Junge Frau mit Migräne
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Neue Medikamente Neue Wunderwaffe gegen Migräne?

Häufige Migräneanfälle können das Leben zur Hölle machen. Nun geben zwei neue Wirkstoffe Grund zur Hoffnung. Allerdings sind sie teuer und nicht für alle geeignet. Doch es gibt auch andere Therapiemöglichkeiten.

von Malte Wilms

Junge Frau mit Migräne
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Ursula* hat bis zu 25 Migräne-Attacken im Monat. Ist der Anfall einmal da, hilft ihr nur noch der totale Rückzug: Sie lässt Rollläden vor die Fenster, macht das Licht aus, legt sich ins Bett und wartet, bis die Schmerzen vorübergehen. Ihr bisheriges Medikament hat starke Nebenwirkungen und darf daher nicht zu häufig angewendet werden. "Ich hab eine jahrzehntelange Migränekarriere hinter mir und habe eigentlich alles ausprobiert. Letztendlich hat nichts langfristig geholfen."

Hoffnung in Sicht

Migräne
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Seit zehn Jahren lässt sich Ursula in einem Schmerzzentrum von Dr. Michael Küster behandeln. Viele Migräne-Medikamente wurden eigentlich für andere Erkrankungen entwickelt, zum Beispiel Betablocker, Antidepressiva oder Antiepileptika. Doch in einen neuen Wirkstoff, der seit November 2018 in Deutschland unter dem Namen Erenumab (Aimovig®) auf dem Markt ist, setzt Dr. Küster große Hoffnung. Der Arzt hat mit Patienten schon an Studien für das Medikament teilgenommen: "Die Studien zeigen, dass die Therapie deutlich nebenwirkungsärmer ist, als alle bisherigen Therapien. Und bei gut der Hälfte der Patienten zeigt sich, dass unter der neuen Therapie eine fünfzig-, zum Teil bis hundertprozentige Besserung der Migräne erfolgt."

Erenumab (Aimovig®) ist nicht der einzige Wirkstoff, der in Deutschland neu auf dem Markt ist. Im April folgte mit Galcanezumab (Emgality®) ein zweites Migräne-Mittel mit einem ähnlichen Wirkprinzip. Beide Medikamente dienen der Migräne-Prophylaxe und werden injiziert. Die Patienten können sich dabei die Arznei mittels Pen einmal im Monat selber spritzen.

Erenumab (Aimovig®) – für jeden geeignet?

Die Spritze kann nur chronischen Migräne-Patienten verschrieben werden, die an mehr als vier Tagen pro Monat unter Migräne leiden. Die Krankenkassen übernehmen die hohen Kosten für den Einmal-Pen (688 Euro) in der Regel nur, wenn andere Therapiemöglichkeiten bereits ausgeschöpft wurden. Besondere Vorsicht gilt bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen! Hier sollten Betroffene unbedingt mit ihrem Arzt das Therapie-Risiko abklären.

Weniger Schmerztage

Das bringt der Tag
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Bei Ursula wirken die Spritzen. Auch wenn die Migräne bei ihr nicht völlig verschwindet, werden ihre Schmerztage deutlich weniger. Sie resümiert: "In den letzten zehn Tagen hatte ich nur vier Migräne-Attacken, das heißt, ich war sechs Tage beschwerdefrei. Das ist für mich schon ein wahnsinniges Ergebnis." Auch für Dr. Küster ist es ein Erfolg: "Es ist eine große Erleichterung und fast schon ein Wunder, wenn ich einem Patienten mit langen Leidensgeschichten endlich effektiv helfen kann."

Was passiert bei einem Migräneanfall – und wie wirkt das neue Mittel?

Migräne entsteht durch eine Überreizung des Hirnstamms. Diese Überreizung führt dazu, dass Nervenbotenstoffe freigesetzt werden, die an den Hirnhautarterien Entzündungen und Gefäßerweiterungen auslösen: Der typische pulsierende Kopfschmerz entsteht. Hauptverantwortlich dafür ist der Botenstoff CGRP. Dockt dieser gefäßerweiternde Stoff an seinen Rezeptor an, löst das einen Migräneanfall aus. Genau dieser Rezeptor wird durch das neue Medikament blockiert: Die Attacke wird verhindert.

Kein Allheilmittel

Doch nicht bei allen Patienten schlägt das Medikament so gut an. Bei circa der Hälfte zeigen sich keine oder nur geringe Verbesserungen. Sie müssen auf andere Alternativen zurückgreifen. Im Kopfschmerzzentrum Jena werden Migräne-Patienten mit multimodaler und interdisziplinärer Schmerztherapie behandelt. Das heißt: Ärzte, Physiotherapeuten, Ernährungsberater und Psychologen arbeiten fachübergreifend zusammen, um den Betroffenen zu helfen, ihre Migräne in den Griff zu bekommen. Patienten lernen in einer tagesambulanten Schmerzwoche, wie sie – neben der richtigen Medikamenteneinstellung – durch Umstellung ihres Alltags die schmerzfreien Phasen zwischen zwei Attacken verlängern und damit die Schmerztage reduzieren können.

Eine Teilnehmerin an der Schmerzwoche ist Aniela Lazari. Sie hat jeden Monat 15 bis 20 Migräne-Attacken. Seit mehr als 20 Jahren muss die 37-Jährige mit der Krankheit leben.

Schmerzkreislauf durchbrechen

Aniela Lazari hat einen Termin bei der Psychologin Katja Müller. Sie erklärt der dreifachen Mutter, wie sie es schafft, den Kopfschmerz-Kreislauf zu durchbrechen. Der Kreislauf sieht so aus: Auf den Schmerz folgen negative Gedanken, die wiederum zu negativen Gefühlen führen. Und die haben Auswirkungen auf den Körper, der Schmerz wird schlimmer und der Kreislauf beginnt von vorn. Katja Müller erklärt der Patientin, wie sie aus dem Kreislauf aussteigen kann: Kommen Gedanken auf wie "Schon wieder Schmerzen, der Tag ist gelaufen", soll die Patientin gegensteuern und z.B. sofort mit Entspannungsübungen beginnen. Solche Techniken erlernen die Patienten in Jena. Bei manchen funktionieren Atemübungen besser, Aniela Lazari hilft zum Beispiel vor allem die progressive Muskelentspannung: Hierbei werden im Wechsel Muskelpartien bewusst angespannt und wieder entspannt. Katja Müller weiß: "Die Entspannungsverfahren liegen ähnlich wie die medikamentöse Behandlung bei Reduktion der Schmerztage von bis zu 50 Prozent, wenn man die Entspannungsverfahren täglich anwendet über einen Zeitraum von mehreren Wochen."

Migräne – nach wie vor nicht heilbar

Aniela Lazari bekommt zusätzlich als Medikament gegen die Migräne Botox gespritzt, das hat sich bei ihr bewährt. Seit der Schmerzwoche in Jena konnte sie ihre Schmerztage mehr als halbieren, in guten Monaten sind es noch sechs bis sieben.

Ein Heilmittel gegen die Migräne gibt es aber leider noch nicht. Weder die neuen Antikörper-Spritzen noch andere Medikamente beseitigen die Krankheit vollständig. Aber Betroffene haben die Möglichkeit, durch verschiedene Therapieansätze, ihre Schmerztage erheblich zu reduzieren – und damit Lebensqualität zurück zu gewinnen.

*Name d. Redaktion bekannt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 02. Mai 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2019, 16:29 Uhr