Umschau-Quicktipp Was tun, wenn Kinder Übergewicht haben?

Gewichtige Zahlen

Babys werden in der Regel nicht mit Überwicht geboren. Betroffene Kinder nehmen meist erst während der Kindergartenzeit und in der Pubertät überdurchschnittlich zu. Fast 9 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 3 und 17 Jahren gelten als übergewichtig; mehr als sechs Prozent sind adipös, also stark übergewichtig.

Babyspeck oder Adipositas?

"Das ist nur der Babyspeck" oder "Das Kind ist einfach wohlgenährt" - Mit solchen Äußerungen verklären manche Eltern und Großeltern das Übergewicht ihrer Kinder oder Enkel, selbst wenn es schon nicht mehr zu übersehen ist. Wo ist die Grenze zwischen Babyspeck und krankhaftem Übergewicht? Adipositas liegt vor, wenn der Körperfettanteil gesundheitsgefährdend erhöht ist. Das lässt sich genau berechnen. Man misst Körpergröße und Gewicht eines Kindes und berechnet daraus den Body-Mass-Index: Körpergewicht (in kg) : Körperhöhe (in m)² = BMI in kg/m². Diesen BMI vergleicht man dann mit den sogenannten Perzentilen- oder Wachstumskurven. Sie stehen zum Beispiel im gelben Vorsorgeheft, das jedes Kind zur Geburt vom Kinderarzt bekommt. Der Kinderarzt kann genauere Auskunft geben. Die Wachstumskurven findet man auch auf der Webseite der DAG, der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Adipositas Gesellschaft.

Wie entsteht Übergewicht?

Junge isst Dosenfutter
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Für die Entstehung von Adipositas gibt es viele verschiedene Ursachen. Das Ernährungsverhalten spielt eine zentrale Rolle, d.h., welche Lebensmittel und Getränke ein Kind zu sich nimmt und wieviel davon. Eine übermäßige Zufuhr von Fett und Kalorien führt zu Übergewicht. Der zweite wichtige Faktor ist die Bewegung. Wie oft und wie intensiv sich ein Kind bewegt entscheidet darüber, wie viele Kalorien verbraucht werden. Wird die Energie, die das Kind durch Getränke und Lebensmittel zu sich nimmt, nicht verbrannt, speichert der Körper sie in Form von Fett. Unterschätzt wird oft der Einfluss von Stress und Schlafmangel. Wenn Kinder sich langweilen oder psychischem Druck ausgesetzt sind, kann Essen zum Frustabbau oder dem Gefühl "sich etwas Gutes zu tun" dienen. Auch der Umgang mit elektronischen Medien steht im Zusammenhang mit Übergewicht, denn Kinder, die viel vor dem Computer oder Fernsehen sitzen, bewegen sich weniger und neigen eher zu Übergewicht.

Ist Übergewicht erblich?

"Das liegt bei uns in der Familie", hört man zuweilen. Tatsächlich spielt die Veranlagung eine Rolle dabei, ob einige Kinder eher zunehmen als andere. Forscher schätzen den Einfluss der Gene auf 50 bis 90 Prozent. Etwa 80 Prozent der dicken Kinder haben mindestens ein übergewichtiges Elternteil, bei 30 Prozent sind es beide Elternteile. Doch man ist der Veranlagung nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Denn die Lebensweise, unsere Ernährung und unsere Bewegungsfreude entscheiden, wie stark sich die Veranlagung durchsetzt oder nicht. Der Zusammenhang mit den Eltern ist jedoch nicht nur ein genetischer. Kinder erlernen den Umgang mit Essen von ihren Eltern. Wie wichtig ist Essen, wird zu den Hauptmahlzeiten gegessen oder auch zwischendurch viel genascht, dient Essen der Belohnung. Diese Verhaltensweisen werden ab frühester Kindheit geprägt.

Medizinische Gründe sind eher selten

Auch Erkrankungen können starkes Übergewicht auslösen. Allerdings ist das bei weniger als einem Prozent der Kinder der Fall. Zum Beispiel durch angeborene, erblich bedingte Erkrankungen oder durch Funktionsstörungen der Hirnanhangdrüse, der Nebenniere oder der Schilddrüse. Auch wenn ein Kind an einer chronischen Erkrankung leidet und dadurch in seiner Bewegung eingeschränkt ist, kann dies Übergewicht begünstigen. Medikamente wie Kortison, Insulin, Neuroleptika können als Nebenwirkung zu einer Gewichtszunahme führen. Allerdings nehmen die Kinder meist nur ein paar Kilo zu, die nach der Einnahme der Medikamente meist wieder verschwinden.

Übergewicht macht krank

Adipositas hat Folgen. Schon Kinder können an Typ-2-Diabetes erkranken oder eine Fettleber oder Gallensteine entwickeln. Auch Bluthochdruck oder Störungen des Hormonhaushaltes sind eine mögliche Folge von Adipositas. Gelenke und der Rücken werden stärker belastet. Kinder können sogar unter Atemnot leiden. All das beeinträchtigt nicht nur den Körper sondern auch die Seele, so dass Depressionen entstehen können. Das Problem: In der Kindheit entwickeltes Übergewicht begleitet einen Menschen oft ein Leben lang. Deshalb sollten Eltern frühzeitig aktiv werden.

Was können Eltern zuhause tun?

Ein gutes Motto ist, den Spaß an Bewegung und Sport zu entdecken. Am besten gemeinsam, denn gute Vorbilder geben Schwung. Langfristig ist das Ziel: eine Stunde Bewegung am Tag, mindestens an drei Tagen in der Woche. Ein Lob zwischendurch gibt Extra-Schwung. Der Medienkonsum von Kindern sollte nicht unbegrenzt sein, sondern kontrolliert werden. Als Richtlinie gilt: Maximal zehn Minuten Medienzeit pro Lebensjahr am Tag oder eine Stunde pro Lebensjahr in der Woche. Ein Fernseher hat im Kinderzimmer nichts verloren. Mediennutzungszeiten sollten mit dem Kind vorab vereinbart werden. Abwechslungsreiches Essen anbieten, Mahlzeiten regelmäßig und gemeinsam einnehmen – das ist das Ideal, um das man sich bemühen sollte.

Eine Obstschale mit verschiedenen Früchten
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Mahlzeiten sollten bestenfalls selbst und mit natürlichen Zutaten zubereitet werden. Fertigessen ist meist kalorienhaltiger. Das gilt auch für das überwiegende Angebot in Fastfood-Restaurants. Es ist deshalb für eine gesunde, ausgewogene Ernährung nicht zu empfehlen. Nahrungsmittel oder Süßigkeiten sollten nicht als Belohnung eingesetzt werden. Das ist kontraproduktiv. Wenn Zwischenmahlzeiten stattfinden, dann am besten mit Gemüse oder Obst. Eigentlich sollte es aber ausreichen, zu den Hauptmahlzeiten zu essen.

Adipositas-Fachleute

Zunächst sollten Eltern beim Kinderarzt um Rat fragen. Er kann eine Diagnose stellen und hilfreiche Tipps geben. Wenn nötig, stellt er eine Überweisung zum Facharzt aus. Eine Anlaufstelle für Eltern und Kinder, die noch nicht adipös sind, bei denen aber ein erhöhtes Risiko besteht, sind auch Adipositas-Sprechstunden. Sie werden meist von Kliniken und der Stadt angeboten. Langjährige Erfahrung haben Adipositas-Ambulanzen oder -zentren. Spezialisten beleuchten in ausführlichen Gesprächen die Krankengeschichte und mögliche erste Folgen des Übergewichts. Anschließend kann die Ursachensuche beginnen und Therapien besprochen werden. Weiterführende Tests, wie zum Beispiel ein oraler Glukose-Toleranztest, helfen Stoffwechselstörungen frühzeitig zu erkennen.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP bei der Arbeit | 16. September 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2019, 00:10 Uhr