Eine weibliche Hand umfasst das Gelenk der anderen Hand. Die Stelle ist rot eingefärbt.
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Diagnose und Therapie Rheuma - Krankheit der 100 Gesichter

Beim Stichwort "Rheuma" denkt man meist an geschwollene Finger und dicke Knöchel. Doch über 100 verschiedene Krankheitsbilder werden unter dem sogenannten rheumatischen Formenkreis zusammengefasst. Die damit verbunden vielfältigen Symptome machen oft auch die Diagnose so schwierig.

von Beate Splett/ Rita Kundt

Eine weibliche Hand umfasst das Gelenk der anderen Hand. Die Stelle ist rot eingefärbt.
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Auch wenn die Symptome der über 100 rheumatischen Erkrankungen ganz unterschiedlich sind, eines haben sie alle gemeinsam: Abwehrzellen richten sich gegen körpereigene Zellen und lösen Entzündungen aus. Wie es genau dazu kommt, dafür gibt es trotz intensiver Forschung in den vergangenen Jahren bis heute keine eindeutige Erklärung. Vermutet werden Faktoren wie dauerhafter Stress, schädliche Umwelteinflüsse und genetische Vorbelastung.

Schwierige Diagnose - und lange Wartezeiten

Bleiben die Entzündungen lange Zeit unentdeckt, können sie starke Schädigungen an Knochen und Geweben bis hin zu Organen verursachen. Damit die Erkrankung zum Stillstand kommt, ist es wichtig, die Diagnose so frühzeitig wie möglich zu stellen. Doch genau da liegt das Problem: Die einzelnen Erkrankungen können sich auf sehr unterschiedliche Weise bemerkbar machen - und nicht immer sind Gelenke betroffen. Auch im Blut sind die Entzündungswerte nicht in jedem Fall nachweisbar.

Ärztliches Attest für Flüchtlinge
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"Was man sich nicht erklären kann, lastet man dem Rheuma an“" ein Spruch, den Dr. Wolfram Seidel schon während seines Studiums kennenlernte. Er ist Rheumatologe am Klinikum St. Georg in Leipzig und Präsident der Sächsischen Rheumaliga. Gemeinsam mit seinen Kollegen weist er auf ein weiteres Problem hin: Ca. 40 Prozent der Patienten warten bis zu einem halben Jahr auf einen ersten Termin beim Facharzt. Schon seit mehreren Jahren kritisiert die Deutsche Rheuma-Liga immer wieder, dass die Zahl der Rheumatologen in Deutschland nicht ausreiche. Nach ihren Angaben fehlen derzeit etwa 600 internistische Rheumatologen. Die große Hoffnung ist, dass sich das mit dem Terminservice- und Vergabegesetz bald ändern könnte.

Häufige rheumatische Erkrankungen

Hände einer Seniorin mit Rheuma
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Rheumatoide Arthritis: Diese wird auch chronische Polyarthritis genannt. Sie ist die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung. Bei ihr können mehrere Gelenke betroffen sein können, meist Finger- und Fußgelenke. Frauen leiden etwa dreimal häufiger darunter als Männer.

Systemischer Lupus (SLE: Systemischer Lupus Erythematodes): Dies ist eine Autoimmunerkrankung mit einer typischen schmetterlingsförmigen Rötung der Wangen, sowie einer Sonnenempfindlichkeit der Haut. Hauptsymptome sind Müdigkeit, Fieber und Gewichtsabnahme.

Sjögren-Syndrom: Dahinter verbergen sich systemische Bindegewebserkrankungen, sogenannte Kollagenosen. Das Syndrom wurde nach seinem Entdecker, dem Augenarzt Sjögren benannt, der bei seinen Patienten fehlende Tränenflüssigkeit nachwies. Weitere Symptome sind Entzündungen der Speicheldrüsen und damit verbundene trockene Schleimhäute im Mund. Auch Schleimhäute im Genitalbereich, Nase und Hals können davon betroffen sein. Frauen erkranken neunmal häufiger daran als Männer.

Morbus Bechterew

Bei "Morbus Bechterew" zeigt sich eine sich versteifende Gelenkentzündung. Dabei richten sich Abwehrzellen des Körpers gegen eigenes Gewebe. Sehnen und  Knochenhaut entzünden sich dadurch und schmerzen. Schließlich versteifen knöcherne Auswüchse die Wirbel. "Unbehandelt geht sie immer weiter nach oben. Von unten, vom Becken meistens, nach oben und versteift mit der Zeit die Wirbelsäule. Im schlimmsten Falle bis zum Hals, so dass man den Kopf nicht mehr drehen kann", erklärt Ronny Fischer, der an der Krankheit leidet.

Eine Frau hält weiße Tabletten in ihrer Hand.
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Der Rollstuhl bleibt dem Fahrdienstleiter hoffentlich erspart, weil sein Rheuma mit Anfang 30 noch relativ früh erkannt wurde. Schon als Jugendlicher hat er immer wieder Rückenschmerzen und muss regelmäßig Schmerzmittel einnehmen. Als vor zehn Jahren neben dem Rücken auch die Beine betroffen sind, wurde sein Becken geröntgt. Dabei entdeckte der Orthopäde zufällig, dass an diesem Gelenk kaum mehr Spalten sichtbar sind. Statt klarer Kanten fand er eine zusammengewachsene Fläche. Das machte die starken Schmerzen.

"Das ist ein Ruheschmerz, der wirklich belastend ist auf die Dauer und übers ganze Becken zieht, bis in die Oberschenkel rein. Den Rücken bis hoch in den Nacken, je nachdem, was gerade entzündet ist, und ob man gerade im Schub ist. Entweder man nimmt halt Schmerzmittel, dass es etwas abklingt. Ganz krieg ich es meistens nicht weg", sagt der 41-Jährige. Heute schluckt der Rheuma-Patient mehrere Präparate, auch moderne Biologica, um die Versteifungen aufzuhalten. Um mit der chronischen Krankheit gut zu leben, helfen ihm vor allem zwei Dinge: Immer-Aktiv-Bleiben und natürlich die Familie.

Rheumatherapie gestern und heute

Schmerztabletten und Figuren
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In den letzten Jahren hat sich die Rheumatherapie radikal schnell verändert und verbessert. Aber natürlich behandelten Ärzte auch schon vor Jahrhunderten rheumatische Krankheiten. Im Mittelalter war Rheumatherapie ein Glücksspiel. Aderlass galt als gängige Behandlung. Linderung – sowie das Überleben – lagen am Geschick der Ärzte. Auch Behandlungen mit Schlafmohn waren bekannt sowie mit Weiden-Rinde. Das linderte zumindest die Schmerzen. 1897 wurde auf Basis von Weidenrinde eines der erfolgreichsten Schmerzmittel überhaupt hergestellt. Aspirin war nicht nur bei Kopfschmerz wirksam, sondern revolutionierte die Rheumatherapie.

Eine Frau bei einer Pilates-Übung.
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In den 1940er-Jahren war die Entwicklung von Kortison-Präparaten ein weiterer Meilenstein der Therapie. Gespritzt, als Tabletten oder Cremes lindern sie Rheuma-Symptome. Das künstlich hergestellte Hormon gilt als "Wundermedizin". Und auch dies klingt nach Wunder: Goldspritzen werden seit 100 Jahren genutzt, weil sie die krankhafte Immunreaktion blockieren. Die Injektion von Goldsalzen war in der DDR verbreitet, aber mit starken Nebenwirkungen verbunden. Der am häufigsten gut vertragene Wirkstoff ist Methotrexat, kurz MTX. Es dämpft das Immunsystem und zählt zu den wirksamsten Basismedikamenten. Heute führt die Forschung zu einer großen Auswahl an Wirkstoffen und Darreichungen. Als neue Wunderwaffe gelten Biologicals. Sie werden als Spritzen-Pen verabreicht. Zudem haben sich auch die Behandlungsstrategien der Ärzte gewandelt: Sie verordnen mehr Bewegung, Funktionstraining und Ernährungsumstellung. All das macht die Rheumatherapie heute erfolgreicher als je zuvor.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 05. September 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. September 2019, 12:00 Uhr