Ältere Frau vor einem Schaufenster.
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Wenn das Gehen zur Qual wird Schaufensterkrankheit – die unterschätzte Gefahr

Wenn jemand nach 30 bis 50 Metern stehen bleibt, um sich ein Schaufenster anzusehen, kann es sein, dass Schmerzen in den Beinen ihn dazu zwingen. Deshalb nennt man diese Gefäßkrankheit "Schaufensterkrankheit". Woher sie kommt und was man dagegen tun kann, erklärt Facharzt Dr. Andrej Schmidt.

Ältere Frau vor einem Schaufenster.
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Was hinter der Schaufensterkrankheit steckt

Für jeden einzelnen Schritt brauchen wir Sauerstoff. Nur so kann das Muskelgewebe die eigentliche Bewegung in Gang setzen. Wenn aber beim Gehen mehr Sauerstoff verbraucht wird, als zeitgleich in den Körper hineinströmt, dann entsteht ein Mangel, der massive Schmerzen auslöst. Die durchziehen krampfartig die Waden und treten immer nach einer bestimmten Wegstrecke auf. Oft verweilen die Betroffenen dann vor Geschäften, um ihre Beschwerden zu verbergen. Deshalb spricht der Volksmund von der Schaufensterkrankheit.

Ursache: Sauerstoffmangel

Künstlerische Computergrafik eines Gerinnsels
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Was harmlos klingt, ist in Wirklichkeit eine schwere Durchblutungsstörung, die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK). Dabei verengen Gefäßverkalkungen die Arterien im Extremfall bis zum völligen Verschluss. Das Blut, das Arme und Beine mit Sauerstoff versorgen soll, kommt nicht mehr (ausreichend) an.

Die Situation wird durch jahrelang zunehmende Ablagerungen in den Innenwänden der Beinschlagadern hervorgerufen. Mit der Zeit verkürzt sich die schmerzfreie Gehstrecke bis auf 100 Meter oder darunter. Das wird immer später bemerkt, weil die Menschen heutzutage nur noch kurze Wege gehen.

Eine zusätzliche Gefahr: Die Ablagerungen aus Cholesterin, Kalk und Blutgerinnungsbestandteilen erzeugen eine raue Oberfläche in den Blutgefäßinnenwänden. Es kann zur Bildung von Blutgerinnseln kommen, die die Arterien verstopfen können. Die Folge: massivster Schmerz, das Bein wird weiß und kalt. Eine sofortige Not-Operation muss erfolgen, sonst ist die Amputation nicht zu vermeiden.

Die Gefäßverkalkung tritt in der Regel genauso in anderen Blutgefäßen auf, auch in den Herzkranzgefäßen. Hier sprechen Ärzte von einer Koronaren Herzkrankheit (KHK). Schreitet die voran, drohen Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche oder Herzinfarkt. Deshalb ist eine Untersuchung anderer Gefäßgebiete dringend erforderlich.

Wie erkennt man, ob die Beinarterien verkalkt sind?

Pflegerin misst bei einer Frau den Blutdruck.
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Bei der Blutdruckkontrolle wird nicht nur am Arm, sondern zusätzlich auch an den Fußgelenken gemessen. Teilt man den am Bein ermittelten Wert durch den am Arm gemessenen Blutdruck, erhält man den sogenannten Knöchel-Arm-Index. Liegt dieser unter 0,9, leidet der Patient unter einer peripheren arteriellel Verschlusskrankheit.

Zur weiteren Diagnostik gehören Ultraschalluntersuchungen sowie die Röntgenaufnahme der Beinarterien mit Kontrastmittel.

Beispiel-Rechnung Die Messung am Oberarm ergibt 100 mmHg. Die am Unterschenkel 65 mmHg. Dann berechnet sich der Knöchel-Arm-Index 65:100=0,65. Der Wert entspricht einer Erkrankung in einem höherem Stadium.

Auf diese Anzeichen sollten Sie achten

Oft überprüfen Patienten den Knöchel-Arm-Index erst, wenn Sie bereits starke Beschwerden haben. Dabei können schon im Voraus Symptome auf die Erkrankung hindeuten. Dazu gehören:

  • Müde und kühle Beine
  • Die Haut heilt schlechter, selbst kleinste Verletzungen bestehen lange
  • Schmerzen beim Hochlegen der Beine, weil dadurch der Blutdruck in den Beinarterien weiter sinkt
  • Wadenkrämpfe beim Gehen, häufig einseitig

Wer ist gefährdet?

Es gibt bestimmte Risikogruppen, die häufiger unter der Erkrankung leiden. Dazu zählen Raucher und Diabetiker, genauso wie Personen, die an Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen leiden.

Wie lässt sich die Schaufensterkrankheit behandeln?

Realtiv neu ist folgendes Verfahren: Zur Aufdehnung der Engstelle wird ein Ballonkatheter verwendet, der mit Medikamenten beschichtet ist. Die verhindern die Narbenbildung, die sonst zum Verstopfen führen könnte. Ein Stent ist dabei nicht mehr nötig. Studien belegen, dass die Therapie dauerhaften Erfolg hat und kaum Nachbehandlungen nötig sind. Sie lässt sich nicht nur in den großen Oberschenkelarterien, sondern auch im Unterschenkel einsetzen.

Medikamente wie Thrombozytenfunktionshemmer, Gerinnungshemmer (Antikoagulantien) sollen eine Verschlechterung des Krankheitsbildes verhindern. Und durchblutungsfördernde Substanzen können eingesetzt werden, um die Gehleistung und damit die Lebensqualität zu verbessern.

Wenn die Erkrankung bereits fortgeschritten ist, können die Gefäße während einer Operation ausgeschält oder die Engpässe mit einem Bypass überbrückt werden.

Was Sie selbst tun können

Die Schaufensterkrankheit lässt ihre Füße und Beine besonders empfindlich werden. Deshalb sollten Sie sich besonders gut um sie kümmern.

Ratgeber

Check-Liste für empfindliche Füße Fußpflege bei Schaufensterkrankheit

Wer von schweren Durchblutungsstörungen betroffen ist, wie bei der "Schaufensterkrankheit", muss sich besonders intensiv um seine Füße kümmern. Wir haben ein paar Tipps, worauf zu achten ist.

Füße in einer Schüssel
1. Warmes Fußbad Um Ihren Füßen etwas Gutes zu tun, sollten Sie sie täglich mit lauwarmem Wasser waschen und vorsichtig abtrocknen. Bildrechte: colourbox.com
Füße in einer Schüssel
1. Warmes Fußbad Um Ihren Füßen etwas Gutes zu tun, sollten Sie sie täglich mit lauwarmem Wasser waschen und vorsichtig abtrocknen. Bildrechte: colourbox.com
Gläser mit Creme
2. Eincremen Eine Fettsalbe pflegt die empfindliche Haut und schützt sie vor Rissen. Bildrechte: imago images / Niehoff
Frau bei der Fußpflege
3. Fußpflege ist Pflicht Die Nägel am besten nur mit einer Feile kürzen und alles andere der medizinischen Fußpflege überlassen. Bildrechte: imago/Westend61
Die in dicken Wollsocken steckenden Füße einer im Bett liegenden Frau, schauen unter der Bettdecke hervor.
4. Nicht Barfuß laufen Barfuß laufen ist wegen der Verletzungsgefahr zu gefährlich, Strümpfe und bequeme Schuhe verhindern Druckstellen und Blasen. Bildrechte: IMAGO
Schuhe und Mantel von zwei älteren Frauen.
5. Sandalen sind tabu Um Stürzen vorzubeugen, sollten Sie immer – auch in der Wohnung – rutschfeste Halbschuhe aus weichem Material tragen. Schlappen oder Sandalen sind selbst im Sommer tabu. Bildrechte: Colourbox.de
Fuß mit Pflaster nach Operation
6. Auf Wunden achten Täglich die Füße und Beine auf Druckstellen und kleine Wunden inspizieren - auch an den Fußsohlen. Dabei hilft ein Handspiegel. Bildrechte: imago/Müller-Stauffenberg
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Hilfreich ist im frühen Stadium der Erkrankung außerdem ein konsequentes Gehtraining. Dadurch können sich Ersatzblutbahnen bilden, die die Blutversorgung der Muskeln übernehmen.

Ein Beispiel: Fünf Mal eine halbe Stunde am Stück gehen, dabei die Gehstrecke ausbauen, bis an den Schmerz heran. Danach für zwei bis drei Minuten pausieren und wieder bis knapp an die Schmerzgrenze herangehen. Nach einigen Wochen regelmäßigen Trainings wird das Pensum nach und nach gesteigert.

Wichtig Nur bis an die Schmerzgrenze und nicht darüber hinausgehen.

In vielen Orten gibt es Gefäßsportgruppen, wo Betroffene unter professioneller Anleitung üben, ihre Kraft, Motorik, Koordination, Beweglichkeit und Kondition zu verbessern. Informationen erhalten Sie über Ihren Arzt oder die Krankenkasse.

Unser Experte

Dr. Andrej Schmidt
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Dr. Andrej Schmidt

Dr. Andrej Schmidt

Dr. Andrej Schmidt ist Facharzt für Innere Medizin / Angiologie und Kardiologie. An der Uniklinik Leipzig leitet er das Katheterlabor.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 07. November 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019, 18:20 Uhr