An der Windschutzscheibe eines Auto s befestigte Plakette mit Aufschrift eilige Arzneimittel vor einer Apotheke in der Innenstadt Mannheim
Bildrechte: imago images / Ralph Peters

Medikamentenengpässe Gehen uns die Medikamente aus?

Immer häufiger bekommen Patienten nicht die gewünschten Medikamente in der Apotheke. Besonders bei Standardarzneien und Impfungen gibt es Lieferengpässe. Aber auch unersetzbare Medikamente fehlen. Woran liegt das? Und was können betroffene Patienten tun?

von Jana Olsen

An der Windschutzscheibe eines Auto s befestigte Plakette mit Aufschrift eilige Arzneimittel vor einer Apotheke in der Innenstadt Mannheim
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Peter Kluttig leidet an einer Zystenniere. Der Leipziger ist auf etliche Medikamente angewiesen, darunter einen speziellen Blutdrucksenker. Doch immer häufiger kommt der 61-Jährige vergeblich in die Apotheke. "Wir haben rumtelefoniert, es überall versucht, es ist derzeit einfach nicht zu bekommen. Nächste Woche wird vielleicht geliefert, hat der Hersteller gesagt", versucht Apothekerin Dr. Anne-Kathrin Habermann aus Leipzig zu trösten. Seit Monaten geht das nun schon so: Rezept abgeben, warten und hoffen, dass das Medikament nach ein paar Wochen noch rechtzeitig da ist. Bevor die letzte Tablette eingenommen ist. "Das erinnert mich schon an frühere DDR-Zeiten, wo man auch bestimmte Produkte nur nach Wartezeiten oder durch Beziehungen bekommen hat", ärgert sich Kluttig.

Da er wegen seiner Erkrankung noch zehn andere Medikamente einnehmen muss, wäre eine Umstellung auf andere Tabletten bei ihm nicht so einfach. "Medikamente sind kein Baumarktprodukt, was man einfach mal so tauscht, wo ich einen Wasserhahn von einer anderen Firma nehmen kann", findet Peter Kluttig. "Ich bin froh, dass das einigermaßen funktioniert mit den Medikamenten, die ich jetzt habe. Das lässt sich nicht so einfach umstellen."

Hunderte Medikamente fehlen

So wie Peter Kluttig geht es derzeit vielen Patienten. Allein in der Leipziger Einhorn-Apotheke fehlen aktuell 80 Medikamente. Noch nie musste Apothekerin Anne-Kathrin Habermann in den fast 20 Jahren ihres Berufslebens so viele Kunden vertrösten. "Es hat langsam angefangen, vielleicht vor zwei Jahren mit einigen wenigen Sachen, die gefehlt haben. Und es wurde immer mehr und hat sich seit zwei, drei Monaten zum Dauerzustand entwickelt", erklärt die Apothekerin. Beim Bundesinstitut für Arzneimittel sind Mitte Oktober rund 540 Medikamente gelistet, die die Hersteller nicht liefern können. Es sind häufig Standardmedikamente wie Blutdrucksenker, Schmerzmittel wie hochdosiertes Ibuprofen oder Antidepressiva. Zudem gibt es Lieferengpässe bei einigen Impfstoffen, etwa gegen Gürtelrose.

Medikamente durchlaufen Weltreise

Einkaufswagen gefüllt mit verschiedenen Medikamenten steht auf einem Globus
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Die Ursachen der Lieferengpässe sind vielschichtig. Da ist vor allem der Kostendruck durch die Rabattverträge der Krankenkassen. Weil vor allem bei häufig verkauften Standardmedikamenten der Gewinn für die Hersteller sehr klein ist, findet die Herstellung der Wirkstoffe oft in China oder Indien statt. Die Begleitstoffe der Tabletten wie Hilfsstoffe und Aromen können wiederum aus einen anderen Land kommen. Die Endverpackung erfolgt dann im Endverbraucherland, damit die Verpackung keine sprachlichen Fehldrucke aufweist. So hat ein Medikament oft eine Weltreise hinter sich, bevor es zum Verbraucher kommt.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn der Wirkstoff nur noch von wenigen Herstellern produziert wird. Das Schmerzmittel Ibuprofen etwa wird weltweit nur noch von fünf Herstellern produziert. Bei ihnen entsteht der Wirkstoff für den gesamten Weltmarkt. Gibt es hier Verunreinigungen, Qualitätsmängel, einen Stromausfall oder sogar ein Erdbeben, bricht die globale Lieferkette zusammen.

Jede Umstellung birgt Gefahren

Verschiedene Tabletten, Schmerztabletten, Tablettensucht
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Das Bundesgesundheitsministerium beruhigt auf Anfrage von "Hauptsache Gesund" und erklärt, dass die Medikamente nicht ausgehen würden: "Ein Lieferengpass bei Arzneimitteln führt nicht zwangsläufig zu einem medizinisch relevanten Versorgungsengpass. Denn oft stehen alternative Arzneimittel zur Verfügung", heißt es aus dem Ministerium. Für manche alternative Medikamente müssen Patienten aber  zuzahlen. Das können sogar bis zu 150 Euro sein. Und auch wenn eine Umstellung auf ein anderes Medikament medizinisch-pharmazeutisch kein Problem ist, so ist es doch oft eines für die Patienten. "Das Hauptproblem dabei ist die Gefahr von Verwechslungen bei der Einnahme zu Hause oder die Totalverweigerung und Therapieunterbrechung", erklärt Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Vor allem ältere Patienten, die viele Medikamente einnehmen müssen, hätten ein Problem damit, wenn ihre Tabletten plötzlich anders aussehen.

150 Euro Zuzahlung Ist das Medikament Irbesartan nicht lieferbar, ist für das Ersatzmedikament Aprovel eine Zuzahlung von 150 Euro nötig. Aprovel ist das Originalpräparat und wird eigentlich nur noch für Privatversicherte eingesetzt. Manche Kassen erstatten den Patienten die Aufzahlung, manche nicht.

Wenn es keine Alternative gibt

Und für manche Medikamente gibt es keine Alternativen. Auf der Leukämiestation des Leipziger Uniklinikums ist beispielsweise der Lieferengpass des Medikaments "Cytarabin" Dauerthema. Das absolut lebensnotwendige Medikament zur Behandlung von akuten Leukämien ist derzeit in Deutschland nicht lieferbar. "Unsere Klinikapotheke leistet einen unheimlichen logistischen Aufwand, um das Medikament aus dem Ausland zu importieren", erklärt Prof. Uwe Platzbecker, Leiter Hämatologie. Dafür sei aber eine Ausnahmegenehmigung nötig, denn das Cytarabin aus dem Ausland sei gar nicht in Deutschland zugelassen – eine vertrackte Situation. Derzeit schaffe es die Klinik aber, ausreichend von dem Medikament für die Patienten zur Verfügung zu stellen. 

Politische Lösungen gesucht

Tabletten in Blisterpackung
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Lieferengpässen lässt sich nicht allein durch gesetzliche Maßnahmen entgegnen. Denn die Wahl des Wirkstoffherstellers ist letztlich eine freie unternehmerische Entscheidung. Dennoch bemüht sich die Politik gegenzusteuern. Im August 2019 wurde das "Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung" beschlossen. Es legt fest, dass Patienten künftig nachvollziehen können sollen, wo ihr Arzneimittel hergestellt wurde. Zudem sollen Krankenkassen bei Rabattverträgen mehrere Anbieter berücksichtigen, damit es weniger zu Lieferengpässen kommt. Das tut auch Not, denn die Lage ist durchaus ernst. "Zusätzlich dazu birgt der Austritt Großbritanniens aus der EU – gerade bei einem ungeregelten Austritt – die Gefahr, dass dort zugelassene oder hergestellte Arzneimittel künftig nicht frei in Deutschland verfügbar sein werden", sagt Apotheker Friedmann Schmidt. Man nehme die Meldungen von Herstellern und die Sorgen von Patienten sehr ernst und beobachte die aktuelle Situation mit größter Wachsamkeit. Lieferengpässe sind wohl ein Thema, das Patienten, Ärzte, Apotheker und auch die Politik in Zukunft weiter beschäftigen wird.

Rund 91 Prozent der selbständigen Apotheker bezeichnen die Lieferengpässe bei Medikamenten als eines der größten Ärgernisse in ihrem Berufsalltag.

Apothekenklima-Index 2019

Darauf sollten Betroffene achten

Lieferengpässe führen häufig zu einer Umstellung auf ein anderes Medikament. Das führt oft zu Verunsicherung. Diese Tipps geben Sicherheit.

Medikationsplan: Führen Sie einen Plan, der alle Medikamente auflistet, die Sie einnehmen. Lassen Sie diesen Plan regelmäßig aktualisieren und dokumentieren Sie Veränderungen. Informieren Sie Ihren Arzt, wenn Sie in der Apotheke ein Ersatzpräparat für Ihr verordnetes Medikament erhalten haben.

Verpackung: Ersatzmedikamente sehen häufig komplett anders aus. Die Farbe, die Größe und die Form der Verpackung und der Tabletten selbst können sich von dem Gewohnten unterscheiden. Trotzdem wird der gleiche Wirkstoff enthalten sein. Lesen Sie daher die Angaben auf der Verpackung ähnlich aufmerksam wie die Zutatenliste eines Lebensmittels. Steht hier das Gleiche drin, sind die Tabletten gleichwertig.

Probleme: Bei einem Generikum ist zwar der gleiche Wirkstoff enthalten, doch die Hilfsstoffe können sich unterscheiden. Wenn Sie das Gefühl haben, das neue Medikament macht Probleme, sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Arzt darüber.

Krankenhaus: Bei einem Klinik-Aufenthalt ist öfter eine Umstellung der Medikamente nötig. Denn jede Klinik führt eine eigene Hausliste und hat nicht alle Medikamente vorrätig. Der behandelnde Arzt muss den Patienten über eine Umstellung der Medikamente informieren, was aber aufgrund von Zeitmangel nicht immer passiert. Es Ihr gutes Recht, eine genaue Aufklärung einzufordern. Denn nicht zu wissen, was man einnimmt, schafft Verunsicherung.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 17. Oktober 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2019, 11:39 Uhr