Engpässe bei Medikamenten Sechs Fragen an Friedemann Schmidt

Warum sind Engpässe bei Medikamenten immer wieder ein Thema? Wie entstehen sie, wie sieht die Entwicklung aus und was ist Patienten zu raten? Wir haben Friedemann Schmidt, Apotheker und Präsident der ABDA gefragt.

Friedemann Schmidt, 2014
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Hauptsache Gesund: Wie entwickelt sich die Zahl der Medikamentenengpässe? Nimmt sie zu oder ab?

Friedemann Schmidt: Das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) in Berlin hat sich die Situation der vergangenen drei Jahre ganz genau angeschaut und nachgerechnet. 2017 waren 4,7 Millionen Rabattarzneimittel nicht verfügbar. 2018 waren es schon doppelt so viele Lieferengpässe, nämlich 9,3 Millionen Packungen. Und 2019 hat sich diese Zahl erneut verdoppelt auf 18,0 Millionen Medikamente. Wichtig zu wissen ist jedoch, dass in all diesen Fällen von sogenannter Nichtverfügbarkeit ein Austausch gegen ein anderes Präparat vorgenommen wurde. Die Apotheke hat also den Patienten nicht unversorgt gelassen, sondern nach besten Kräften unterstützt. Anfang 2020 hat sich der Umfang der Lieferengpässe keineswegs verringert. Die aktuelle Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte enthält inzwischen mehr als 400 verschiedene Medikamente, die derzeit nicht verfügbar sind. Vor wenigen Monaten waren es noch weniger als 300.

In welchen Medikamentengruppen bestehen Engpässe und welche sind aktuell hinzugekommen?

Friedemann Schmidt: Das ist bunt gemischt. Auf den traurigen Spitzenplätzen der Lieferengpässe findet man zuweilen Blutdrucksenker, Schmerzmittel und Antidepressiva. Aber auch Gichtmittel, Schilddrüsenpräparate oder Antibiotika sind oft nicht verfügbar. Auch bei Impfstoffen, wie zum Beispiel gegen Pneumokokken, gab und gibt es immer wieder Lieferengpässe. Kurzum: Es sind nicht nur Spezialpräparate für wenige Menschen, sondern "Massenprodukte", auch für viele chronisch kranke Patienten. Die sind meist gut auf ein bestimmtes Präparat eingestellt und wundern sich dann, wenn sie ständig etwas anderes als Ersatz bekommen. Da kann auch viel Vertrauen in die Arzneimitteltherapie verloren gehen. In den vergangenen Tagen wurden unter anderem Engpässe bei Antibiotika, Narkosemitteln und Blutdrucksenkern gemeldet.

Welche Verbesserungen bringt die neue "SARS-CoV-2-Arzneimittelversorgungsverordnung" in Bezug auf Medikamentenengpässe für Apotheken und für Patienten?

Friedemann Schmidt: Grundsätzlich geht es in der Corona-Pandemie darum, die Anzahl der menschlichen Kontakte auch in den Apotheken auf das notwendige Maß zu reduzieren. Damit der Patient bei einem Lieferengpass eines Arzneimittels nicht ein zweites Mal kommen muss, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder die Apotheke findet im Lager ein passendes Alternativmedikament und darf es auch sofort an den Patienten abgeben. Oder sie bringt ihm das nachbestellte Präparat später per Botendienst nach Hause. Beide Möglichkeiten entlasten die Apotheke und schützen den Patienten.

Die Verordnung ist seit dem 22. April in Kraft. Zeigt sich in der Praxis in den Apotheken schon ein Effekt?

Friedemann Schmidt: Apotheken und Krankenkassen hatten schon seit Anfang April vereinbart, dass auch andere Medikamente als die preiswerten Rabattarzneimittel bei Lieferengpässen abgegeben werden durften. Die neue Verordnung erlaubt jetzt aber nicht nur den Austausch wirkstoffgleicher, sondern auch pharmakologisch-therapeutisch vergleichbarer Arzneimittel – nach Rücksprache mit dem Arzt. Auch bei der Packungsgröße, bei der Packungsanzahl und bei der Wirkstärke dürfen die Apotheken nun flexibler agieren. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es im März einen großen Ansturm von Patienten in den Apotheken gegeben hat, der sich im April schon wieder gelegt hat. Wenn also im März größere Packungen verordnet wurden, konnte der Patient im April den Gang zu Arzt und Apotheke vermeiden. Das wird sich im Mai sicher alles normalisieren.

Welche anderen Maßnahmen müssen ergriffen werden, um Engpässe zu beheben?

Friedemann Schmidt
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Friedemann Schmidt: Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind leider schon seit mindestens zwei, drei Jahren ein großes Problem – mit steigender Tendenz. Im Gesundheitswesen herrscht ein enormer Kostendruck, sodass es oft nur noch darum geht, selbst bei schon preiswerten Generika immer noch ein paar Cent herauszuquetschen. Die Krankenkassen wollen Geld sparen, die Pharmahersteller verlagern dann ihre Produktion nach Fernost. Gerade jetzt in der Corona-Krise sehen wir, dass es nicht immer nur um den Preis gehen darf, sondern vor allem um die Qualität und Lieferbarkeit der Medikamente gehen muss. Dazu müssten beispielsweise die Krankenkassen ihre Rabattverträge mit mehreren statt oft nur mit einem Hersteller schließen. Und die Hersteller sollten Anreize bekommen, ihre Wirkstoffproduktion wieder nach Europa zurückzuholen.

Was raten Sie Patienten derzeit? 

Friedemann Schmidt: Gerade in der wohl noch Monate andauernden Corona-Situation kann ich den Patienten nur empfehlen, Ruhe zu bewahren, vorsichtig zu sein und natürlich auch weiterhin ihren Ärzten und Apothekern zu vertrauen. In den Apotheken wird alles getan, um die notwendigen Hygiene- und Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Verbreitung auch weiterhin für Patienten und Beschäftigte zu gewährleisten. Gleichzeitig werden Botendienste angeboten, um den Patienten nicht nur doppelte Wege zu ersparen, sondern auch gehbehinderte, erkrankte und in Quarantäne befindliche Menschen zuhause zu versorgen. Die Lieferengpässe sind und bleiben zwar eine Herausforderung, gehören aber eben leider auch schon zum Alltag. Durch die neue Verordnung können die Apotheken ihre Patienten nun noch flexibler versorgen. Und noch ein Tipp: Bei schweren Erkrankungen wie Krebs oder akuten Notfällen wie einem Herzinfarkt sollte niemand zögern, den Arzt oder die Klinik aufzusuchen. Die Corona-Gefahr ist in solchen Fällen vernachlässigenswert.

(Das Gespräch führte Anne Jensen)

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 07. Mai 2020 | 21:00 Uhr