Computergrafik: Darmbakterien auf Darmzotte
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Darmbewohner Mikrobiom – Nützliche Bakterien im Darm

Billionen von Mikroorganismen in unserem Verdauungstrakt sind nicht bloß an der Verwertung unserer Nahrung beteiligt. Sie haben Einfluss auf wichtige Prozesse im Körper und entscheiden mit, ob wir gesund oder krank, dick oder dünn, zufrieden oder verstimmt sind.

von Jörg Simon

Computergrafik: Darmbakterien auf Darmzotte
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Lange Zeit galt für die Bakterien, Pilze und Viren in unserem Verdauungstrakt der Überbegriff "Darmflora". Mit der "Flora", der Pflanzenwelt also, haben diese Kleinlebewesen aber wenig zu tun. Inzwischen hat sich der wissenschaftlich genauere Begriff "Mikrobiom" durchgesetzt. Denn in den letzten Jahren rückte diese ganz eigene Welt in unserem Inneren in den Mittelpunkt der Forschung. Mediziner und Biologen halten das Mikrobiom für einen Schlüssel bei der Entstehung zahlreicher Krankheiten. Doch was wissen wir bisher genau über die Rolle dieser hundert Billionen Dauergäste im Darm?

Die Fakten

Computergrafik: Darm im Körper eines Menschen
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Der Darm eines Neugeborenen ist zunächst von Bakterien unbesiedelt und wird erst nach und nach vom Mikrobiom erobert. Die Grundausrüstung für unsere Darmflora bekommt jeder bei der Geburt von seiner Mutter mit. Mit den Jahren stellt sich bei einem gesunden Mikrobiom ein stabiles Gleichgewicht zwischen verschiedenen Mikroorganismen her. Zu den wichtigsten zählen bestimmte Bakterien: Laktobazillen, Bifido-Bakterien, Firmicutes. Die Zusammensetzung dieser Mikrowelt ist wie ein Fingerabdruck bei jedem Menschen anders. Aber sie verändert sich, wenn wir älter werden. Darm-Experte Prof. Dr. Jost Langhorst vergleicht das Mikrobiom gern mit einer Großstadt: "Da leben tausende Familien zusammen auf engstem Raum und müssen sich miteinander vertragen."

Die Mikroorganismen finden in unserem Darm beste Bedingungen vor. Sie sind vor vielen Umwelteinflüssen geschützt, haben es gleichmäßig warm und die Nährstoffversorgung ist ebenfalls gesichert. Die Darmbakterien leben von dem, was wir essen. Einige von ihnen schaffen es sogar, Nahrungsbestandteile zu verwerten, die unser Körper sonst nicht aufnehmen könnte.

Doch das Mikrobiom ist weit mehr als eine Ansammlung bequemer Mitesser. Unser Körper bekommt von seinen Gästen auch etwas zurück, nämlich zusätzliche Energie, Hilfe bei der Verteidigung gegen Krankheitskeime, Unterstützung für das Immunsystem. Wie die Darm-Mikroorganismen in die Steuerung zahlreicher Körpervorgänge eingreifen, ist bisher erst in Ansätzen erforscht. Manche Wissenschaftler sehen im Mikrobiom aber bereits eine Art eigenes Organ und sprechen sogar von einem "Super-Organ".

Ungelöste Fragen

Die Forschungen am Mikrobiom haben in den letzten Jahren eine große Euphorie ausgelöst. Wissenschaftler untersuchen die Zusammenhänge zwischen unseren Darmbewohnern und völlig verschiedenen Krankheiten – auch solchen, die auf den ersten Blick rein gar nichts mit unserem Verdauungstrakt zu tun haben. Das beginnt bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, Reizmagen oder Reizdarm und Fettleber. Außerdem könnten Diabetes und verschiedene Allergien durch das Mikrobiom beeinflusst werden. Und auch bei Autismus, Alzheimerdemenz oder Depressionen werden Verbindungen mit dem Mikrobiom vermutet.

Kritiker warnen jedoch vor übereilten Schlussfolgerungen. Bei vielen Erkrankungen sei noch gar nicht klar, ob eine veränderte Darmflora die Ursache oder die Folge der Erkrankung sei. Über die Möglichkeiten, das Mikrobiom gezielt zu beeinflussen und damit zur Therapie bestimmter Leiden zu nutzen, wisse man nach wie vor zu wenig. Der Hype um das Mikrobiom habe zu einer regelrechten "Microbiomania" geführt.

In diesem Zusammenhang wird auch zur Skepsis gegenüber Angeboten geraten, seine Darmflora im Labor analysieren zu lassen. Zum einen ist es schwierig, aus den Ergebnissen für den Patienten verwertbare Schlussfolgerungen abzuleiten. Es gibt aber noch ein anderes Problem, erklärt Prof. Jost Langhorst: "Wir sind in der Standardisierung der Diagnostik noch nicht so weit. Sie bekommen in dem einen Labor ein bestimmtes Ergebnis. In einem anderen Labor kommt aber im Zweifelsfall etwas ganz anderes heraus. Wir arbeiten hier noch nicht mit endgültigen Wahrheiten."

"Brot-Typ" oder "Haferflocken-Typ"?

Brot und Haferflocken
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Als relativ gesichert gilt, dass unser Mikrobiom Einfluss auf die Verwertung der Nahrung im Darm, auf die Energiegewinnung und auf die Regulierung unseres Blutzuckerspiegels hat. Es wird vermutet, dass unsere Darmbewohner mit entscheiden, ob wir Übergewicht ansetzen oder schlank bleiben. Wie genau das Mikrobiom und unsere Ernährungsgewohnheiten zusammenspielen, ist derzeit Gegenstand vieler Forschungen. Eine Studie am Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein zeigt, wie unser Mikrobiom offenbar bestimmt, bei welchen Nahrungsmitteln unser Blutzucker besonders stark steigt und damit gleich wieder neuen Hunger auslöst. Unterschiede offenbaren sich vor allem beim Frühstück. So gibt es sogenannte "Brot-Typen", bei denen, wenn sie morgens Brot essen, der Blutzucker-Spiegel nur einen sanft ansteigt. Sie bleiben lange satt und nehmen nicht zu. Essen sie allerdings Müsli, ist das anders: Dann steigt der Blutzucker steil an und sie müssen rasch wieder etwas essen und werden deshalb dick. Beim "Haferflocken-Typ" ist das umgekehrt. Bei ihm löst Brot einen heftigen Blutzucker-Anstieg aus und führt zu mehr Appetit.

Mikrobiom vom Spender: Wem hilft das?

Bisher gibt es nur wenige Therapien, die eine Krankheit gezielt über eine Veränderung des Mikrobioms beeinflussen. Eine davon allerdings tut das auf sehr drastische Weise. Es geht um die Stuhltransplantation. Bei der Behandlung wird dem Empfänger der zuvor gereinigte Stuhl eines Spenders übertragen und mit ihm das gesunde Mikrobiom des Spenders. Dieser Transfer erfolgt während einer Darmspiegelung. Auch Anni Scherzer aus Franken hat diese Therapie geholfen. Sie ist dafür extra ins thüringische Saalfeld gekommen. Die dortige Thüringen-Klinik bietet das Verfahren bei bestimmten Krankheitsbildern an. Bei Frau Scherzer war es eine hartnäckige Infektion mit bestimmten Bakterien, sogenannten Clostridien. Mehrere Krankenhausaufenthalte und Antibiotika-Therapien halfen nicht. Anni Scherzer ging kaum noch aus dem Haus. Doch die Stuhltransplantation schlug an – die schädlichen Clostridien wurden komplett aus ihrem Darm verdrängt.

Zufriedene Gäste im Darm – aber wie?

Ein gesundes Mikrobiom zeichnet sich vor allem durch seine Vielfalt aus. "Wir brauchen eine Multikulti-Gesellschaft im Darm", so formuliert es Prof. Langhorst. Doch diese Vielfalt ist immer wieder gefährdet. Eine der Gefahren ist paradoxerweise mit der Erfolgsgeschichte der modernen Medizin verbunden. Es geht um die Antibiotika. So wichtig diese Mittel für die Eindämmung von Infektionen sind, so verheerend können sie sich auf das Mikrobiom auswirken. "Um beim Bild der Großstadt zu bleiben", sagt Prof. Jost Langhorst, "der Einsatz mancher Antibiotika radiert im Mikrobiom ganze Straßenzüge aus." Wenn Antibiotika schon im Kindesalter eingesetzt werden müssen, kann es später häufiger zu chronisch entzündlichen Erkrankungen kommen. Womöglich hängt das mit einer Darmflora zusammen, deren inneres Gleichgewicht verschoben wurde.

Frischer Salat
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Eine weitere Gefahr für die Vielfalt in der Mikro-Welt in uns ist unsere Ernährung. Viele Nahrungsmittel sind heute industriell verändert. Zutaten wie Salz, Emulgatoren oder ein Übermaß an Fett bekommt den Bakterien im Darm nicht besonders. Sie profitieren jedoch von regionaler, saisonaler, natürlicher Ernährung, nicht zuletzt wegen der darin enthaltenen Ballaststoffe. Sie sind für unsere Mitbewohner sozusagen das Kraftfutter. Besonders beliebt bei ihnen: Ballaststoffe aus Zwiebeln, Topinambur, Chicorée oder Artischocken.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 04. Oktober 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2018, 08:57 Uhr