Organspende Wann ist ein Hirntoter wirklich tot?

Das Thema Organspende ist hoch umstritten: Manche haben Angst, dass man sie im Zweifelsfall wegen der Organe einfach aufgibt. Organspender kann in Deutschland nur werden, wer einen irreversiblen Hirnfunktionsausfall erlitten hat – umgangssprachlich auch als Hirntod bezeichnet. Das entspricht gerade einmal einem halben Prozent aller Verstorbenen pro Jahr. In manchen Ländern ist es üblich, die Spender vor der Organentnahme in Vollnarkose zu versetzen.

Arzt trägt Behälter mit gespendetem Organ
Damit Organe entnommen werden dürfen, müssen mehrere Fachleute den irreversibelen Hirnfunktionsausfall beim Verstorbenen feststellen. Bildrechte: IMAGO images/localpic

Normalerweise bekommen Patienten im Krankenhaus eine Vollnarkose, damit sie nichts von einer Operation mitbekommen. Bei Organspendern sei das anders, sagt Neurologe Markus Holling vom Universitätsklinikum in Münster. Menschen mit einem korrekt diagnostizierten irreversiblen Hirnfunktionsausfall spürten definitiv nichts mehr.

Vielmehr sei es so, dass "gerade, wenn Organtransplantationen durchgeführt werden, dann kommt es da zu lokalen Schmerzreizen. Also wenn ich jetzt den Bauch öffne, dann machen die Nerven dort noch größtenteils ihre Arbeit und das kann zu sogenannten vegetativen Reflexen kommen. Also sprich, dass sich Muskeln verengen, dass es Kreislauf-Schwierigkeiten gibt".

Um diese peripheren Erscheinungen auszuschalten, die bei einer Organentnahme auftreten könnten, betäube man die irreversibel Hirntoten, weil das sonst chirurgisch schwieriger sei, erklärt Holling.

Organfunktionen können bis zu zwei Wochen aufrecht erhalten werden

Bei den Organentnahmen hilft die Vollnarkose also eher den Chirurgen. Denn ohne Gehirn keine Reflexkontrolle. Das würde die Reflexe nämlich eigentlich unterdrücken, sagt Holling. Fälschlicherweise würden solche unkontrollierten Zuckungen dann von Laien für Lebenszeichen gehalten.

Und tatsächlich ist der Hirntod dem Neurologen zufolge für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar. Denn die Organfunktionen können noch etwa bis zu zwei Wochen künstlich aufrechterhalten werden: Der Brustkorb hebt und senkt sich, das Herz schlägt, die Betroffenen sind warm und einige können sogar schwitzen, ausscheiden und verdauen. Trotzdem bedeutet der Hirntod das unweigerliche Lebensende, denn er ist schlichtweg unumkehrbar: Fallen die Gehirnfunktionen aus, fallen auch alle anderen Organe aus.

Hirntod-Diagnose von zwei Fachleuten

Die Hirntod-Diagnose müsse von zwei Fachleuten unter strengsten Regelungen in einem mehrstufigen Verfahren gestellt werden, sagt der Neurologe Albrecht Günther vom Universitätsklinikum Jena. Er müsse das etwa 15 bis 30 Mal pro Jahr machen. Dabei werde unter anderem mit Bildgebungsverfahren überprüft, ob tatsächlich Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm nicht mehr funktionieren.

"Das heißt, wir sehen in der Computertomographie oder Kernspintomographie, dass das Hirn praktisch kaputt gegangen ist, durch eine Hirnblutung oder durch einen Sauerstoffmangel nach einer Wiederbelebung oder nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand", erklärt Günther. Dass dabei im Prinzip alle gesunden Hirnstrukturen abhanden gekommen seien, könne man auch in den bildgebenden Verfahren sehen.

Tod des Menschen nicht zwangsläufig Tod des menschlichen Körpers

Und tatsächlich hat noch nie jemand nach einer korrekten Hirntod-Diagnose nach deutschen Maßstäben das Bewusstsein zurückerlangt. Der Hirntod gilt als Lebensende, obwohl der genaue Zeitpunkt des Todes im Gesetz gar nicht definiert ist. Und es gibt unter Medizinern seit jeher Diskussionen um die Frage, wie tot ein Mensch mit irreversiblem Hirnfunktionsausfall ist.

Einige Fachleute betrachteten sie nämlich als Sterbende, erläutert der Jenaer Medizinethik-Professor Nikolaus Knoepffler: "Meine Überzeugung wäre natürlich, wenn diese notwendige Bedingung für Bewusstsein und damit das, was uns als Menschen eben ausmacht, aufgehört hat zu existieren, dann bin ich tot."

Wenn man von diesem Ich sozusagen kein Bewusstsein mehr habe, dann sei man tot. "Auch, wenn ich natürlich zugeben würde, dass dann der menschliche Körper immer noch leben kann. Aber es wäre eben sozusagen der Tod des Menschen, nicht der Tod des menschlichen Körpers", sagt Knoepffler.

Auch der Deutsche Ethikrat ist sich da nicht ganz einig. In einer Erklärung hat sich der Großteil der Mitglieder dafür ausgesprochen, dass hirntote Menschen als tot gelten. Für sieben Mitglieder sind sie Sterbende. Für die Neurologen, die in ihren Kliniken die Diagnose stellen, ist dagegen aus fachlicher Sicht völlig klar: Wenn die Hirnfunktionen unwiederbringlich ausgefallen sind, ist der Mensch gestorben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. September 2020 | 05:00 Uhr