Interview Fehlbildungen bei Babys: Jenaer Klinikchef gibt Entwarnung

In Gelsenkirchen wurden drei Kinder ohne Hand geboren. Gibt es ähnliche Fälle auch in Mitteldeutschland? Wir haben mit Prof. Dr. Ekkehard Schleußner von der Klinik für Geburtsmedizin an der Uniklinik Jena gesprochen.

Gab es bei Ihnen in letzter Zeit ähnliche Fälle von solchen Fehlbildungen bei Babys wie in Gelsenkirchen?

Nein, wir sind ein Perinatalzentrum Level 1, in dem jährlich über 120 fetaler pränatal diagnostizierter Fehlbildungen vorgestellt und mitbetreut werden. Davon waren in 2018 nur sieben Skelett- und Extremitätenfehlbildungen insgesamt und eine Handfehlbildung. 2019 haben wir bisher ebenfalls nur ein Kind mit Handfehlbildungen betreut – allerdings mit einem anderen Typ als in Gelsenkirchen.

Wie ist das Prozedere, wenn Fehlbildungen bei Neugeborenen auftreten? Gibt es Verhaltensregeln?

Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena
Prof. Dr. Ekkehard Schleußner ist Direktor der Klinik für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Jena. Bildrechte: UKJSchroll

Anders als in Gelsenkirchen werden in Thüringen fetale Anomalien überwiegend bereits vor der Geburt im Schwangerenultraschall durch die betreuenden Frauenärzte und pränataldiagnostischen Spezialpraxen festgestellt. Damit kann eine ausführliche Beratung der Eltern bereits vor der Geburt erfolgen, ihre Fragen durch Spezialisten beantwortet und Wege zur optimalen Versorgung der Kinder während und nach der Geburt geebnet werden. So sind die Eltern wie auch das Kreißsaal-Team auf solche Situationen vorbereitet. Sollten dennoch Fehlbildungen während der Schwangerenvorsorge nicht erkennbar gewesen sein oder fand dies nicht statt, gilt es zunächst, alles dafür zu tun, dass das Neugeborene bestens versorgt wird. Dann müssen mit den Eltern in größter Transparenz und Klarheit die erkennbaren Auffälligkeiten besprochen und wenn möglich gezeigt werden. Das erfolgt in meiner Klinik immer gemeinsam durch den Geburtshelfer und den Kinderarzt oder Neonatologen, der das Neugeborene untersucht und betreut. Bei uns ist selbstverständlich, dass die Eltern in solchen Situationen durch die Psychologin im Perinatalzentrum begleitet und mitbetreut werden.

Wann kann man von einer auffälligen Häufung von Fehlbildungen sprechen?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, da es in Deutschland kein verpflichtendes Register für angeborene Fehlbildungen gibt. Handfehlbildungen sind extrem selten, sodass drei kurz nacheinander auftretende Fälle in einer relativ kleinen Klinik natürlich auffällig sind. In einem dafür spezialisiertem Zentrum dagegen werden entsprechende Fehlbildungen oft aus ganz Deutschland vorgestellt  - und dann besteht dort eine hohe Expertise. Ohne die näheren Details der NRW-Fälle anders als durch die Presse zu kennen, erscheint mir dennoch sinnvoll, im Detail jeden einzelnen Fall sehr genau zu analysieren um eventuell Bezugspunkte oder Gemeinsamkeiten zwischen den Fällen zu erkennen. Daraus können sich dann gegebenenfalls Hinweise für weitere Recherchen ergeben.

Wie kann festgestellt werden, dass es auffällige Häufungen gibt? Gibt es eine Meldepflicht für bestimmte Fälle?

Nein, es gibt keine Meldepflicht für angeborene Fehlbildungen in Deutschland. Deshalb kann auch keine gesicherte Aussage zur Häufigkeit einzelner Fehlbildungen oder Fehlbildungsgruppen für Mitteleuropa getroffen werden. Es gibt lokale Register wie das Mainzer Geburtenregister oder das Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt, die jedoch nur regionale Erfassungen machen, und das europäische Register EUROCAT, das versucht Daten aus allen Staaten Eurpoas zu sammeln.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 18. September 2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. September 2019, 11:36 Uhr