Gelenkverschleiß Neuer Knorpel für das Knie

Einen gesunden Knorpel für das Kniegelenk wünschen sich wohl viele Schmerzgeplagte. Hier gibt es einen Lichtblick - unter bestimmten Umständen, kann man einen kaputten Knorpel wieder aufbauen.

Knorpel? Was ist das eigentlich? Jedes Gelenk wird von einer elastischen Schicht überzogen. Sie dämpft Stöße und ermöglicht ein reibungsfreies Gleiten. Durch Unfälle oder Stürze sowie Fehlstellungen der Beine kann ein Knorpelschaden entstehen. Die Fähigkeit zur Selbstheilung ist jedoch nur gering, da Knorpel nicht von Blutgefäßen oder Nerven durchzogen ist.

Für Knorpelaufbau gibt es drei gängige Verfahren

Rund 150.000 Mal jährlich endet in Deutschland der schmerzhafte Abbau des Knorpels mit einem künstlichen Kniegelenk. Doch unter bestimmten Voraussetzungen helfen auch gelenkerhaltende Operationen, sagt Dr. Bernd Hantke, Orthopäde an der Asklepios Klinik Hohwald im sächsischen Neustadt: "Ob ein Knorpelschaden operiert werden kann, hängt von vielen Faktoren ab. So entscheiden das Alter und die Aktivität des Patienten, die Größe und Lage des Defekts über die Möglichkeiten zum Knorpelaufbau". Im Wesentlichen stehen dafür heute drei Verfahren zur Verfügung.

  • Knorpel aus dem Labor

Die sogenannte Knorpelzelltransplantation (M-ACT) ist die Methode mit den besten Langzeitergebnissen. Allerdings sind bei diesem Verfahren zwei Operationen nötig. In einer ersten Operation wird dem Patienten gesundes Knorpelgewebe entnommen. Dieses kommt ins Labor und wird dort in einer Nährlösung vermehrt. Nach sechs Wochen werden in einer zweiten OP die gezüchteten Knorpelzellen über ein Trägergewebe an der defekten Stelle eingesetzt. "Das Verfahren ist nur für junge, aktive Patienten bis etwa 45 Jahre vorgesehen. Es wird für Knorpeldefekte größer als 2,5 Zentimeter empfohlen", erklärt Dr. Hantke, Experte im "Hauptsache Gesund"-Studio.

Nährlösung
Gesunde Knorpelzellen werden im Labor in einer Nährlösung vermehrt und dem Patienten sechs Wochen später wieder eingesetzt. Bildrechte: Geistlich Pharma AG

Zu der Knochenzelltransplantation gibt es heute die meisten Studien. Die erste Operation dieser Art wurde bereits 1987 durchgeführt. Seit kurzem kann bei dieser Methode auch mit Knorpelzellen besiedeltes Spezialgel eingesetzt werden. Das kann ins Gelenk eingespritzt werden und erreicht dadurch schwer zugängliche Bereiche auch minimalinvasiv. "Insbesondere diese neue Methode funktioniert auch gut für klar begrenzte Knorpelschäden am Hüftgelenk und in der Schulter", sagt Dr. Bernd Hantke, der seit rund 20 Jahren auf Knorpeltransplantationen spezialisiert ist.

  • Knorpel aus zellfreien Biomaterialien

Diese Verfahren sind in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus gerückt. Sie versprechen eine Knorpelregeneration in nur einer Operation, da die Anzüchtung körpereigner Knorpelzellen im Labor entfällt. Es ist für Patienten bis zum Alter von 60 Jahren und Defekten bis vier Quadratzentimeter geeignet. Hier gibt es verschiedene Verfahren, die unterschiedliche Materialien benutzen - zum Beispiel Gel oder eine Membran.

Knorpel aus Biomaterialien
Beim AMIC-Verfahren werden winzige Löcher in die defekte Stelle gebohrt und mit ein Spezialkleber eine Membran aufgebracht. Dadurch regeneriert sich der Knorpel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das sogenannte AMIC-Verfahren zählt zu den bekanntesten. Dabei wird bei dem operativen Eingriff zunächst das beschädigte Knochengewebe entfernt. Anschließend werden winzige Löcher in den Knochen gebohrt. Dabei werden unter anderem Stammzellen freigesetzt. Anschließend wird mit einem Spezialkleber eine passgenau zugeschnittene Kollagen-Membran aufgebracht. Nach und nach wird die Membran vom Körper resorbiert, der Knorpel unter der Membran regeneriert sich. "Der Nachteil ist, die Qualität des neuen Ersatzknorpels ist etwas schlechter als bei der Knorpelzelltransplantation", so Dr. Hantke.

  • Knorpel aus Knochen

Ein drittes Verfahren zum Knorpelaufbau kommt nur bei kleinen Defekten in Frage und nennt sich Knochen-Knorpel-Transplantation (osteochondrale Transplantation). Dabei wird der beschädigte Knorpel zunächst mit einer Stanze entfernt. Aus einer wenig beanspruchten Stelle im Knie wird ein minimal größeres Stück samt Knochen entnommen und an der defekten Stelle eingepresst.

Das entstandene Loch wird mit künstlichem Gewebe aufgefüllt. "Die osteochondrale Transplantation wird nur noch bei Defekten unter 1,5 Zentimetern empfohlen. Sie hat aber den großen Vorteil, dass es das einzige Verfahren ist, das tatsächlich den eigenen Knorpel in den Defekt einsetzen kann", erklärt Dr. Hantke. Da dieser aber nur eingeschränkt verfügbar ist und eine optimale Angleichung an den Umgebungsknorpel nur begrenzt möglich ist, funktioniert das nur bei kleinen Defekten wirklich gut.

dCortisonspritze in´s Knie 4 min
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Hauptsache gesund Do 01.10.2020 21:00Uhr 04:13 min

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Noch Zukunftsmusik: Knorpel aus Nase und Bauch

Voraussetzung für alle Knorpelaufbau-Methoden ist, dass noch genügend intakter Umgebungsknorpel vorhanden ist. Für eine fortgeschrittene Arthrose sind daher alle Verfahren nicht geeignet.

Allerdings gibt es derzeit eine Reihe interessanter Forschungsprojekte, die vielleicht zukünftig auch solchen Patienten helfen könnten. So versuchen Forscher des Schweizer Universitätsspitals Basel, aus der Nase, genauer gesagt aus der Nasenscheidewand, neues Knorpelgewebe für das Kniegelenk zu züchten. In einer ersten kleinen Studie wurde nachgewiesen, dass das tatsächlich funktioniert.

Bei einem anderen Forschungsprojekt wird versucht, Stammzellen aus dem Bauchfett zu gewinnen. Diese werden in einem Speziallabor vermehrt und ins Knie eingesetzt. Auch hier müssen die Forscher noch in weiteren Studien zeigen, ob die Methode langfristig erfolgreich sein kann. Aus einem dicken Bauch könnte dann ein gesundes Knie werden – was für eine traumhafte Vorstellung für die Zukunft.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 01. Oktober 2020 | 21:00 Uhr

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