Ein Junge nimmt Süßigkeiten aus dem Schrank.
Nur zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr sollten durch freie Zucker gedeckt werden. Bildrechte: dpa

12. August "Kinder-Überzuckerungstag" - Süßes für ein ganzes Jahr

Die Verbraucherorganisation Foodwatch schlägt Alarm: Bereits am 12. August haben Kinder und Jugendliche die Menge Zucker konsumiert, die eigentlich für ein ganzes Jahr empfohlen wird.

Ein Junge nimmt Süßigkeiten aus dem Schrank.
Nur zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr sollten durch freie Zucker gedeckt werden. Bildrechte: dpa

Kinder und Jugendliche in Deutschland erreichen nach einer Berechnung der Verbraucherorganisation Foodwatch an diesem Montag den "Überzuckerungstag" - sie haben dann laut Studiendaten schon so viel Zucker konsumiert wie für ein ganzes Jahr empfohlen. Foodwatch kritisierte, die Branche vermarkte überzuckerte Lebensmittel aggressiv an Kinder. Werbebeschränkungen sollten dafür sorgen, dass nur noch ausgewogene Produkte gezielt an Kinder vermarktet würden.

Basis der Berechnung sind Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und von Fachorganisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Demnach sollten höchstens zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr durch freie Zucker aufgenommen werden - laut einer Studie waren es bei Drei- bis 18-Jährigen nach jüngsten Daten von 2016 aber 16,3 Prozent, wie Foodwatch erläuterte.

Frauen essen am wenigsten Zucker

Auf Grundlage dieses höheren Mittelwerts ergebe sich, dass Kinder und Jugendliche rechnerisch schon am 224. statt am 365. Tag ihr empfohlenes "Zuckerlimit" für ein ganzes Jahr erreichen - also am 12. August. Bei Männern wäre es demnach am 20. September, bei Frauen am 8. Oktober.

Freie Zucker umfassen Zuckerarten, die Hersteller oder Verbraucher Lebensmitteln zusetzen, unter anderem Traubenzucker (Glucose, Dextrose), Fruchtzucker (Fructose), Haushaltszucker (Saccharose), Malzzucker (Maltose) sowie den natürlich in Honig, Sirupen, Fruchtsaftkonzentraten und Fruchtsäften vorkommenden Zucker, heißt es in einem Fachpapier. DGE, Deutsche Adipositas Gesellschaft und Deutsche Diabetes Gesellschaft erläutern darin, eine hohe und häufige Zuckerzufuhr stehe in Zusammenhang mit Übergewicht und erhöhten Risiken etwa für Diabetes, Herz- und Gefäßerkrankungen sowie Karies.

Viele Kinderprodukte "maßlos überzuckert"

Laut der "Donald"-Studie (Dortmund Nutritional and Anthropometric Longitudinally Designed) zum Ernährungsverhalten sei die Zufuhr freier Zucker bei 3- bis 18-Jährigen zurückgegangen, heißt es in dem Papier der drei Gesellschaften. Sie liege aber weiter deutlich über zehn Prozent. Auf diese Studie stützt sich auch Foodwatch.

Foodwatch-Experte Oliver Huizinga kritisierte, die allermeisten Produkte, die etwa mit Comics und Spielzeugbeigaben gezielt an Kinder vermarktet würden, seien "maßlos überzuckert". Der Ansatz von Ernährungsministerin Julia Klöckner, die Lebensmittelindustrie freiwillig zu einer Zuckerreduktion zu bewegen, sei völlig unzureichend. Im Kampf gegen Übergewicht nicht nur bei Kindern hatte das Kabinett eine Strategie verabschiedet, die dafür umstrittene Vereinbarungen mit den Herstellern vorsieht. Damit sollen viele Fertigprodukte bis 2025 nach und nach neue Rezepturen bekommen. Laut ersten Zusagen sollen zum Beispiel Kinder-Joghurts mit mindestens zehn Prozent weniger Zucker auskommen. Klöckner will zudem den Zusatz von Zucker und Süßungsmitteln in Baby- und Kleinkindertees verbieten.

Der freiwillige Charakter der Vereinbarungen stieß auf scharfe Kritik. Die Grünen etwa kritisierten Klöckners Strategie als "Geschenk an die Lebensmittelkonzerne". Die Reduktionsziele seien gänzlich unverbindlich und ihre Umsetzung liege in weiter Ferne, erklärte Grünen-Politikerin Renate Künast. Die Organisation Foodwatch warf der Ministerin ebenfalls "knallharte Interessenpolitik" vor.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. August 2019 | 13:26 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2019, 14:52 Uhr