Umschau-Quicktipp Reizdarm – Was hilft?

Der Reizdarm ist die zahlenmäßig häufigste Darmerkrankung in Deutschland. Schätzungsweise 15 Prozent der Bevölkerung leiden daran, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Dabei ist der Reizdarm an sich keine einzelne Erkrankung, sondern ein Syndrom, also eine Ansammlung von Beschwerden. Was genau dahinter steckt und wie Behandlung und Vorbeugung aussehen können, haben wir mit dem Gastroenterologen Dr. Lars Fechner aus Halle geklärt.

So äußert sich ein Reizdarm

Eine Klopapierrolle, auf die ein ernstes Gesicht gemalt ist
Bildrechte: IMAGO

Betroffene leiden unter heftigen Unterleibsschmerzen, dazu kommen Durchfall, Verstopfung und Krämpfe. Das kann Tage oder Wochen dauern, verschwinden und dann auf einmal wiederkehren. Nicht jeder leidet gleich: Manche haben "nur" Durchfall, bei anderen treten alle Probleme zusammen auf. Hinzu kommen Folgeprobleme wie seelische Leiden und Erschöpfung. Die Intensität der Beschwerden ist unterschiedlich. Knapp die Hälfte der Betroffenen leidet so stark, das ein Arzt helfen muss. Die andere Hälfte hat nur geringe Einschränkungen und kann damit vergleichsweise normal leben.

Darum ist Reizdarm schwer zu erkennen

Beim Reizdarmsyndrom liegt keine sofort erkennbare organische Störung vor, sondern eine sogenannte funktionelle Störung: Der Darm funktioniert also nicht mehr richtig. Anstatt normal zu verdauen, wird die Nahrung oft nicht richtig verwertet, der Stuhl wird zu wässrig oder zu fest. "Die Forschung ist da gerade sehr aktiv. Bisher ging man immer von einer rein funktionellen Störung aus. Heute vermuten wir, dass es tatsächlich auch ganz klare organische Probleme gibt, wenn der Darm so rebelliert", sagt Dr. Fechner. Diese organischen Probleme, wie beispielsweise eine Entzündung, sind allerdings meist nicht offensichtlich und können deshalb auch oft nicht auf den ersten Blick festgestellt werden. Das erschwert sowohl Suche als auch Diagnose. Betroffene sind oft lange von Arzt zu Arzt unterwegs, ehe sie ein konkretes Untersuchungsergebnis und einen Behandlungsansatz haben. "Wir wissen aber, dass gerade Menschen, die sich in den Tropen mal eine Darmproblematik zugezogen haben, später tatsächlich oft mit Reizdarmproblemen zu tun haben. Das muss also nicht immer rein stressbedingt sein", so Dr. Lars Fechner.

Das sind die Ursachen

Da der Reizdarm eine Ansammlung von Beschwerden ist, liegen der Krankheit auch viele mögliche Probleme zugrunde.

Stress und psychische Belastung
Der Darm ist von Millionen Nervenzellen umgeben und wird oft als Bauchhirn bezeichnet. Die Nervenzellen in ständigem Austausch mit dem Gehirn. Bei entsprechender Belastung oder andauerndem Stress können Darmaktivität und Verdauung erheblich gestört werden. Immer mehr geht man aber dazu über, die Psyche nicht als einzigen oder alleinigen Grund für einen Reizdarm zu benennen.

Computergrafik: Darmbakterien auf Darmzotte
Bildrechte: IMAGO

Darmflora und Darmschleimhaut
Durch falsche Ernährung oder auch Nebenwirkungen von Medikamenten kann die Besiedelung des Darms von wichtigen Mikroorganismen erheblich gestört werden. Schlechte Bakterien und Mikroorganismen können dann nicht entsprechend bekämpft werden, mit Folgen wie Blähungen oder Durchfall. Wird die Darmschleimhaut verletzt oder zu stark gereizt, kann es zu entzündlichen Prozessen kommen. Diese können sich als Bauchschmerzen und Verstopfungen äußern.

Ernährung
Das Reizdarmsyndrom kann durch zu viele zuckerhaltige oder auch fettige Lebensmittel ausgelöst werden. Auch zu häufiges und übermäßiges Essen sowie Alkohol und Rauchen können die Funktion des Darms beeinträchtigen. Unter dem Begriff FODMAP fassen Ernährungsexperten auf den ersten Blick gesunde Lebensmittel zusammen, deren Kohlenhydrate und Zuckeralkohole nur schlecht vom Dünndarm aufgenommen werden können. Dazu zählen Hülsenfrüchte, verschiedene Obstsorten oder Honig und Milchprodukte. Eine FODMAP-arme Ernährung soll sich laut einer 2010 veröffentlichten klinischen Studie positiv auf die Reizdarmsymptomatik auswirken.

Dann sollten Sie zum Arzt

Computergrafik: Darm im Körper eines Menschen
Bildrechte: IMAGO

Eine kleine Magen-Darm-Verstimmung klingt oft von selbst wieder ab. Allzulange sollten Sie nach Meinung unseres Experten allerdings nicht warten: "Wenn Ihr Darm länger als drei Wochen nicht zur Ruhe kommt, oder wenn Sie wirklich heftigen Durchfall haben und sogar nachts zur Toilette müssen, dann sollten Sie einen Spezialisten aufsuchen." Der Gastroenterologe kann mit verschiedenen Tests herausfinden, welche Darmkrankheit Sie nicht haben. "Tatsächlich läuft das aktuell oft noch über das Ausschlussverfahren, denn noch haben wir keinen Test, der einen Reizdarm nachweist. Aber die Entwicklung verläuft gerade sehr rasant", so Dr. Fechner. 

Das kann man gegen den Reizdarm tun

Medikamente
Je nach Beschwerden kann der Arzt abführende oder auch Durchfall hemmende Mittel verschreiben. Auch Medikamente gegen Blähungen und Krämpfe sind denkbar. "Dabei sollten Sie aber nicht selbst unnötig Mittelchen zu sich nehmen. Besprechen Sie das lieber mit dem Spezialisten", rät Dr. Lars Fechner.

Probiotika
Mittel, die die Darmflora unterstützen und kräftigen, sind umstritten. Sie können bei bestimmten Formen des Reizdarms aber tatsächlich helfen, die Darmflora ins Gleichgewicht zu bringen.

Eine weiß gekleidete Frau hält mit beiden Händen einen roten Apfel vor ihren Bauch.
Bildrechte: IMAGO

Gesunde Ernährung und Lebensweise
Regelmäßige Mahlzeiten mit ballaststoffreicher Nahrung - viel Gemüse, Obst und Fisch - können ebenfalls helfen. Verzichten Sie im Idealfall auf Lebensmittel und Stoffe, die den Darm reizen. Dazu zählen vor allem Alkohol und Zigaretten. Reduzieren Sie Stress. Auch Bewegung an frischer Luft oder sogar Gymnastik am Arbeitsplatz können helfen. "Das klingt alles ein wenig Oma-like, aber tatsächlich helfen all diese Dinge Ihrem Darm, normal und störungsfrei zu arbeiten", meint Dr. Fechner.

Was Sie außerdem tun können

Im Akutfall hilft bei Krämpfen und Bauchschmerzen Wärme aus Heizkissen oder Wärmflasche. Krampflösende Tees aus Kümmel, Fenchel oder auch Baldrian können beruhigen. Die entsprechenden Öle helfen auch äußerlich eingerieben. Gegen Verstopfung hilft außerdem, viel zu trinken. Nicht zuletzt können auch entspannende Bewegungs- und Atemtechniken, wie Yoga oder Autogenes Training helfen, den Darm ins Gleichgewicht zu bringen. Ebenfalls nützlich: ein Darm-Tagebuch. Dort wird notiert, wann welche Beschwerden aufgetreten sind und was dagegen geholfen hat.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP bei der Arbeit | 07. Juni 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2019, 00:10 Uhr