Ängste, Sorgen, Depressionen Psychisch stark trotz Corona

Trotz erster Lockerungen ist unser soziales Leben aufgrund der Corona-Pandemie noch immer eingeschränkt. Das bedroht auch unsere seelische Gesundheit. Wie gehen wir mit Angst und Existenzsorgen um? Und gibt es vielleicht sogar Chancen, gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen?

Atemschutzmasken aus Stoff auf einem Wäschetrockner
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Eine ganze Gesellschaft befindet sich im Stresstest. Die verordnete "soziale Distanzierung" lastet uns allen auf der Seele. Bei vielen wird der Wunsch übermächtig, endlich einmal wieder herauszukommen – nicht nur für den Lebensmitteleinkauf oder einen kurzen Spaziergang. Nicht wenige fühlen sich eingesperrt in den eigenen vier Wänden. Die große Frage ist: Wann hört das endlich auf? Wann ist der Alltag endlich wieder "normal"? Wann kann ich wieder für mich und meine Familie planen und bin nicht mehr von den Entscheidungen anderer abhängig?

Ältere Menschen leiden unter Vereinsamung, weil Kinder und Enkel sie nicht mehr besuchen können. Junge Familien wiederum empfinden das Zusammenleben auf engstem Raum, vielleicht noch mit Doppelbelastung durch Home-Office und Kinderbetreuung, als Zerreißprobe. Was passiert während der Corona-Krise in den Menschen und zwischen den Menschen? Und wie schaffen wir es, dass uns die Corona-Angst nicht lähmt?

Menschen sind soziale Wesen

Silhouette eines Mannes mit Mundschutz vor Darstellungen von Corona-Viren
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Wenn Kontakte wegbrechen und sozialer Austausch verhindert wird, hat das Folgen. Wir leben davon, Kontakte aufzubauen und zu unterhalten. Manche dieser Kontakte gehen wir sozusagen automatisch ein, wenn wir uns in die Öffentlichkeit begeben, um einzukaufen oder einer Arbeit nachzugehen. Andere Verbindungen knüpfen wir bewusst, hegen und pflegen sie. Manche werden uns auch inhaltlich wichtig: Man möchte eine vertraute Person um Rat fragen oder sich mit ihr über ein interessantes Thema austauschen. "Jetzt aber wird plötzlich alles auf Null gestellt", sagt die Leipziger Psychiatrie-Professorin Katarina Stengler. "Es kommt zur Verhinderung von sozialem Austausch. Das wird zur Herausforderung. Manche haben dann besonders geringe Ressourcen, so eine Belastungslage zu bewältigen – Alleinerziehende oder Ältere zum Beispiel."

Besonders gefährdet sind auch Menschen, die bereits unter einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung leiden. Der für sie wichtige Kontakt zu Therapeuten und weiteren Hilfeangeboten lässt sich nun schwieriger herstellen.

Wohin mit der Angst?

Mit Ängsten hat in der jetzigen Situation nahezu jede und jeder von uns zu tun ­– und sie sind zunächst ja auch nicht unbegründet. Da ist zum einen die ganz praktische Furcht, sich mit dem neuen Erreger zu infizieren und vielleicht schwer zu erkranken, oder die Angst, diese Infektion an jemanden weiterzugeben. Das vermischt sich mit anderen Sorgen: Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Wird meine Firma die nächsten Wochen und Monate überleben? Wenn Selbständigen jetzt die Aufträge wegbrechen, stellt sich die Frage, wovon soll die Familie leben soll? Hinzu kommen dann mitunter ganz absurde alltägliche Befürchtungen, zum Beispiel: Haben wir genug Toilettenpapier im Haus, um die nächsten Wochen zu überstehen?

einsamer, nachdenklicher junger Mann
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Diese Ängste füttern wir täglich, wenn wir möglichst alle Nachrichten zur Corona-Krise verfolgen wollen. Wir tun das mit der ganz natürlichen Absicht, alles unter Kontrolle behalten zu wollen. Sowohl in den klassischen Medien als auch in den sozialen Netzwerken im Internet werden wir mit Katastrophenmeldungen geradezu bombardiert. Übertreibungen und Falschmeldungen haben es leicht und verstärken die vorhandene "Grundangst".

Hier kann es ratsam sein, den täglichen Medienkonsum einzuschränken, nicht rund um die Uhr "auf der Höhe" sein zu wollen. Es genügt vollkommen, sich einmal am Tag über das Nötigste zu informieren.

Was Mut macht

In dieser Situation großer Anspannung übersehen wir allzu leicht, dass sie in uns auch Positives hervorbringt. Prof. Katarina Stengler, Psychiatrie-Chefärztin am Helios Park-Klinikum Leipzig: "Wir alle haben Ressourcen und sind nicht ständig nur überforderte Opfer. Die Extremsituation fördert auch die Solidarität – es wird viel stärker wahrgenommen, wer Probleme hat und mitgenommen werden muss. Da gibt es die Menschen in einem Mehrfamilienhaus, die sich jetzt mehr Gedanken als bisher um ihre Nachbarn machen: Da oben in der Dachgeschosswohnung lebt doch einer allein. Bekommt der eigentlich noch genug zu essen?"

Vielerorts helfen Nachbarn sich gegenseitig, kaufen füreinander ein, spenden, leisten praktische Hilfe. In der Krise fällt der Blick auch stärker auf Menschen, die mit ihrer Arbeit die Gesellschaft am Laufen halten: Lieferanten, Busfahrer, Verkäuferinnen, Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte. Wir erkennen auf einmal, wie wichtig diese Menschen für uns alle sind und wie wenig Wertschätzung sie in "normalen" Zeiten bekommen.

Einfache Tipps für eine stärkere Psyche

Für Menschen, die psychisch besonders unter der Situation leiden, hat zum Beispiel die Stiftung Deutsche Depressionshilfe Tipps für die Selbsthilfe gesammelt. Die folgenden Punkte helfen aber auch allen anderen, seelisch gesund durch die Corona-Krise zu kommen.

Geben Sie Ihrem Tag Struktur. Das ist besonders wichtig. Versuchen Sie, die kommende Woche im Vorfeld zu planen. Wann wollen Sie aufstehen? Wann ist Zeit für die Mahlzeiten? Wann nehmen Sie sich vor, Lebensmittel einzukaufen? Was könnte wann in der Wohnung getan werden – putzen, reparieren, Wäsche waschen? Welches Buch könnten Sie als nächstes lesen, welches Puzzle-Spiel ist als nächstes dran? Wann möchten Sie Verwandte oder Kinder anrufen? Wann wollen Sie schlafen gehen? Schreiben Sie sich ruhig einen Plan.

Bleiben Sie körperlich aktiv! Auch das ist von großer Bedeutung. Nehmen Sie sich tägliche Spaziergänge vor, suchen Sie sich eine Jogging-Runde. Auch Dehn- und Atemübungen sind möglich. Viele öffentlich-rechtliche Fernsehsender bieten zurzeit Gymnastik-Angebote zum Mitmachen an. Dazu eignet sich jedes Wohnzimmer!

blühende Bäume
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Essen Sie regelmäßig, achten Sie auf gesunde Ernährung und trinken Sie ausreichend.

Nehmen Sie sich Zeit für die Körperpflege.

Schlafen Sie ausreichend
, aber möglichst zu festen Zeiten.

Videotelefonat am Computer mit Freunden
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Pflegen Sie Ihre Kontakte! Auch, wenn persönliche Begegnungen derzeit nur sehr eingeschränkt möglich sind, können Sie sich neue Wege dafür suchen. Das können regelmäßige Anrufe sein, das kann der Austausch per Mail, über eine WhatsApp-Gruppe oder über einen Video-Chat sein. Werden Sie aktiv und wenden Sie sich von sich aus an die Menschen, die Ihnen wichtig sind. Warten Sie nicht darauf, dass sich jemand bei Ihnen meldet. Warum sich nicht über Skype zum gemeinsamen Kochen, Essen oder zum Sport verabreden, jeder vor seinem Bildschirm? Und wenn Sie einem Bekannten auf der Straße begegnen: Sich zu grüßen und einander zulächeln verbindet, auch über größeren Abstand hinweg.

Prof. Katarina Stengler hat einen weiteren guten Rat, der sich vor allem an Menschen richtet, die ihr Leben mit Partnern und Kindern auf engstem Raum organisieren müssen. Sie spricht von einem "individuellen Time-Out", also einer täglichen persönlichen "Auszeit". Das bedeutet: "Suchen Sie sich Möglichkeiten, sich auch mal herauszunehmen aus Abläufen, die durch andere bestimmt sind. Reservieren Sie sich bestimmte Zeiten und Räume, die nur Ihnen gehören. Allein spazieren gehen, allein für sich Dinge organisieren, in Ruhe für sich planen. Das kann auch mal heißen – da trinke ich mein Glas Wein allein."

Wo finde ich Hilfe?

Wenn Sie bemerken, dass Ihnen die derzeitige Situation über den Kopf wächst, zunehmend Konflikte mit dem Partner oder der Partnerin auftreten oder die Angst Sie lähmt, zögern Sie nicht, sich Hilfe zu suchen. Dafür gibt es zahllose Angebote. Einige davon haben wir für Sie aufgelistet.

Eine junge Frau sitzt mit Smartphone und Mundschutz im Zug.
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Am Helios Park-Klinikum Leipzig wurde die überregionale Corona-Hotline "Psyche in der Krise" eingerichtet. Wochentags von 08:00 bis 16:00 Uhr stehen Psychologinnen und Psychologen der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie Betroffenen unter der Telefonnummer 0341 864 2400 für Ihre Fragen und Probleme bereit.

Auch der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP e.V.) bietet telefonische Beratung zu Corona-Ängsten an. Die kostenfreie Hotline 0800 777 22 44 ist täglich von 08:00 bis 20:00 Uhr geschaltet.

Bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gibt es ein Info-Telefon Depression unter der kostenfreien Nummer 0800 33 44 533. Zu erreichen ist die Nummer Montag, Dienstag und Donnerstag von 13:00 bis 17:00 Uhr, sowie am Mittwoch und am Freitag von 08:30 bis 12:30 Uhr. Die Stiftung bietet auch das Online-Programm iFightDepression an.

Die Telefonseelsorge erreichen Sie kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.                                                 

Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer" bietet kostenlose Beratung von Montag bis Samstag, von 14 bis 20 Uhr unter der Nummer 116 111. Das Elterntelefon ist unter 0800 111 05 50 erreichbar und Montag bis Freitag von 9 bis 11 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag von 17 bis 19 Uhr besetzt

Auch der Ärztliche Bereitschaftsdienst der Krankenkassen ist für Sie da, Telefon: 116 117.

In Notfällen können Sie sich auch an eine psychiatrische Klinik in Ihrer Region richten.

Wird unsere Gesellschaft nach der Corona-Krise eine andere sein?

Vieles deutet darauf hin, dass wir nach der Corona-Pandemie nicht einfach wieder zum Tagesgeschäft übergehen können. Das kann aber auch bedeuten, dass viele positive Dinge aus der Zeit hängenbleiben, in der wir mit der Krankheit zu tun hatten. Noch einmal Prof. Dr. Katarina Stengler: "Vielleicht bleibt die Einsicht, dass uns Isolation und Alleingänge Schaden zufügen, dass mehr Gemeinsinn uns voranbringt. Gestärkt werden wir nur, wenn wir auch auf das Gute schauen und unsere Reserven und Ressourcen zu sehen lernen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 23. April 2020 | 21:00 Uhr