Gesetz zugelassen. Es soll chronische Schmerzen verbessern und die Nebenwirkungen von Krebstherapien lindern. Auch bei vielen rezeptfreien Hanfprodukten ist die Hoffnung groß. Doch ihre Wirkungen sind bisher noch nicht erforscht.

Cannabisprodukte erleben seit einigen Jahren einen wahren Hype. Cannabis ist der lateinische Name für Hanf. Zu seinen Hauptbestandteilen gehören die Inhaltsstoffe THC und CBD. Sie sollen Schmerzen lindern, den Appetit anregen, Entzündungen hemmen und gegen Schlafstörungen und Unruhezustände helfen.

Cannabisagentur für Medizinalhanf

Seit März 2017 dürfen Ärzte chronische Schmerzpatienten unter strengen Voraussetzungen mit medizinischem Cannabis behandeln, wenn keine andere Therapie Wirkung zeigt. Dafür wurde eigens eine "Cannabisagentur" gegründet, die den Anbau und Vertrieb von Medizinalhanf in Deutschland regulieren soll.

Die Medikamente sind als Sprays, Kapseln oder ölige Tropfen erhältlich, aber auch als getrocknete Blüten oder Pflanzenextrakte, die über einen Verdampfer inhaliert werden. Die Therapie ist aufgrund von Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Schwindel aber nicht für jeden geeignet.

Der therapeutische Einsatz

Die Patienten bekommen das jeweilige Hanfmedikament als spezielles Betäubungsmittelrezept und müssen vor Beginn der Behandlung einen Antrag bei der Krankenkasse stellen. Die Therapie erfolgt nie anstelle anderer Medikamente, sondern immer zusätzlich. Doch was können die Hanfsubstanzen medizinisch tatsächlich leisten? Erste Erfolge gibt es bei der Therapie von Muskelkrämpfen bei Patienten mit Multipler Sklerose. Auch bestimmte seltene Formen der Epilepsie können damit gut behandelt werden. Bei Patienten in der Chemotherapie wegen einer Krebserkrankung sollen Übelkeit und Erbrechen gelindert werden.

Ein alter, oberkörperfreier Mann sitzt in einem Zimmer einer Ärztin gegenüber. 12 min
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Hauptsache gesund Do 10.09.2020 21:00Uhr 12:08 min

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THC und CBD – Was ist der Unterschied?

Der Unterschied zwischen verschreibungspflichtigen Cannabis-Medikamenten und rezeptfreien CBD-Produkten liegt hauptsächlich im THC-Gehalt. THC steht für "Tetrahydrocannabidiol". THC wirkt über bestimmte Rezeptoren im Gehirn und löst Rauschzustände aus. Der medizinische Begriff dafür ist Dronabinol.

Im Gegensatz dazu wirkt der Inhaltsstoff Cannabidiol (kurz: CBD) nur beruhigend – ohne Rausch. CBD wird aus weiblichen Hanfpflanzen gewonnen, deren THC-Gehalt generell nur sehr gering ist. Doch der Verkauf von CBD-Produkten bleibt eine rechtliche Grauzone. Im Sommer 2020 hat die EU-Kommission CBD-haltige Produkte als Betäubungsmittel eingestuft. Der THC-Gehalt von CBD-Produkten darf 0,2 Prozent nicht überschreiten. Nur dann fallen sie nicht unter das Betäubungsmittelgesetz.

Ein Beispiel: CBD-Öl gegen Schmerzen

Philipp Schottek leidet immer wieder unter starken, körperlichen Beschwerden. Der heute 31-Jährige wurde vor 17 Jahren hinterrücks angegriffen und an der rechten Schläfe schwer verletzt. Es kommt zu einer Hirnblutung. Mit mehreren Hirnoperationen können die Ärzte sein Leben retten. Seitdem hat er zwei große Titanplatten in seinem Kopf. Seit vier Jahren hat er immer wieder unerträgliche Kopfschmerzen, die in Schüben kommen. Mit seinen chronischen Beschwerden suchte er Rat in der Schmerzambulanz der Uniklinik Halle bei Dr. Lilit Flöther.

Mit Medikamenten konnte die Medizinerin ihm helfen. Seit vier Monaten nimmt der 31-Jährige zusätzlich auch CBD-Öl, ein Cannabis-Produkt. "Er hat auch entsprechende Medikamente, die ebenfalls die ganze Symptomatik beeinflussen. Aber wir haben überlegt, dass wir durch CBD, durch diese schmerzlindernde, angstlösende und diese beruhigende Wirkung von CBD, ein bisschen mehr auf die Krankheit einwirken können und vor allem auch mehr Lebensqualität schaffen können", erklärt die Schmerzexpertin.

Dr. Lilit Flöther, Schmerz- und Suchtspezialistin am Uniklinikum in Halle.
Dr. Lilit Flöther ist Leiterin der Schmerzambulanz am Uniklinkum Halle. Bildrechte: Karsten Möbius

Bemerkenswerterweise weiß allerdings noch niemand, was CBD im Körper genau auslöst. "Wie CBD wirkt, wissen wir wissenschaftlich noch gar nicht. Das heißt, wir haben keine klinischen Studien, die uns wissenschaftlich etwas beweisen. Deswegen muss man erstmal abwarten, bis die Forschung uns Daten zur Verfügung stellt", sagt Dr. Lilit Flöther. Selbst die Dosierung funktioniert bisher noch nach dem Versuch- und-Irrtum-Prinzip. "Die ersten Erfahrungen waren sehr gut, weil mich das aus meinem Loch geholt hat und diese Schmerzspitzen eingefangen werden konnten", erzählt Philipp Schottek.

Die Krankenkassen übernehmen die Behandlung mit CBD bisher nicht. Philipp Schottek muss die Kosten von etwa 70 Euro im Monat selbst tragen.

Hanfprodukte im Handel

Seit etwa 30 Jahren darf Nutzhanf in Deutschland angebaut werden. Deshalb gibt es auch immer mehr Hanfprodukte im Handel: Als Lebensmittel gibt es Hanfmehl, Hanftee oder Hanfsamen fürs Müsli inzwischen immer häufiger zu kaufen. In der Kosmetik kommt Hanföl aus Hanfsamen als Inhaltsstoff von Cremes und Badezusätzen zum Einsatz. Es soll die Haut mit wichtigen Nährstoffen versorgen. Die Produkte aus Hanfsamen gelten als unbedenklich, da nur die Blüten THC bzw. CBD enthalten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 29. Oktober 2020 | 21:00 Uhr

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