Pilzzeit Vitalpilze: Heilsam oder riskant?

Herbstzeit ist Pilzzeit. Aber wussten Sie, dass man die Gewächse nicht nur essen kann, sondern manchen von ihnen auch gesundheitsfördernde Wirkung nachgesagt wird? Wir haben geschaut, was an den Versprechen dran ist.

von Cornelia Birr

Reishi-Pilz (Lackporling)
Reishi-Pilz (Lackporling) Bildrechte: imago images / Design Pics

Vital- oder Heilpilze werden in der traditionellen chinesischen Medizin seit jeher eingesetzt, um das Immunsystem zu stärken oder den Blutzucker zu senken. So gilt beispielsweise der Reishi-Pilz, wegen seiner glänzenden Oberfläche auch Lackporling genannt, als "Pilz der Unsterblichkeit", der unter anderem gegen Leberleiden, Bluthochdruck oder Arthritis helfen soll. Dem Igelstachelbart wird nachgesagt, die Verdauungsschleimhäute zu unterstützen und für ein gesundes Immunsystem zu sorgen.

Jahrtausendealtes Wissen

Birkenporling an einem Birkenstamm
Birkenporling Bildrechte: imago/blickwinkel

Schon die Steinzeitmenschen wussten um die heilsame Wirkung mancher Pilze: Gletschermann Ötzi soll bei seiner Alpenüberquerung vor 5.000 Jahren Birkenporling und Zunderschwamm bei sich getragen haben. An der Uni Greifwald sind Forscher seit ein paar Jahren dabei, das jahrtausendealte Wissen wiederzuentdecken. Im Labor werden traditionelle Heilpilze auf ihre Inhaltsstoffe untersucht. Ötzis Birkenporling beispielsweise enthält sogenannte Triterpene, die gegen Entzündungen wirken.

Pappelritterling
Pappelritterling Bildrechte: imago/blickwinkel

Neu entdeckt haben die Greifswalder Pharmazeuten den Pappelritterling. Er enthält bestimmte Steroide und Triterpene, die auf das Immunsystem wirken, sagt Professor Dr. Ulrike Lindequist: "Das ist potenziell von Interesse zur Behandlung von Heuschnupfen, unter dem ja viele von uns leiden, aber auch von Urtikaria, einer allergisch bedingten Hauterkrankung, oder schwereren Autoimmunerkrankungen." Doch die Forschung in Greifswald ist eine große Ausnahme. Die Wirkung von Pilzen ist wissenschaftlich kaum untersucht. Bislang gibt es keine einzige in Europa anerkannte klinische Studie zu ihrer Heilkraft.

Pilze gegen Krebs?

Auf manchen Pilzen ruht sogar die Hoffnung, mit ihnen Krebs bekämpfen zu können. Der Onkologe Hans Lampe vom Rostocker Universitätsklinikum ist einer der wenigen Schulmediziner, die Heilpilze hin und wieder als Ergänzung zur Chemotherapie einsetzen – bei Menschen, die diese schlecht vertragen. Dazu variiert er alte Rezepturen aus der traditionellen chinesischen Medizin. Die Mischung stellt er je nach Beschwerden individuell zusammen: "Wir versuchen, die ergänzenden Verfahren zwischen den Therapien oder im Anschluss an die Therapie anzuwenden, um dann durch Ernährung im weitesten Sinne den Körper zu stabilisieren, ohne die Tumorwirksamkeit der Medikamente zu schwächen". Die Mischungen basieren auf pflanzlichen, mineralischen und tierischen Bestandteilen, aus denen Abkochungen hergestellt werden (sogenannte Dekokte). Auf zehn bis fünfzehn Substanzen kommen etwa ein bis zwei Pilze. Vor allem Probleme des Magen-Darm-Traktes lassen sich laut Lampe auf diese Weise gut behandeln, aber auch allergische Probleme. Der Onkologe hofft, dass ihm in Zukunft isolierte Substanzen aus Pilzen zur Verfügung stehen, mit denen er gezielt die Tumorzellen seiner Patienten angreifen könnte.

Frühe Forschung

Chinesischer Raupenpilz (Cordyceps sinensis)
Chinesischer Raupenpilz (Cordyceps sinensis) Bildrechte: imago/Panthermedia

Thomas Efferth von der Universität Mainz forscht auf diesem Gebiet. Er stellt Extrakte aus Pilzen wie Reishi, Fu Ling und Cordyceps her und isoliert anschließend ihre Wirksubstanzen. Eine davon, das Cordycepin, findet sich im Cordyceps sinensis (chinesischer Raupenpilz) und kann zur Abtötung von Tumorzellen verwendet werden. Besonders gut wirkt der Stoff offenbar auf Leukämie-, Brustkrebs- und Prostatakrebszellen – zumindest im Reagenzglas. Noch stehen diese isolierten Wirkstoffe jedoch nicht zur Verfügung, auch sind die Pilze in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen.

Verbraucherzentrale rät zu Vorsicht

Im Internet gibt es mittlerweile viele Anbieter, die Vitalpilzextrakte verkaufen. Die Verbraucherzentrale sieht das kritisch: Anders als Arzneimittel werden Nahrungsergänzungsmittel nicht unter standardisierten Bedingungen produziert. Gerade Produkte aus Asien enthielten oft nicht die angegebenen Substanzen oder Dosierungen und seien häufig mit gesundheitsschädlichen Stoffen wie Aflatoxinen und anderen giftigen Pilzsubstanzen verunreinigt. Zudem seien weder Nebenwirkungen, Sicherheit oder tatsächliche Wirkungen geprüft, so die Verbraucherschützer. In jedem Falle sollte der behandelnde Arzt über eine Einnahme der Mittel informiert werden. Und unter keinen Umständen sollte man notwendige medizinische Behandlungen zugunsten der Pilztherapie verschieben oder gar unterlassen. Welche Heilkraft in welchem Pilz steckt, muss nun weiter erforscht werden. Ob sich die Ergebnisse aus Zellkulturen auf den Menschen übertragen lassen, ebenso.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 12. September 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2019, 13:29 Uhr