Erstaunliches Studienergebnis Oberarmbruch: Heilen ohne Operation

Mit zunehmendem Alter wächst das Risiko zu stürzen. Beim Versuch, sich abzufangen, werden oft Muskeln und Sehnen verletzt und nicht selten brechen auch Knochen. Eine internationale Studie unter Leitung der Finnischen Akademie in Helsinki hat jetzt untersucht, wie Oberarmbrüche bei Älteren erfolgreich behandelt werden können. Mit überraschendem Ergebnis.

Eine Physiotherapeutin bewegt den Oberarm eines Patienten.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es begann wie so oft im Alltag einer chirurgischen Klinik. Die Patientin, weit über 60 Jahre alt, war bei Glatteis gestürzt. Ihr Oberarm gebrochen, die Bruchstellen gegeneinander verschoben. Ein kompliziertes Problem. Eine einfache und effiziente Lösung wäre prima, da sind sich Ärzte und Patientin einig. Und genau solch eine Lösung ist gerade zur Hand. Ein nagelneues Implantat, das in anderen Kliniken bereits erfolgreich eingesetzt wurde und selbst dann funktioniert, wenn der Knochen bereits Osteoporose hat, also fortschreitend instabil ist. Staunend und voller Hoffnung betrachtet die Patientin das längliche, edel glänzende Stück Stahl, das in Kürze ihren Oberarm zusammen halten soll. Was nun kommt, ist schnell erzählt. OP-Termin, Narkose, mehrere Wochen Reha. Die Krankenkasse zahlt unterm Strich eine fünfstellige Summe, aber alle sind zufrieden. Der Bruch ist geheilt, der Arm weitgehend wieder einsetzbar. Dennoch bleibt am Ende eine Frage offen.

Immer mehr Operationen

"Die Einführung von Verriegelungsplatten, die zur Behandlung von osteoporotischen Knochen geeignet sind, hat zu einem signifikanten Anstieg der chirurgischen Behandlungen geführt", schreiben Wissenschaftler in der Zusammenfassung einer Studie, die im Sommer letzten Jahres veröffentlicht wurde. Anders gesagt: Es wird verstärkt operiert, weil es neue Implantate gibt. Ob das sinnvoll und nützlich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Studie mit erstaunlichem Resultat

Eine Physiotherapeutin bewegt den Oberarm eines Patienten.
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Hier setzt die Arbeit der Forscher an. Fünf Jahre lang suchten sie an Kliniken in Finnland, Estland, Schweden und Dänemark nach Patienten mit vergleichbaren Oberarmfrakturen. Bei allen war der Knochen in zwei Teile gebrochen, die Teile waren mehr als 45 Grad gegeneinander verschoben. Alle waren älter als 60 Jahre. Eine Hälfte der Betreffenden wurde operiert, die andere Hälfte aber bekam eine sogenannte konservative Behandlung, also ohne OP, dafür mit Physiotherapie. Zwei Jahre lang wurden die Patienten begleitet und befragt. Dann stand das Ergebnis fest: Es gibt keinen erkennbaren Unterschied! Beide Gruppen waren nach den Behandlungen gleichermaßen schmerzfrei und konnten den Arm genauso gut wieder bewegen und im Alltag einsetzen. Da lag die Frage nahe: Wozu operieren, wenn auf andere Weise genauso gute Resultate erzielt werden? "Die Praxis, ältere Erwachsene mit solchen Oberarmbrüchen in der Regel zu operieren, ist möglicherweise nicht vorteilhaft", formulieren die Wissenschaftler eher vorsichtig am Ende ihrer Arbeit.

Warum keine OP?

Oberarm-Knochen
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Die hohen Kosten operativer Eingriffe wurden auch hierzulande bereits häufiger diskutiert. Dabei tauchte dann die Frage auf: Lohnt sich ein Eingriff bei einem alten Menschen überhaupt noch? Dr. Margit Rudolf, Oberärztin am Uniklinikum in Magdeburg, weist solche Überlegungen weit von sich. Es gehe hier nicht darum, Ältere zu diskriminieren, sondern verantwortungsvoll zu behandeln: "Jede OP ist im Prinzip ein lebensgefährliches Risiko. Ältere sind da grundsätzlich gefährdeter als Jüngere. Ältere haben oft Vorerkrankungen oder nehmen Medikamente. Das verkompliziert die Sache", erläutert die Fachärztin für Orthopädie. Es sei richtig, dass ein Arm mit einem Implantat relativ schnell wieder belastbar ist. Die andere Frage aber sei: Was will oder was muss ich mit meinem Arm leisten? "Eine 80-jährige Dame zum Beispiel, die sagt: 'Ich möchte zu Hause noch einigermaßen klarkommen, mein Essen kochen und meine Fenster putzen können', das ist ja ein anderer Leistungsanspruch als bei einem 30-jährigen Bauarbeiter oder jemandem, der regelmäßig Kraftsport betreibt." Bei Älteren sei es oft so, dass vor dem Knochenbruch nicht nur die Knochen, sondern auch die Muskeln instabil sind, weil sie nicht mehr gut durchblutet werden. "Dann macht es wenig Sinn, das zu nähen, denn die Naht kann leicht wieder ausreißen. Dann würde ich mit einem operativen Eingriff keine besseren Ergebnisse erzielen, als wenn ich das mit Physiotherapie versuche." Man könne das aber nicht pauschal sagen. Es hänge immer davon ab, wie kompliziert ein Bruch sei. "Wenn die Chancen fünfzig zu fünfzig stehen, ein ähnliches Ergebnis durch konservative Behandlung zu erzielen, wie durch eine OP, dann wird man sich wohl gegen die Operation entscheiden, vor allem, wenn sie ein Risiko für das Leben des Patienten bedeuten würde."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 23. Januar 2020 | 21:00 Uhr