Engpässe und Lieferschwierigkeiten Wenn Medikamente schwer zu bekommen sind

Das gewohnte Medikament für die Schilddrüse ist "nicht lieferbar", auch das gerade erst verordnete Blutdruckmittel ist knapp – das erfahren viele Patienten, wenn sie in die Apotheke kommen. Wird die Corona-Krise die schon länger bestehenden Engpässe bei der Lieferung von Arzneimitteln weiter verschärfen?

Als "Hauptsache Gesund" das Thema "Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten" im vergangenen Jahr zum ersten Mal aufgriff, war das Echo groß. Viele Zuschauer schilderten uns, welche Probleme sie haben, wenn sie ein Rezept in der Apotheke einlösen wollen. Vor allem Mittel zur Behandlung von Schilddrüsen-Erkrankungen, einige Antidepressiva oder bestimmte Blutdrucksenker sind oft nicht ohne Weiteres lieferbar. Schwierigkeiten gab und gibt es aber auch bei manchen Schmerzmitteln, Medikamenten gegen Epilepsie oder Gicht, Antibiotika oder Krebsmedikamenten. Für 2019 spricht die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände von insgesamt 18 Millionen Arzneimittelpackungen, bei denen es Lieferengpässe gab – eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr.

Im März erzählten die Nutzer auf der Facebook-Seite von "Hauptsache Gesund" von ihren Erfahrungen. "Die ständigen Änderungen der Hersteller und das andere Aussehen der Medikamente, dazu noch andere Dosierungen und Umstellungen auf andere Wirkstoffe verunsichern mich stark. Mittlerweile habe ich Angst, die von mir benötigten Medikamente bei Bedarf zu bekommen", schrieb uns eine betroffene Patientin. Tatsächlich warnen Ärzte, dass es bei Patienten, die auf ein anderes Medikament umgestellt werden müssen, zu Problemen bei der "Einnahmetreue" kommen kann. Das verordnete Mittel wird nicht mehr regelmäßig oder in der nötigen Dosierung genommen. Das gefährdet den Erfolg der Behandlung.

Auch den Apothekerinnen und Apothekern macht die Lage zu schaffen. Bei etlichen Medikamenten können sie kaum noch Rücksicht darauf nehmen, welches spezielle Produkt der Patient erfahrungsgemäß gut verträgt oder an welche Herstellerfirma und welche Stückelung er gewöhnt ist. "Wir sind in eine Situation geraten, in der es nur um das nackte Versorgen geht", sagt Apotheker Friedemann Schmidt aus Leipzig.

Wenn das Schmerzmittel aus Portugal beschafft werden muss

Apotheke
Immer häufiger haben Apotheken Schwierigkeiten, bestimmte Medikamente zu beschaffen. Bildrechte: imago images/Jan Huebner

Der gewohnte Gang zur Apotheke - und trotzdem jedes Mal eine Zitterpartie: Margitta Kesselboth braucht ein spezielles Schmerzmittel. Doch das ist in Deutschland nicht mehr lieferbar. Ein Leben ohne dieses Mittel ist für die 63-Jährige nicht denkbar. Vor knapp zehn Jahren wurde bei ihr eine fünffache Beckenringfraktur festgestellt. Die Knochen sind bis heute nicht richtig zusammengewachsen, ihre Hüfte verschiebt sich, genauso ihr Gang. Ihr Körper sucht sich eine neue Statik. Das bereitet Schmerzen in Hüfte und Knien. "Wenn ich keine Schmerzmittel nehmen würde, ich glaube, ich würde den ganzen Tag rumschreien", erzählt uns Margitta Kesselboth. "Selbst im Bett im Liegen habe ich Schmerzen."

Ein halbes Dutzend verschiedene Schmerzmittel hat die Laboringenieurin während der Jahre verschrieben bekommen. Immer wieder kam es zu starken Nebenwirkungen wie Kreislaufproblemen, Durchfall oder Hustenanfällen. Vor zwei Jahren wurde ihr dann Indometacin verschrieben, ein Wirkstoff, den sie endlich verträgt. Doch schnell kommt es zu Lieferschwierigkeiten. Dann gibt es endlich Ersatz – ein Medikament mit dem gleichen Wirkstoff, das allerdings nicht aus Deutschland kommt.

Zu verdanken ist der "Fund" überhaupt nur der Hartnäckigkeit von Anja Telz aus der Vital-Apotheke Zwickau. Nach tagelanger Recherche, Anrufen bei Herstellern und Großhändlern findet sie das passende Medikament – in Portugal.

Für Margitta Kesselboth heißt das: Sie kann die Packungsbeilage nur mit einer Übersetzungs-App entziffern. Bis ihr Medikament in Zwickau ankommt, vergehen im Schnitt zwei Wochen. Aber Hauptsache, es hilft!

Warum werden Wirkstoffe knapp?

Wer wissen will, wo es mit dem Nachschub an Arzneimitteln klemmt, wird beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) fündig. Das Institut führt eine Liste mit aktuellen Lieferengpässen für Humanarzneimittel. Die Liste hat Anfang Mai 2020 ganze 439 Einträge. Sie basieren auf Meldungen der Pharmahersteller selbst, die angehalten sind, möglichst sechs Monate im Voraus auf absehbare Engpässe hinzuweisen. Bei einigen Engpässen wird erwartet, dass sie schon in wenigen Wochen abzustellen sind. Andere Medikamente sind bereits seit anderthalb Jahren nur schwer lieferbar.

Wie kommt das? Zum einen hat es in den letzten Jahren auf dem Pharma-Markt große Konzentrationsprozesse gegeben. Einige Arzneimittel werden nur noch von wenigen Firmen hergestellt. Es ist also nicht mehr so einfach, bei Lieferschwierigkeiten den Hersteller zu wechseln.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor. Ein Medikament besteht oft aus einer Vielzahl von Zwischenprodukten. Viele davon wurden früher überwiegend in Europa produziert. Heute kommen entscheidende Zutaten preiswert aus Ländern wie Indien oder China. Oft werden sie dort unter Bedingungen hergestellt, die mit europäischen Sicherheits- und Sozialstandards wenig zu tun haben.

Stethoskop, Blutdruckmessgerät und Tabletten
Bei bestimmten Blutdrucksenkern kommt es immer wieder zu Engpässen. Bildrechte: imago images/Chromorange

Wenn es dann an den Produktionsorten Probleme gibt, zum Beispiel mit der Qualität bestimmter Grundstoffe, dann hat das Folgen für alle Hersteller, die für die Weiterverarbeitung auf diese Substanzen angewiesen sind. Einige Standorte in China etwa waren zudem in den letzten Wochen von Quarantäne-Maßnahmen betroffen. Auch aus Indien droht der Nachschub bestimmter Grundsubstanzen zu stocken, weil die Behörden den Export eingeschränkt haben. Das betrifft vor allem Antibiotika. Die Prognosen, welchen Einfluss die Corona-Krise auf eine mögliche weitere Verschärfung der Situation haben könnte, widersprechen sich allerdings. Offenbar läuft die Produktion in den besonders betroffenen chinesischen Regionen derzeit wieder an.

Seit langem wird diskutiert, wenigstens einen Teil der Produktion wieder zurückzuholen. Ärzte fordern, dass zumindest die Antibiotika-Herstellung wieder in Europa erfolgen soll. Doch noch ist vollkommen unklar, wie das kostendeckend umzusetzen wäre. Und der Aufbau einer neuen Produktionsanlage kann bis zur Inbetriebnahme mehrere Jahre dauern.

Immer wieder schwer zu beschaffen: Blutdrucksenker Candesartan

Engpässe gibt es zurzeit unter anderem bei dem oft verordneten Blutdrucksenker Candesartan. Betroffen sind vor allem Präparate mit der höchsten Wirkstoff-Dosis von 32 mg. Was steckt dahinter? Zum einen stockt offenbar der Nachschub bei der Grundsubstanz. Für die Knappheit ist aber noch ein weiterer Faktor verantwortlich. Im letzten Jahr wurden viele Blutdruck-Patienten von einem anderen Medikament – Valsartan – auf Candesartan umgestellt. Bei der Produktion von Valsartan hatte es Verunreinigungen mit potentiell krebserregenden Substanzen gegeben. Der Zuwachs an Abnehmern bei knapper werdenden Ressourcen führt immer wieder zu Lieferschwierigkeiten.

Wenn es keinen Ersatz gibt

Arzt misst Blutdruck bei einer schwangeren Patientin
Bluthochdruck bei Schwangeren lässt sich nur mit Methyldopa behandeln – und das war zeitweilig schwer lieferbar. Bildrechte: imago/Panthermedia

Glücklicherweise lassen sich die meisten Lieferengpässe überbrücken, indem auf Präparate anderer Hersteller, andere Packungsgrößen oder ähnliche Mittel ausgewichen wird. Sorgen bereitet vielen Ärzten, wenn der Mangel Medikamente betrifft, für die es eben nicht so leicht Ersatz gibt. Ein Beispiel: Das Arzneimittel Methyldopa, ein Blutdrucksenker, war längere Zeit kaum lieferbar. Methyldopa ist das einzige Mittel, das zur Behandlung von Bluthochdruck bei Schwangeren zur Verfügung steht. Momentan soll das Medikament wieder erhältlich sein.

Was können Betroffene tun?

Die Leipziger Ärztin Dr. Kathrin Drynda ist Endokrinologin und behandelt viele Patienten mit Funktionsstörungen der Schilddrüse. Sie hat fast täglich mit Fragen ihrer Patienten zu tun, die in der Apotheke vergeblich nach dem gewohnten Schilddrüsen-Medikament fragen. Betroffen sind vor allem Menschen, die Kombipräparate einnehmen. Dr. Drynda ist überzeugt: "Im Zweifelsfall sollten Patienten die Situation mit ihrer Ärztin oder mit ihrem Arzt besprechen. Wir finden immer eine Lösung!" Notfalls müssten Patienten auf Einzelpräparate umsteigen.

Apotheker Friedemann Schmidt rät Patienten, die wegen chronischer Krankheiten auf die regelmäßige Einnahme bestimmter Medikamente angewiesen sind, sich rechtzeitig um Nachschub zu kümmern und nicht zu warten, bis die Packung leer ist. "Sie sollten außerdem gemeinsam mit dem Arzt und dem Apotheker schauen, ob es wirklich das eine, bestimmte Medikament sein muss." Gerade bei älteren Patienten sollten Angehörige und Pflegedienste mit eingebunden werden, um abzusichern, dass es bei der Einnahme nicht zu Fehlern kommt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 07. Mai 2020 | 21:00 Uhr

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