Corona-Impfung Soll ich mich trotz Rheuma, Asthma oder Allergien impfen lassen?

Viele Menschen mit Vorerkrankungen sorgen sich, ob sie die neue Impfung gegen das Coronavirus gut vertragen. Dr. Thomas Grünewald, Infektiologe am Klinikum Chemnitz und Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission beantwortet Fragen zu Nebenwirkungen und möglichen Langzeitfolgen.

Impfung
"Die Impfung wird in den Deltamuskel am Oberarm gespritzt", erklärt Dr. Grünewald. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Würden Sie Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen oder Rheuma eine Impfung empfehlen?

Dr. Thomas Grünewald: In den Studien waren nicht nur junge, gesunde Menschen dabei, sondern auch Menschen mit Rheumaerkrankungen, mit Autoimmunerkrankungen, mit COPD oder Asthma Bronchiale. Die haben den Impfstoff gut vertragen. Man kann also diese Patienten impfen. Und das ist auch ganz wichtig, dass wir diejenigen, die chronische Krankheiten haben, mit hineinnehmen in die Impfung.

Menschen mit Bluthochdruck oder Herzproblemen müssen Blutverdünner nehmen. Sind solche Medikamente ein Risiko bei der Impfung?

Die Impfung wird in den Deltamuskel am Oberarm gespritzt. Das müssen wir mit allen Menschen so machen, also auch mit Menschen, die Blutverdünner nehmen. Das funktioniert sehr gut, da die Injektionsnadeln sehr fein sind. Es besteht dadurch normalerweise kein erhöhtes Blutungsrisiko. Aber halten Sie im Zweifel Rücksprache mit Ihrem Arzt. Wichtig ist auch: Wir müssen die Menschen nach einer Impfung nachbeobachten. Schon allein deswegen, damit keine allergischen Reaktionen übersehen werden und dort keiner zu Schaden kommt. Auch wenn das eine sehr seltene Sache ist.

Dr. Grünewald
Dr. Thomas Grünewald ist Infektiologe am Klinikum Chemnitz und Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über eine Million Menschen sind in Deutschland mittlerweile von einer Corona-Infektion genesen. Soll man sich als Genesener impfen lassen?

Medizinisch und immunologisch gesehen macht das Sinn. Wir wissen, dass nach einer natürlichen Infektion virusneutralisierende Antikörper weniger werden und unter Umständen sogar ganz verschwinden können. Das heißt, es macht schon Sinn, das Immunsystem nochmal zu aktivieren. Das Problem ist, dass wir mit dem aktuellen Impfstoffmangel diese Patienten ein bisschen nach hinten schieben müssen in der Priorisierung. Grundsätzlich macht das aber Sinn.

Nach der ersten Impfung ist das Immunsystem ja erst mal "beschäftigt". Ist man in der Zeit anfälliger für andere Erkrankungen oder für eventuelle Corona-Mutationen?

Nein, das ist nicht der Fall. Das Immunsystem ist zwar aktiviert, man hat aber noch genügend andere Immunzellen, um andere Krankheiten zu bekämpfen. Corona-Mutationen, die wir jetzt kennen, werden von den Impfstoffen erfasst, wenn auch nicht sofort. Das gilt aber auch für die – in Anführungszeichen – normalen Stämme. Die Wirksamkeit von rund 95 Prozent kommt wirklich erst mit der zweiten Impfung, auch wenn wir schon eine milde Wirksamkeit so zehn bis 14 Tage nach der ersten Impfung sehen können.

Mit welchen Impfreaktionen muss man rechnen?

Der Impfstoff ist sehr wirksam, produziert also Immunreaktionen wie Gelenk- und Gliederschmerzen, ein bisschen erhöhte Temperatur, allgemeine Mattigkeit, manchmal auch eine Lymphknotenschwellung. Das ist normal und in der Regel mild. Ganz selten können das mal stärkere Reaktionen werden. Wir haben so zwei bis drei Prozent der Menschen, die tatsächlich dadurch einen Tag zu Hause bleiben müssen. Wir nehmen das als Ausdruck der Immunreaktion, die wir ja haben wollen.

Der zweite Impfstoff Moderna wird gerade verteilt. Es heißt, als Patient kann man nicht entscheiden, welchen Impfstoff man bekommt. Macht das einen Unterschied im Nebenwirkungsspektrum?

Das stimmt, derzeit kann man sich den Impfstoff nicht aussuchen. Da es sich bei beiden Impfstoffen um mRNA-Impfstoffe handelt, ist das Nebenwirkungsprofil ähnlich. Der Unterschied zwischen den beiden Impfstoffen liegt eher in der Lagerung, der Kühlung und in der Logistik.

Die Impfstoffe sind neu, viele sorgen sich, dass es Langzeitfolgen geben könnte, an die jetzt noch keiner denkt. Wie groß ist das Risiko, dass es Spätfolgen gibt?

Man muss ganz klar sagen, mit diesen sogenannten mRNA-Impfstoffen, zu denen die beiden jetzt zugelassenen Impfstoffe gehören, arbeiten wir in Studien schon seit 2008. Also, es ist nicht so, dass dieses Prinzip unbekannt ist, es sind schon Menschen damit geimpft worden. Wir haben das zum Beispiel für Influenzaviren, für Tollwutviren, aber auch für Ebola und Zikaviren gemacht. Also, das heißt, wir haben bei anderen Impfstoffen schon Erfahrung, wie das über einen langen Zeitraum wirkt, wie das funktioniert, ob es langfristige Nebenwirkungen gibt. Und da ist das Sicherheitsprofil – Gott sei Dank muss man sagen – sehr gut.

Kann man nach der Impfung noch jemanden anstecken?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Die Impfung bewirkt eine krankheitsverhindernde Immunität. Derjenige, der geimpft ist, hat ein minimales Risiko krank zu werden. Nämlich von vier bis fünf Prozent. Wir wissen aber nicht genau, ob wir auch eine sterilisierende Immunität haben. Das heißt, wenn jemand geimpft ist, kann er sich trotzdem anstecken, Viren tragen und die vielleicht auch weitergeben. Es spricht vieles dafür, dass wir keine vollständige sterilisierende Immunität haben. Das ist wichtig, deswegen müssen wir umso mehr Menschen impfen, damit wir diese sogenannte Herdenimmunität erreichen.

Stichwort Herdenimmunität Nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums müssten rund 55 bis 65 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen und eine Ausbreitung des Virus weitgehend zu verhindern.

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 14. Januar 2021 | 21:00 Uhr

Ein Angebot von

Mehr Gesundheit