Engstelle im Handgelenk Karpaltunnel-Syndrom: Kribbeln, Schmerzen, taube Finger

Oft spüren Betroffene es zuerst in der Nacht: Sie wachen auf, weil die Hand eingeschlafen ist. Schmerzen ziehen sich über die Handinnenseite zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger. Dahinter kann das sogenannte Karpaltunnel-Syndrom stecken.

von Jörg Simon

Eine Frau massiert ihr Handgelenk.
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Der Karpaltunnel führt keineswegs durch die Alpen, sondern mitten durch unser Handgelenk. Er ist eine Art natürliche Engstelle an der Handinnenseite. Durch den Tunnel verläuft ein wichtiger Nerv, der Nervus medianus. Er sorgt unter anderem für die Steuerung der Muskeln an Daumen und Fingern und meldet Sinnesreize von der Hand an das Gehirn zurück.

anatomische Darstellung der Hand
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Die Unterseite des Karpaltunnels bilden die Handwurzelknochen, sein Dach ist das aus festem Bindegewebe bestehende Karpalband. Der Medianus-Nerv muss sich den knappen Platz hier mit mehreren Sehnen teilen.

Bei vielen Menschen, vor allem bei Älteren und bei Frauen, wird der Raum für den Medianus-Nerv immer enger. Durch den ständigen Druck nimmt der Nerv auf Dauer Schaden. Die Folgen äußern sich zunächst in Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheit oder einem "pelzigen Gefühl" in den Fingern. Die Symptome betreffen meist die Handinnenseite zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger und treten häufig in der Nacht auf.

Verschlimmert sich das Syndrom, treten die Beschwerden auch bei Tage auf. Die Betroffenen spüren das zum Beispiel bei ausgedehnten Telefonaten oder nach längeren Fahrradtouren. Manchmal haben sie den Eindruck, plötzlich würde Strom durch den Arm schießen. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann es dann sogar zum Muskelabbau im Daumenballen kommen, wodurch die Greifkraft nachlässt.

Wodurch wird ein Karpaltunnel-Syndrom ausgelöst?

Schiene zur Behandlung des Karpaltunnelsyndrom
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Für die fatale Verengung rund um den Nerv gibt es verschiedene Ursachen. Bei manchen Menschen ist der Karpaltunnel von Geburt an enger als bei anderen. Nicht selten geht einem Karpaltunnel-Syndrom aber auch ein Knochenbruch voraus. Im Heilungsverlauf ändern sich dann die knöchernen Strukturen und fordern mehr Platz. Weitere Auslöser für die Verengung im Tunnel sind Schwellungen der hier verlaufenden Sehnenscheiden durch Überlastungen und Entzündungen oder Arthrose im Handgelenk. Auch Diabetiker oder Rheumapatienten haben ein höheres Risiko, ein Karpaltunnel-Syndrom zu entwickeln. Eine Schwangerschaft kann ebenfalls die Ausprägung des Syndroms begünstigen.

Generell spielt offenbar die Veranlagung die Hauptrolle. Oft wird zwar vermutet, dass bestimmte gleichförmige Arbeiten, bei denen die Handgelenke stark abgeknickt werden (Maschineschreiben, Maler- oder Montagetätigkeiten), zu einem Karpaltunnel-Syndrom führen. Tatsächlich kann das zwar das Auftreten der typischen Symptome verstärken und die Situation verschlimmern. Als alleinige Auslöser des Problems kommen diese Faktoren aber wohl weniger in Frage.

Wie wird diagnostiziert?

Ärzte können das Karpaltunnel-Syndrom zunächst anhand einiger einfacher Tests feststellen. Schmerzt der Karpaltunnel, wenn leicht gegen diese Stelle geklopft wird? Lassen sich die Beschwerden auslösen, wenn die Handgelenke stark gebeugt oder gestreckt werden? Bereitet es dem Patienten oder der Patientin Mühe, zum Beispiel eine Münze aufzuheben? Zur Sicherung der Diagnose wird in der Regel auch die Nervenleitfähigkeit gemessen. Zudem kann das Handgelenk mit Ultraschall untersucht werden.

Erste Regel: Ruhigstellen!

Wenn die lästigen Symptome nur gelegentlich auftreten, hilft oft schon die Schonung des betroffenen Handgelenks. Viele Menschen knicken nämlich ihre Handgelenke während des Schlafens unwillkürlich stark ab und provozieren damit die Symptome. In solchen Fällen wird eine sogenannte Nachtschiene verordnet, die das Abknicken verhindern soll. Eine Kortison-Injektion kann oft entzündliche Schwellungen an den Sehnen im Karpaltunnel abklingen lassen, die Beschwerden lassen dann nach.

Im Internet werden seit kurzem Geräte angeboten, mit denen ein verengter Karpaltunnel aufgedehnt werden soll. Dafür wird eine Manschette um das betroffene Handgelenk gelegt. Mit einem Gummiball wird nun Luft in die Manschette gepumpt, die dosierten Druck auf das Handgelenk ausübt und so den Karpaltunnel weiten soll. Das soll die Symptome lindern. "Das Prinzip ist durchaus plausibel", urteilt der Handchirurg Dr. Hans-Georg Damert von der Helios Bördeklinik Oschersleben. Weil die Strukturen um den Karpaltunnel allerdings sehr fest sind, ist mit Skepsis zu bewerten, welchen Effekt so eine Behandlung tatsächlich haben kann. Größere klinische Studien und Langzeitbeobachtungen fehlen. Momentan kann die Methode also nicht uneingeschränkt empfohlen werden.

Welche Operation kommt in Frage?

Sind die Beschwerden zu stark, ist eine Operation unumgänglich. Das Prinzip ist einfach: Der Chirurg spaltet das Karpalband, das den Karpaltunnel von oben abdeckt und schafft damit mehr Platz. Der Druck auf den Medianus-Nerv lässt nach.

Frisch operierte Hand nach einer Karpaltunnelsyndrom Operation
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Die OP ist ein relativ kleiner Eingriff, der oft ambulant erfolgt. Er lässt sich minimalinvasiv, also über ein Endoskop, oder aber mit einem offenen Schnitt durchführen. Keine der beiden Methoden hat im Vergleich mit der anderen einen eindeutigen Vorteil. Die minimalinvasive Version ist bei den Patienten beliebt, weil sie meist kleinere, weniger schmerzende Narben hinterlässt. Andererseits dauert dieser Eingriff länger und es treten etwas mehr Komplikationen auf. Einige Quellen sprechen auch von etwas schlechteren Langzeitergebnissen.

Karpaltunnel-Syndrom als Fehldiagnose

Symbolbild Karpaltunnelsyndrom
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Nicht immer allerdings wird das Karpaltunnel-Syndrom richtig diagnostiziert. Mitunter stecken ganz andere Probleme hinter den Beschwerden. Manchmal wird dann ohne Not operiert. Ähnliche Krankheitszeichen wie beim Karpaltunnel-Syndrom können nämlich auch dadurch auftreten, dass der verantwortliche Nerv an ganz anderen Stellen abgedrückt wird, etwa durch bestimmte Muskeln am Halsansatz oder auf Höhe der Brust. Das Problem liegt dann also nicht im Handgelenk. Eine Operation ist in diesem Fall schon gar nicht nötig – oft hilft schon eine bessere Körperhaltung gegen die verspannten Muskeln. Weiterhin können Nervenentzündungen aufgrund einer Autoimmunerkrankung oder Probleme mit den Blutgefäßen zu Symptomen führen, die denen eines Karpaltunnel-Syndroms ganz ähnlich sind.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 20. Februar 2020 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2020, 15:10 Uhr