Interview Endometriose-Expertin: Chronische Schmerzen kann man nicht wegoperieren

Simonsen, Katrin: Chefin vom Dienst, Moderatorin im Bereich Zeitgeschehen
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Endometriose ist eine weit verbreitete, aber oft jahrelang unerkannte Krankheit. Die Leiterin des Endometriose-Zentrums der Berliner Charité, Sylvia Mechsner, erklärt, warum die Diagnose oft so lange dauert, warum Ärzte verpflichtet werden sollten, sie den Krankenkassen zu melden und warum man chronische Schmerzen nicht einfach wegoperieren kann.

Animation Gebärmutter
Bei einer Endometriose bildet sich Gewebe der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter. Bildrechte: Colourbox.de

MDR AKTUELL: Guten Tag, Frau Professor Mechsner! Warum sorgt dieses Gewebe, das außerhalb der Gebärmutter wuchert, für derartige Schmerzen und Probleme bei vielen Frauen? Eigentlich ist es ja gutartig.

Sylvia Mechsner: Ja, das ist auf jeden Fall gutartig oder in den allermeisten Fällen. Es ist aber so, dass es im Bauchraum natürlich ortsfremd ist. Die Gebärmutterschleimhaut gehört in die Gebärmutterhöhle und nirgendwo anders hin.

Wenn es zu einer Ansiedlung von solchen Läsionen (Anm. der Red: Verletzungen, Schädigungen, Störungen) kommt, in der Gebärmutter-Muskelwand oder im Bauchraum, dann durchlaufen sie wie die Gebärmutterschleimhaut zyklische Veränderungen, sind hormonabhängig aktiv und setzen Schmerz-Mediatoren und Botenstoffe frei, gerade zur Zeit der Menstruation. Das ist dann oftmals sehr schmerzhaft. Ein anderes Problem ist, dass es aufgrund dieser Fremd-Lokalisation auch zu Entzündungen kommt. Das Immunsystem reagiert darauf, wenn dort plötzlich Gewebe wachsen, die dort eigentlich nicht hingehören.

Ich habe gelesen, eine von zehn Frauen sei betroffen - das klang für mich recht viel. Gehen Sie auch von dieser Zahl aus?

Genau, wir gehen auch davon aus. Das Problem ist, dass Endometriosen im ambulanten Bereich von Frauenärzten nicht codiert werden – also, dass die Information nicht an die Krankenkasse weitergeleitet wird.

Wir sind selbst schockiert darüber, dass, wenn man die Krankenkassen fragt, wir nur zwei bis maximal drei Prozent Endometriose-Patientinnen haben sollen. Wir wissen aber, dass in Krankenhäusern bis zu 40.000 Neuerkrankungen pro Jahr gezählt werden.

Im Schnitt braucht es wohl zehn Jahre und drei Ärzte, bis diese Diagnose gestellt wird. Wieso dauert so das so lange?

Das frage ich mich auch, ehrlich gesagt. Ich beschäftige mich jetzt in einem spezialisierten Zentrum schwerpunktmäßig damit. Also sollte es mir auch leicht fallen, das zu erkennen.

Aber im Grunde genommen ist es schon erstaunlich. Das eine ist sicherlich, dass Frauenärzte, wenn sie hören "Regelschmerzen" und sie untersuchen die Patientin und sehen dann nichts, das dann oft abtun: Ja, Regelschmerzen, damit muss man leben, da ist aber nichts.

Und da sind wir sehr intensiv dabei. Weil wir durch die besseren Ultraschall-Geräte wirklich gute Fortschritte gemacht haben. Dass man Endometriose schon sehr gut sonographisch erkennen kann. Und dann muss man einfach daran appellieren, dass die Frauenärzte an Endometriose-Zentren weiterleiten, wenn sie eben nicht die Kapazität haben.

Eine Endometriose-Vorstellung einer Patientin dauert bei uns ungefähr 40 bis 60 Minuten. Schneller geht es eigentlich nicht. Wenn man eine ausführliche Anamnese machen möchte, dann gehört es dazu, dass man wirklich bei der ersten Regelblutung anfängt mit der ganzen Befragung und dann ganz in Ruhe darüber spricht: Wie hat sich das über die Jahre entwickelt? Das ist aus meiner Sicht superwichtig, um zu verstehen, wie die Beschwerden über viele Jahre immer komplexer werden.

Das klingt so, als sei der normale Frauenarzt damit ein bisschen überfordert.

Ach ja, vielleicht. Aber ich glaube, ein großes Problem ist, dass das auch nicht bezahlt wird. Man kann sich als niedergelassener Frauenarzt leider nicht eine halbe, dreiviertel Stunde mit einer Patientin hinsetzen und diese Schmerz-Anamnese aufnehmen, ohne dass das entsprechend vergütet wird. Das ist ein ernst zu nehmendes Problem, das gehört dann auch ordentlich bezahlt.

Ein anderes Problem ist, bei Endometriose sehr oft schnell zur Operation zu raten. Damit verdiene ich viel mehr und schnelleres Geld, als wenn ich mir das genau anhöre und dann ein individuelles Therapie-Konzept für die Frau mit ihr bespreche. Dazu gehört dann auch: Wie sieht es mit der Familienplanung aus? Wie sieht es mit der Beziehung aus? Gibt es Schmerzen beim Geschlechtsverkehr? Das sind alles Themen, die sich nicht in drei Minuten besprechen lassen. Wenn man diese Möglichkeit aber hat, dann ist es wichtig, das alles zu wissen und vorab auch ohne Operation schon ein Therapie-Konzept zu erstellen und es aber auch einzuleiten.

Was gibt es eigentlich für Therapien mittlerweile?

Wenn wir mit der Ultraschalldiagnostik ausschließen können, dass fortgeschrittene Endometriose vorliegt, dann würde man erst mal eine hormonelle Therapie einleiten, mit der wir den Zyklus ausschalten. Weil diese sehr vielen Zyklen im Grunde unphysiologisch sind und es dann besser ist, wenn das zur Ruhe kommt. Die Beschwerden der Patienten sind in den allermeisten Fällen damit sehr gut behandelt – wenn sie die hormonelle Therapie so durchführen, dass gar keine Blutung mehr auftritt.

Das hilft aber nur, wenn es relativ früh erkannt wird?

Transplantation in einem Krankenhaus
Viele betroffene Frauen lehnen eine Operation trotz hohen Leidensdrucks ab. Bildrechte: dpa

Nein, das kann man im Grunde auch bei fortgeschrittenen Befunden machen. Aber das sollte dann natürlich in die Hand von wirklichen Experten gelegt werden. Denn wenn Patientinnen Herde am Darm oder gar am Harn-Leiter oder der Blase haben, muss man immer die Operation gegenüber einer hormonellen Therapie abwägen.

Aber wir haben sehr viele Patientinnen, für die Operationen gar nicht in Frage kommen, weil das zum Teil sehr komplexe Eingriffe sind, mit entsprechenden Nebenwirkungen, und die mit einer hormonellen Therapie sehr gut zurecht kommen. Das muss man individuell entscheiden.

Sie sagten bereits, dass viele Frauenärzte, die Diagnose nicht weitermelden, dass also die Statistiken der Krankenkassen fehlerhaft sind. Inwieweit wäre solch eine gute Statistik wichtig für Forschungsbereiche? Oder sind Sie mit der Forschung schon zufrieden?

Nein. Danke, dass Sie das ansprechen. Um in diesem Bereich Forschung machen zu können, brauchen wir natürlich ganz dringend die Zahlen von den Krankenkassen. Denn so sagen die Krankenkassen natürlich: Warum brauchen wir Geld, um Früherkennungsprogramme zu etablieren? Das ist etwas, woran wir zum Beispiel gerade arbeiten, dass man Programme etabliert, wo man schon Mädchen, junge Frauen mit schwerster Dysmenorrhö (Anm. der Red.: schmerzhafte Regelblutung) quasi in in die Betreuung gibt.

Denn ich halte es für unglaublich wichtig, so früh wie möglich eine adäquate Therapie einzuleiten. Es muss nicht immer hormonell sein. Aber die Schmerz-Situation muss ja auch begleitet sein. Denn wenn junge Frauen über so viele Jahre so schlimme Schmerzen haben, entwickeln sie ein chronisches Schmerz-Syndrom. Und das lässt sich dann auch gar nicht mehr so ohne Weiteres wegoperieren.

Dann sind sehr umfangreiche, komplexe, langwierige Behandlungen erforderlich, um jemanden aus so schweren Schmerz-Zuständen wieder raus zu holen. Weil man ein Schmerz-Gedächtnis hat und sich das dann alles irgendwann verselbstständigt.

Kann man sich aus Eigeninitiative an ein Endometriose-Zentrum wenden? Oder braucht man immer die Überweisung des Frauenarztes?

Man kann sich an ein Endometriose-Zentrum wenden, man kann sich die Überweisung auch vom Hausarzt geben lassen. Und über die Stiftung Endometriose-Forschung und auch die Endometriose-Vereinigung gibt es Listen, wo man ein wohnortnahes Endometriose-Zentrum finden kann.

Zur Person

Sylvia Mechsner sitzt in einem Garten
Bildrechte: Sylvia Mechsner/Charite Berlin

Professor Sylvia Mechsner sie ist die Leiterin des Endometriose-Zentrums an der Berliner Charité. Das Zentrum wurde im Jahr 2000 gegründet und bietet spezielle Endometriose-Sprechstunden für Patientinnen an, bei denen der Verdacht besteht oder die Erkrankung schon bekannt ist. Jährlich werden mehr als 1.000 Patientinnen betreut und rund 150 Operationen durchgeführt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Mai 2020 | 06:00 Uhr

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