EKG zeigt ausbleibenden Herzschlag
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Herzversagen Plötzlicher Herztod: Nur selten ohne Vorwarnung

Alle fünf Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an plötzlichem Herztod. Zwar kündigt sich ein Herzstillstand, doch nicht immer werden die Vorzeichen beachtet. Wir erklären, was dem Herz zu schaffen macht.

von Matthias Toying

EKG zeigt ausbleibenden Herzschlag
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Udo Braeutigam (67) lebt auf einem Bauernhof in der kleinen Gemeinde Bachfeld (Thüringen). Wenn die Straßen menschenleer und die Berge ringsum noch im Dunst verborgen sind, genießt er morgendliche Spaziergänge. Deshalb hat er beschlossen, in seinem Heimatort Zeitungen auszutragen, womit er ganz nebenbei seine Rente ein wenig aufbessern kann. An diesem Morgen aber geht er nicht zu Fuß, er nimmt das Auto. Er spürt schon, dass er zu wenig Luft bekommt. Wenn er sich sehr anstrengt, ist es besonders schlimm. Seit einem halben Jahr geht das schon so: "Man wird halt älter. Ich hab gehofft, dass es wieder weggeht", erzählt er später. Tatsächlich war die akute Luftnot immer wieder vorübergegangen, auch nach dem Herzinfarkt, den er vor einigen Jahren hatte. An diesem Morgen bricht er seine Tour nach dem fünften Haus ab, bringt noch die Zeitungen zur Basisstation und fährt nach Hause. In seinem Hof lässt er sich auf einen Stuhl sinken und verliert das Bewusstsein.

Kampf ums Überleben

Als seine Frau ihn findet, hat sein Herz bereits aufgehört zu schlagen. Er hat Glück. Der Rettungsdienst ist trotz der ländlichen Abgeschiedenheit schnell zur Stelle. Verzweifelt kämpfen die Sanitäter darum, ihn wiederzubeleben und bringen ihn ins nächste Krankenhaus nach Suhl. Lichter wandern über ihn hinweg. Das ist das Erste, was Udo Braeutigam undeutlich sieht, als man ihn auf der Trage durch die Gänge der Klinik fährt. Er lebt.

Ein implantierbarer Kardioverter-Defibrillator (ICD) ist ein Defibrillator-System, das wie ein Herzschrittmacher implantiert wird. Es kann durch einen starken Stromstoß, beispielsweise bei Kammerflimmern das Herz durch Kardioversion in den Ausgangsrhythmus überführen.
Ein implantierbarer Kardioverter-Defibrillator (ICD) regt den Herzschlag an, wenn ein Versagen droht. Bildrechte: IMAGO

Im OP wird ihm wenige Tage später ein Defibrillator (ICD) unter die Haut gesetzt. Dieser metallene Impulsgenerator ist ziemlich klein, 39 Kubikzentimeter, vergleichbar mit einer Streichholzschachtel, nur flacher. Die Elektroden des Defibrillators sind direkt mit dem Herzmuskel verbunden. Für den Fall, dass die Pumpe wieder den Dienst versagt, wird das Gerät einen elektrischen Impuls aussenden, der den normalen Herzrhythmus wiederherstellt. Nach zwölf Tagen darf der Patient zurück zu seiner Familie. Diesmal hat er etwas gelernt: "Ich bin nicht zum Arzt gegangen, obwohl ich lange diese Luftbeschwerden hatte. Das war mein Fehler."

Vorboten einer Katastrophe

Der Experte im Studio. 3 min
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Die Aufklärung über den Plötzlichen Herztod steht im Mittelpunkt der diesjährigen Herzwochen der Deutschen Herzstiftung vom 1. bis 30 November 2019. Der Begriff "Plötzlicher Herztod" suggeriert, er käme der Herzstillstand wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Doch so überraschend ist er meist nicht. Betroffene häufig ein Gefühl der Enge hinter dem Brustbein, ein Brennen, Druck oder Beklemmung. Schließlich läuft beim plötzlichen Herztod in vier von fünf Fällen ein Herzinfarkt ab. Das Gefühl kann auch in den linken oder rechten Arm, in den Rücken, Hals oder Oberbauch ausstrahlen. Bei körperlichen Belastungen kann man nicht durchatmen: "Mitunter passiert das bereits beim Gehen oder beim Treppensteigen", warnt Prof. Johannes Waltenberger, Chefarzt am Zentralklinikum Suhl: "Diese typischen Symptome nennen wir Angina pectoris". Es seien Alarmzeichen, die einen vor allem dann aufmerksam machen sollten, wenn sie immer wieder auftreten, besonders in körperlichen oder emotionalen Belastungssituationen: "Dann ist es unbedingt ratsam, nicht lange zu warten. Dann sollte ein Arzt die Beschwerden abklären", rät der Kardiologe: "Wir wissen, dass etwa zwei Drittel aller Durchblutungsstörungen am Herzen typische Symptome auslösen (15 Prozent verlaufen mit weniger typischen und 15 Prozent ohne Symptome). Wenn die Symptome rechtzeitig erkannt werden, können ein drohender Herzinfarkt oder ein plötzlicher Herztod verhindert werden."

Ratgeber

Check-Liste: Symptome für Herzkrankheiten Warnsignale: Wenn das Herz schwach ist

Alle fünf Minuten bricht in Deutschland ein Mensch zusammen, weil sein Herz aussetzt. Warnsignale gibt es oft schon lange vorher. Wenn Sie eines davon wiedererkennen, sollten Sie einen Kardiologen aufsuchen.

Eine Frau hält sich zitternd eine Hand vor die Brust.
1. Schmerzen in der Brust Schmerzen in der Brust gehen als Warnsignal häufig mit Atemnot einher. Die Schmerzen sind überwiegend im Brustkorb, können aber auch in den Rücken oder den Kiefer ausstrahlen. Wenn die Schmerzen selbst in Ruhe nicht nachlassen, alarmieren Sie den Notarzt. Bildrechte: IMAGO
Eine Frau hält sich zitternd eine Hand vor die Brust.
1. Schmerzen in der Brust Schmerzen in der Brust gehen als Warnsignal häufig mit Atemnot einher. Die Schmerzen sind überwiegend im Brustkorb, können aber auch in den Rücken oder den Kiefer ausstrahlen. Wenn die Schmerzen selbst in Ruhe nicht nachlassen, alarmieren Sie den Notarzt. Bildrechte: IMAGO
Ein Mann greift sich an sein Herz
2. Herzrasen Wenn das Herz plötzlich sehr schnell schlägt, ist das oft als Herzrasen der Herzklopfen zu spüren. Der Puls liegt dabei meist zwischen 180 und 200 Schlägen pro Minute. Geht das mit einer eingeschränkten Belastbarkeit einher, kann das auf Herzerkrankungen hinweisen. Bildrechte: IMAGO
Symbolgrafik: Herzfrequenz
3. Hartnäckiges Herzstolpern Herzstolpern kommt durch zusätzliche Herzschläge zustande, die das Herz kurz aus dem Takt bringen können. Das ist meist harmlos. Tritt das jedoch erstmals oder häufiger am Tag auf, sollte man zum Arzt. Bildrechte: imago images / Panthermedia
Frau hat Schwindelgefühl in verschwommener Einkaufsstraße und hält sich die Stirn
4. Schwindelgefühl Schwindelgefühl entsteht meist durch einen starken Abfall des Blutdrucks. Reguliert sich das nicht innerhalb kurzer Zeit oder tritt gehäuft auf, sollte das ein Arzt abklären. Bildrechte: imago images / Panthermedia
Ein Mann liegt bewusstlos auf dem Boden im Wohnzimmer.
5. Bewusstlosigkeit Bewusstlosigkeit ist meist ein einmaliges Ereignis, ausgelöst durch eine bestimmte Situation (zum Beispiel Stress). Häufen sich diese Ereignisse aber, kann das an Herzproblemen liegen. Bildrechte: imago images / Panthermedia
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Sport ist Mord, oder was?

Bei außergewöhnlichen Belastungen sollte man seinen Körper also aufmerksam beobachten und Warnzeichen nicht ignorieren. Solche Belastungen können für manche schon die Gartenarbeit oder der Hausputz sein. Mit Sicherheit zählt Sport dazu, insbesondere Leistungssport.

der Fußballer Marc-Vivien Foe (Kamerun) am Ball
der kamerunische Fußballspieler Marc-Vivien Foe (1975–2003) Bildrechte: IMAGO

Wer Sportnachrichten verfolgt, wird vielleicht die Bilder vom Confederations Cup 2003 in Erinnerung haben: Damals trugen Sanitäter Kameruns Fußball-Nationalspieler Marc-Vivien Foé vom Feld. Er war während des Halbfinales gegen Kolumbien mit Herzversagen auf dem Fußballfeld zusammengebrochen und wenig später verstorben. So wie er machen Dutzende andere Profi- und Amateursportler Schlagzeilen, nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil beim Training oder im Wettkampf plötzlich ihr Herz versagt.

"Auch bei Marathonveranstaltungen erleben wir das leider immer wieder", erzählt Prof. Waltenberger: "Bei mehreren Tausend Läufern ist nicht selten einer dabei, der den plötzlichen Herztod erleidet." Wie kann das sein, schließlich gilt sportliche Betätigung doch als gesund? "Da kommen mehrere wahrscheinliche Ursachen zusammen: Die ungewöhnlich starke körperliche Anstrengung, möglicherweise auch mentaler Stress und vielleicht eine genetische Veranlagung. Alles zusammen bringt dann das Fass zum Überlaufen", erklärt der Kardiologe. Oft stelle sich nämlich heraus, dass solche Sportler einen angeborenen Herzfehler hatten, der unentdeckt geblieben war. Durch massive körperliche Anstrengungen können solche Defekte dann in Erscheinung treten. Das solle natürlich niemanden davon abhalten, Sport zu treiben. Auch Leistungssport sei in Ordnung: "Aber wer starke sportliche Aktivitäten plant, sollte sich einer vorbeugenden Untersuchung des Herzens unterziehen."

Vorsicht Erkältung

Von Halsschmerzen, Schnupfen, Husten bleiben im Herbst nur wenige verschont. Ein grippaler Infekt scheint eine harmlose Erscheinung zu sein, der man keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken braucht. Doch Mediziner warnen: "Ein grippaler Infekt ist eine Entzündung, die sich im ganzen Körper breitmacht", erläutert Prof. Waltenberger. "Wir wissen heute, dass auch das Herz davon betroffen ist, zumindest in geringem Umfang. Erfreulicherweise heilt diese Entzündung wieder ab, sodass auch später am Herzen nichts festzustellen ist. Deshalb führt auch nicht jeder grippale Infekt zu einem Herzschaden. Die ganze Situation verschlechtert sich allerdings, wenn man den Infekt nicht auskuriert, sondern zum Beispiel an einem Sportwettkampf teilnimmt oder sich anderen körperlichen Belastungen aussetzt. So etwas kann tatsächlich ausgedehnte Schäden hinterlassen und zu einer schweren Herzmuskelentzündung und in manchen Fällen zu einer deutlichen Herzschwäche führen."

Das gebrochene Herz

Ein rotes, zebrochenes Herz auf schwarzem Hintergrund.
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Auch emotionale Belastungen können Auslöser für Herzerkrankungen sein. Das sind in der Regel negative Erlebnisse. Aber in Extremfällen könne sich auch eine überaus positive Nachricht negativ auf das Herz auswirken, beispielsweise ein Lottogewinn, weiß der Herzspezialist: "Wahrscheinlich wird es durch eine kurzfristige Über-Stimulation mit Stresshormonen in seiner Funktion beeinträchtigt. Das führt zwar in den wenigsten Fällen zum plötzlichen Herztod, aber es führt nachweislich zu einem Rückgang der Herzleistung und kann einem Herzinfarkt ähnlich sein." Die gute Nachricht zum Schluss: Diese Art der Belastung heile in den meisten Fällen wieder aus, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 07. November 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019, 12:51 Uhr

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