Interview Rohkost: Die knackige Medizin

In unserer heimischen Küche gilt rohes Gemüse kaum als vollwertige Mahlzeit. Wer sich von "Hasenfutter" ernährt, wird eher belächelt als bewundert. Viele vertragen es auch nicht. Die Berliner Ärztin Barbara Miller rät ihren Patienten dennoch, überwiegend Rohkost zu sich zu nehmen und sie hat überzeugende Gründe dafür.

Verschiedenes Gemüse und Früchte liegen auf einem weißen Holztisch.
Bildrechte: imago images/Westend61

Hauptsache Gesund: Frau Miller, welchen Patienten bzw. bei welchen Krankheitsbildern empfehlen Sie Rohkost?

Barbara Miller: Im Grunde bei allen, allerdings nur sehr selten zu einhundert Prozent und dann auch nur übergangsweise. Betrachten wir die menschlichen Zellen einmal als für sich abgeschlossene Städte mit Fabriken. Die Fabriken brauchen Rohstoffe, damit sie etwas produzieren können. Die Leberzelle zum Beispiel produziert Enzyme zur Entgiftung, die Nebennierenzelle produziert Stresshormone und die Gehirnzelle enthält Fabriken für Neurotransmitter. Die Rohstoffe für die Zellen kommen nur zu einem kleinen Teil aus gekochter Nahrung, denn Hitze zerstört viele Nährstoffe. Was übrig bleibt, sind zum Großteil nur leere Kalorien – gut für Fettpolster, schlecht für die Fabriken. Pflanzliche Rohkost hingegen, enthält sehr viele Nährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe, Enzyme, essentielle Fettsäuren, Aminosäuren, pflanzliche Hilfsstoffe usw. Wer sich überwiegend von Kochkost ernährt, hat Nährstoffdefizite. Das kann man im Blut nachweisen.

Barbara Miller, Ärztin für ganzheitliche Medizin, im Studio von "Hauptsache Gesund"
Barbara Miller ist Ärztin für ganzheitliche Medizin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Umfassende Laboruntersuchungen sind ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit Dabei stehen allerdings nicht die sogenannten Normbereiche im Fokus. Wenn der Wert der Antioxidantien im Blut zum Beispiel gegen den unteren Normbereich tendiert, bedeutet das zwar, der Patient ist noch nicht richtig krank, aber vermutlich geht es ihm nicht gut, sonst wäre er ja nicht bei mir. Antioxidantien schützen wie winzige Schutzschilder die Zellen vor Sauerstoffradikalen, Schwermetallen und anderen Giftstoffen. Zu wenig Antioxidantien im Blut bedeutet, der Körper hat zu wenig Pflanzennahrung im Rohzustand erhalten. Nur auf diese Weise können wir Antioxidantien aufnehmen. Durch das Erhitzen der Pflanzen werden sie zerstört. Und Fleisch enthält gar keine Antioxidantien. Das ist so ein Fall, wo ich Rohkost empfehle, denn sie hat die höchste Nährstoffdichte überhaupt.

Wofür brauchen wir dann gekochte Nahrung?

Damit die Fabriken alles produzieren, was unseren Körper gesund hält. Wenn wir bei unserem Bild bleiben wollen: Die Fabriken brauchen sowohl Rohstoffe als auch Energie, die sie aus Kalorien erhält. Die werden durch das Erhitzen, durch Zerstörung der Zellmembran und die Umwandlung zu Kohlehydraten produziert. Pflanzliche Rohkost allein enthält selten ausreichend Kalorien. Somit war die die Erfindung des Feuers zwar einerseits gut, denn durch die vielen Kalorien in der Kochkost konnten wir länger durchhalten.

Allerdings hat sich die Menschheit fortan von einem Übermaß an Kalorien ernährt bei gleichzeitigem Mangel an Nährstoffen. Übrigens ist sie da die einzige Spezies auf der Erde. Alle übrigen Lebewesen sind Rohköstler, abgesehen von unseren Haustieren. Die bekommen ja auch dieselben Krankheiten, wie wir, weil wir sie mit unserem Essen füttern. Kein Wildtier bekommt Typ2-Diabetes, eine Autoimmunerkrankung oder einen Schlaganfall. Meine Theorie ist, dass wir durch diesen chronischen Nährstoffmangel, bedingt durch einen zu großen Anteil an Kochkost in unserer Ernährung, überhaupt erst diese zivilisatorischen Erkrankungen sozusagen "erfunden" haben. Es kommt also auf das richtige Verhältnis zwischen roher und gekochter Kost an.

Welches ist das richtige Verhältnis?

gelbe und lilafarbene Möhren
Bildrechte: imago images/UIG

Wenn ich mich zu einem großen Teil von Kochkost ernähre, bekomme ich zwar die Energie für die Fabriken geliefert, nicht aber die Rohstoffe. Darum sollte das Verhältnis umgekehrt sein: Täglich überwiegend Rohkost. Als "Einstiegsdroge" empfehle ich den grünen Smoothie. Er führt am schnellsten zu einer spürbaren Verbesserung des subjektiven Befindens. Am Anfang macht man ihn mit etwas mehr Obst, damit er lieblicher schmeckt. Nach und nach sollte man dann mehr grüne Blätter und Sprossen verwenden, denn das sind die Nährstoffbomben in der Pflanzenwelt. Sprossen können bis zu 17 Mal mehr Nährstoffgehalt pro Gewichtseinheit haben als die fertig ausgewachsene Pflanze. Ich empfehle eine bis zwei Handvoll Sprossen täglich, die Hälfte sollte im Mixer oder Entsafter zerkleinert sein.

Warum zerkleinern?

Wir haben noch einen Tribut für unsere Jahrhunderte währende Ernährung aus "Matschepampe", also weicher, gekochter Kost, zu zahlen: Unser Zahnapparat ist degeneriert. In der Vorzeit waren wir perfekt ausgestattet, jede einzelne Pflanzenzelle durch das Kauen aufzuspalten. Man kann sich die pflanzlichen Zellen vorstellen, wie Milliarden kleiner "Schachteln" aus Zellulose. Die Nährstoffe befinden sich im Innern der Zellen. Unsere Zähne aber sind kaum noch in der Lage, jede einzelne der "Schachteln" zu zermörsern. Außerdem kauen viele Menschen auch noch schlecht. Dann gehen die Schachteln ungeöffnet und in größeren zusammenhängenden Zellhaufen durch den Verdauungstrakt, mitsamt ihrem wertvollen Inhalt. Diese Zellhaufen liefern zwar wertvolle Ballaststoffe, die den Darm wie Bürsten schrubben, ihn reinigen und als Futter für willkommene Darmbakterien dienen. Aber an die Nährstoffe kommen wir nicht heran, denn die bleiben in den "Schachteln" eingeschlossen.

Barbara Miller, Ärztin für ganzheitliche Medizin, im Studio von "Hauptsache Gesund"
Barbara Miller rät Rohkost-Beginnern zu einem Einstieg mit grünen Smoothies. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Messer des Mixers übernehmen die Zerkleinerungsarbeit, die wir selbst nicht mehr leisten können. Insofern sind Smoothes keineswegs nur eine Modeerscheinung. Übrigens sollte man auch tierische Fette essen. Die Tiere können, sofern sie gesund gehalten wurden, noch jene Stoffwechsel-Zwischenstoffe herstellen, die unser degenerierter Organismus teilweise nicht mehr produzieren kann. Wenn ich dem Veganer empfehle, tierische Fette wie Butter, Ghee und Eigelb wieder zu essen, blüht dieser regelrecht auf. Eine Patientin, die aus ethischen Gründen Veganerin war, der es aber nicht gut ging, ließ sich durch meine Argumente überzeugen, wieder tierische Fette in den Speiseplan zu integrieren. Nach einem einzigen Eigelb beschrieb sie, wie es ihr ging: Es hätte sich angefühlt, sagte sie, als würde in jeder ihrer Zellen die Sonne aufgehen. Innerhalb von Minuten hatte ihr Körper gemeldet: Jetzt machst du es richtig. Unsere Zellen enthalten Strukturen aus Fett, das Gehirn und unsere Nerven bestehen zu einem großen Teil aus Fett. Wer sich fettarm ernährt muss sich nicht wundern, wenn er Gedächtnislücken hat und es mit der Konzentration nicht mehr so klappt, wie früher.

Menschen mit Magen- und Darmproblemen klagen oft darüber, dass sie Rohes nicht vertragen, dass sie unangenehme, mitunter sogar schmerzhafte Blähungen bekommen. Was machen Sie mit solchen Patienten?

Eine Darmsanierung. Wir Menschen haben ein bis zwei Kilogramm Darmbewohner in uns. Welche das sind, entscheiden wir selbst durch das, was wir uns auf den Teller legen. Wir züchten damit unsere Darmbewohner selbst. Die Menschen, die Rohkost nicht vertragen, erzählen uns zwischen den Zeilen, dass ihre selbst gezüchteten Darmbewohner mit der rohen Kost nicht einverstanden sind. Sie reagieren mit einer erhöhten Produktion meist toxischer Gase – aus Protest, weil sie ihre "Lieblingskost" nicht mehr bekommen: Zucker, Mehlprodukte oder tierische Eiweiße. Wer also den tapferen Versuch macht, einmal drei Tage hintereinander einen großen Salat zu essen, rudert oft schnell wieder zurück. Er bekommt einen dicken Blähbauch, fühlt sich nicht wohl und denkt: "Das kann es nicht sein. Mein Körper will das nicht."

Das ist nicht wahr. Der Körper will das. Wer es nicht will, sind die Darmbewohner, Fäulnis- und Gärungsbakterien und Pilze, die mit überwiegend tierischen Eiweißen, mit Kohlehydraten, viel Zucker und Getreide herangezüchtet wurden. Die überreichen die Protestnote in Form von Blähungen, Winden und manchmal sogar von Bauchkrämpfen. Der Mensch macht aber den Denkfehler zu glauben, er müsse bei der Kost bleiben, die er bislang zu sich genommen hat. Ich habe sehr viele Patienten, die mir genau das berichten. Eine Darmsanierung bedeutet, diese zwei Kilogramm alter Darmbewohner auszutauschen gegen zwei Kilogramm neuer guter Darmbewohner. Ein gesundes Mikrobiom im Darm, das Vitamine, Antioxidantien, essentielle Fettsäuren und Sauerstoff produziert, statt toxischer Gase. Sauerstoff ist für die meisten schlechten Darmbewohner giftig. Er hält die Zahl der schlechten "Untermieter" unter Kontrolle.

So sind wir eigentlich von Natur aus gebaut. Wir sollten das Mikrobiom eines überwiegenden Pflanzenessers haben und natürlich sollten die Pflanzen, die wir essen, überwiegend aus Rohkost bestehen. Bereits während einer Darmsanierung mit Probiotika und ätherischen Ölen vertragen die Menschen die Rohkost wieder und nehmen gleichzeitig mehr Nährstoffe auf, weil die Darmschleimhaut, die zuvor entzündet war, sich beruhigt. Sie nimmt ihre eigentliche Arbeit wieder auf. Sie schleust Nährstoffe aus dem Darm in den Körper und die vielen kleinen Fabriken fangen wieder an zu arbeiten, weil sie mit Rohstoffen versorgt werden. Die Organe erholen sich und der Mensch fühlt sich besser.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 18. Juni 2020 | 21:00 Uhr