Umschau-Quicktipp IGeL: Welche individuellen Gesundheitsleistungen sind sinnvoll?

Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL, sind ärztliche Untersuchungen, die nicht zum festgeschriebenen Katalog der gesetzlichen Krankenkassen gehören. Weil Patienten diese Untersuchungen aus eigener Tasche bezahlen müssen, werden sie umgangssprachlich auch "Selbstzahler-Leistungen" genannt. In einigen Fällen übernehmen die Krankenkassen trotzdem einen Teil der Kosten oder sogar den gesamten Betrag.

Aber was sind individuelle Gesundheitsleistungen überhaupt? Beim IGeL-Monitor, einer Informationsseite des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V., werden sie definiert als Leistungen, "die nicht zeigen konnten, dass sie 'ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sind und das Maß des Notwendigen nicht überschreiten', wie es das Gesetz fordert."

Eine Milliarde für Selbstzahler-Leistungen

Akupunkturnadeln und Münzen.
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Laut IGeL-Monitor gibt es mehrere hundert IGe-Leistungen im deutschen Gesundheitswesen. Die Angebote variieren stark. Christiane Grote ist die Leiterin der Gruppe "Gesundheits- und Pflegemarkt" bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Sie hat das Projekt "IGeL-Ärger" betreut, das von 2014 bis 2016 Beschwerden von Patienten sammelte. Nach ihrer Erkenntnis würden gesetzlich Versicherte pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro für Individuelle Gesundheitsleistungen ausgeben. "Hierzu gehören sinnvolle Leistungen, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) übernommen werden dürfen, wie zum Beispiel Reiseimpfungen. Die große Mehrzahl der Leistungen sind aber solche, deren Wirksamkeit und Nutzen wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist", so Grote.

Im IGeL-Report von 2018, einer Patientenbefragung durch den IGeL-Monitor, werden die am häufigsten nachgefragten IGeL-Leistungen aufgeführt. Dort heißt es: "Unter den Arztleistungen werden am häufigsten IGeL zur Glaukom- und zur Krebsfrüherkennung angeboten bzw. nachgefragt. Die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung, sowie der Ultraschall der Eierstöcke und der Brust zur Krebsfrüherkennung machen über die Hälfte aller genannten Leistungen aus." Sowohl von der Augeninnendruckmessung als auch vom Ultraschall der Eierstöcke raten die jeweiligen ärztlichen Fachverbände allerdings ausdrücklich ab.

Welche Rolle spielt der Arzt?

Patientin bei Augenuntersuchung durch den Augenarzt.
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Klar ist: Ärzte verdienen mit individuellen Leistungen zusätzliches Geld. Dieses Geld muss ein Patient überhaupt erst einmal aufbringen können. Auf der Seite www.igel-aerger.de sind von 2014 bis 2016 zirka 2.000 Beschwerden eingegangen. Die meisten betrafen laut Christiane Grote von der Verbraucherzentrale NRW die "verdachtsunabhängige" Glaukom-Früherkennung, da sie bei vielen Patienten durchgeführt wurde, obwohl sie wegen etwas ganz anderem zum Augenarzt gekommen seien. "Nach unseren Auswertungen fühlen sich Patientinnen und Patienten am häufigsten durch den Arzt/die Ärztin (62,6 Prozent) oder durch die medizinische Fachangestellte (45 Prozent) zu einer Leistung gedrängt", erzählt Grote. Patienten ärgerten sich darüber, dass ihnen Leistungen ungefragt sehr offensiv und teilweise direkt am Empfang angeboten würden. "Sicher ist, dass IGeL-Leistungen niemals dringend sind, sondern dass Patientinnen und Patienten Zeit haben zu prüfen, ob die angebotene Leistung für sie sinnvoll ist und ob sie das Geld dafür aufwenden wollen", fasst Grote zusammen.

Welche Leistungen sind sinnvoll?

Die Mehrzahl der nachgefragten Leistungen dient laut IGeL-Report 2018 der Früherkennung von Krankheiten. Früherkennungsmaßnahmen würden laut Bericht niemals negative Konsequenzen nach sich ziehen: Entweder man stelle fest, dass alles gut sei und sei erleichtert, oder man sei dankbar, eine Krankheit früh entdeckt zu haben.

Die Onkologin Jutta Hübner vom Universitätsklinikum in Jena widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gerade im Bereich der Krebsfrüherkennung würde der Schaden, der individuell durch die IGeL-Untersuchung entstehen könne, den Nutzen deutlich überwiegen. "Jede Nachricht an den Patienten 'da könnte etwas sein' schlägt ein wie eine Bombe. Dieser Anteil ist viel höher als der der bestätigten Diagnosen", so die Professorin. So könnten einerseits schmerzhafte Folgeuntersuchungen anstehen und andererseits eine psychische Traumatisierung die Konsequenz sein.

Selbst wenn eine Krebserkrankung durch eine IGeL-Leistung frühzeitig erkannt würde, ist Jutta Hübner skeptisch, inwiefern die Früherkennung nutzt. Die Frage sei, ob der entdeckte Krebs überhaupt für den Patienten relevant, also lebensbedrohlich werden würde oder ob der Patient statistisch nicht vorher durch andere Umstände, wie etwa einen Herzinfarkt, verstirbt. "Dann hätte man die Chemotherapie, die psychische Belastung und die lebenslangen körperlichen Folgen umsonst mitgemacht", erklärt Hübner. Außerdem vermutet sie noch einen anderen, womöglich sogar gefährlichen Effekt: Wer bei einer IGeL-Krebsfrüherkennungs-Untersuchung bestätigt bekomme, dass alles gut sei, der gehe möglicherweise erleichtert nach Hause und führe seinen ungesunden Lebensstil beruhigt weiter.

Jutta Hübner rät ihren Patienten deshalb nicht zu Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen, die unter die IGeL-Leistungen fallen, sondern stattdessen zu gesunder Ernährung, Bewegung und einem Leben ohne Zigaretten. In Bereichen außerhalb der Onkologie könnten einzelne Leistungen sinnvoll sein, etwa bei bestimmten familiären Vorbelastungen. Das sei individuell dementsprechend aber sehr unterschiedlich.

Ebenfalls kritisch zu sehen sind einige individuelle Gesundheitsleistungen im Bereich der Alternativmedizin. "Gerade die Alternativmedizin eignet sich dazu, beinahe jede beliebige Handlung als Heilverfahren zu bezeichnen", heißt es beim IGeL-Monitor. Hier gilt es, sich gut zu informieren und zu überlegen, was einem eine bestimmte Behandlung gegebenenfalls wert ist.

Wie treffe ich die richtige Entscheidung?

Lachende Ärztin mit Stethoskop.
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Christiane Grote von der Verbraucherzentrale NRW rät vor allem dazu, sich Zeit zu nehmen. Von einer Entscheidung direkt am Empfang ist abzuraten, stattdessen sollte der Patient ein Aufklärungsgespräch durch den Arzt fordern, nach Risiken und Nutzen der Leistung fragen. Hat man sich individuell für eine IGeL-Untersuchung entschieden, kann es sich gegebenenfalls lohnen, vorab die Krankenkasse anzusprechen und danach zu fragen, ob die Leistung vielleicht doch übernommen werden kann. Ansonsten gilt: Schon vor der Behandlung sollte man sich schriftlich über die Kosten informieren lassen und darauf achten, dass am Ende eine korrekte Rechnung gestellt wird.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP bei der Arbeit | 16. Juli 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2019, 00:10 Uhr