Stimmdiagnostik Stimme weg! - Und nun?

Wen eine Erkältung plagt, dem geht mitunter auch die Stimme aus. Halten Heiserkeit oder gar Tonlosigkeit mehr als drei Wochen an, ist das ein Fall für den Arzt. Wir erklären, was dann untersucht und wie behandelt wird.

Eine Frau wird untersucht.
Vielen Patienten wird zunächst einmal Schonung verordnet, damit sich geschwollene, entzündete oder durch Knötchen veränderte Stimmlippen beruhigen können. Bildrechte: imago/Westend61

Damit wir auch nur einen hörbaren Laut zustande bringen, müssen ganz verschiedene Strukturen des Körpers zusammenspielen. Wie bei einer Orgel, die erst durch einen Luftstrom zum Klingen gebracht wird, müssen wir zunächst Atem sammeln, der dann im Kehlkopf die Stimmlippen in Schwingungen versetzt. Der entstehende Ton wird in Rachen, Mund und Nase verstärkt und moduliert. Zunge, Zähne, Lippen und Gaumen formen schließlich Silben und Wörter, bilden Sätze, über die wir uns mit anderen Menschen verständigen.

Der eigentliche Sitz der Stimme ist der so genannte Stimmapparat im Kehlkopf, hier sind die beiden Stimmlippen gespannt. Beim normalen Ein- und Ausatmen ist der Zwischenraum zwischen den Stimmlippen, die Stimmritze, weit geöffnet. Um einen Ton zu bilden, werden die Stimmlippen durch ein System von Nerven, Muskeln und Knorpeln so in den Luftstrom gestellt, dass sich die Stimmritze schließt und die Stimmlippen in der gewünschten Frequenz zu schwingen beginnen. Je stärker die Anspannung der Stimmlippen, desto schneller die Schwingung und desto höher der Ton. Weil die vielen beteiligten Strukturen bei jedem Menschen etwas anders angelegt sind, bekommt jede Stimme einen individuellen und wiedererkennbaren Klang.

Wenn die Stimme versagt

Es gibt organische und funktionelle Stimmstörungen. Am häufigsten verändern Entzündungen die Stimme - zum Beispiel durch eine Infektion durch Viren oder Bakterien. Auch der Rückfluss von Magensäure durch die Speiseröhre bei einer Refluxerkrankung kann zu chronischen Reizzuständen an den Stimmlippen führen. 

Eine dauerhafte Überlastung kann die Stimmlippen auch anschwellen lassen. Wer sich beim Sprechen ständig übermäßig anstrengen muss, bei dem können sich Gewebeveränderungen bilden - die bekannten Sängerknötchen an den Stimmlippen.

Eine Frau fasst sich an den schmerzenden Hals.
Verletzungen der Stimmbänder können zu deren Lähmung führen. Bildrechte: imago/HRSchulz

Beim Reinke-Ödem hingegen verdicken sich die Stimmlippen durch Wassereinlagerungen. Diese Veränderungen gehen nicht mehr von selbst zurück. Betroffen sind hier oft Raucher.

Auch Lähmungen der Stimmlippen können zum Versagen der Stimme führen. Ursachen hierfür können sein: Verletzungen, Entzündungen oder die Folgen einer Operation an der Schilddrüse. Im schlimmsten Fall kann ein Kehlkopfkrebs die Stimme verändern. Umso wichtiger ist es, länger bestehenden Stimmstörungen immer auf den Grund zu gehen.

Ein Versagen der Stimme hat mitunter aber auch psychische Ursachen. Eine Angststörung, aber auch die Verarbeitung eines einschneidenden Erlebnisses können uns durchaus auf die Stimme schlagen.

Wie verläuft die Diagnose?

Bei einer Stimmstörung sind besonders spezialisierte HNO-Ärztinnen und -Ärzte, die Phoniater, Ansprechpartner für die Patienten. Prinzipiell steht die Stimmdiagnostik auf fünf Säulen:

  • "Als erstes schauen wir rein“, erklärt Prof. Fuchs. Mit einem feinen Endoskop, das durch die Nase oder durch den Mund eingeführt werden kann, beobachten Ärztin oder Arzt, ob sich die Stimmlippen richtig schließen und ob es auffällige Veränderungen an ihnen gibt.
  • Die Phoniater lauschen mit geschultem Ohr auf den Klang der Stimme. Klingt sie rau? Verhaucht? Ganz leise? Hat sie kein Steigerungsvermögen? Ist sie instabil, weil zum Beispiel eine gewisse Grundfrequenz nicht gehalten werden kann? Näselt der Patient auffällig?
  • Mit akustischen Analyseverfahren wird nach Auffälligkeiten im Stimmspektrum gesucht.
  • Eine Stimmleistungsmessung untersucht, wie die Stimme sich bei starker Beanspruchung verhält - gewissermaßen ein Belastungs-EKG für die Stimme.
  • Auch standardisierte Fragebögen können eine wichtige Rolle spielen. Mit ihnen wird unter anderem ergründet, wie es dem Patienten mit seiner veränderten Stimme geht. Für den einen kann Heiserkeit ein eher vernachlässigbares Problem sein, für den anderen dagegen eine Katastrophe.

Wie wird behandelt?

Wegweiser zu einer Logopädie-Praxis.
Durch Stimmübungen beim Logopäden kann eine Fehlbelastung der Stimme korrigiert werden. Bildrechte: imago/CHROMORANGE

Vielen Patienten wird zunächst einmal Schonung verordnet, damit sich geschwollene, entzündete oder durch Knötchen veränderte Stimmlippen beruhigen können. Dem überwiegenden Teil der Betroffenen hilft dann eine Übungsbehandlung. Logopädinnen und Logopäden trainieren, wie die Stimme richtig eingesetzt wird und wie sich Überlastungen vermeiden lassen. Ein kleinerer Teil der Stimmstörungen wird auch durch Operationen behoben.

Training für die Stimme

Im Alter bekommt die Stimme oft einen anderen Klang. Bei manchem bricht sie, verliert an Kraft. Denn auch unser Stimmapparat altert, das Gewebe wird weniger elastisch. Unser Experte Prof. Michael Fuchs dazu: "Die Falten, die wir im Gesicht bekommen, bekommen wir auch in den Stimmlippen." Bei vielen älteren Menschen wird die Stimme weniger verständlich, manche ziehen sich deshalb zurück. Der Ausweg? Stimmlich aktiv bleiben! Das kann für den einen das Mitsingen in einem Chor sein, für den anderen der regelmäßige Besuch von Gesprächsgruppen oder die ehrenamtliche Arbeit als Stadtführer.

Ein Lehrer am Gymnasium, gibt Matheunterricht an einem Bildschirm.
Für Menschen in stimmintensiven Berufen ist Stimmhygiene besonders wichtig. Bildrechte: dpa

Übrigens: Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung arbeitet mittlerweile in "stimmintensiven" Berufen - Lehrer zum Beispiel, aber auch Mitarbeiter in Callcentern. Gerade für diese Menschen sind Stimmhygiene und Stimmtraining besonders wichtig. "Wer dann nicht gelernt hat, richtig zu sprechen, also ökonomisch zu sprechen, der bekommt mit zunehmenden Berufsjahren immer mehr Probleme", sagt Professor Michael Fuchs von der Uniklinik Leipzig.

Der Fall - neue Nerven für gelähmte Stimmlippen

Noch vor drei Monaten wirkte die Stimme des Callcenter-Mitarbeiters Marcel Bannasch aus Gera dünn und kraftlos. Je mehr er sich dann anstrengte, desto höher klang sie. "Als würde man immer wieder versuchen, höher zu sprechen. Und irgendwann kommt gar nichts mehr. Also laut sprechen war gar nicht möglich. Wenn ich jetzt einen Kollegen rufen wollte, der zehn Meter entfernt stand – das war nicht möglich!"

Das Problem: Marcel Bannaschs linkes Stimmband war gelähmt. Bei der Untersuchung mit dem Endoskop zeigte sich, dass es im Vergleich zur rechten Seite viel weniger schwang. Darum entschloss er sich, am gelähmten Stimmband eine sogenannte Renervation durchführen zu lassen. Prof. Andreas Müller, Facharzt für spezielle HNO-Chirurgie erklärt: "Wir borgen uns sozusagen von einem kleinen Halsmuskel dessen Nervenast und bringen diesen über ein kleines Knorpelfenster in den Muskel der Stimmlippe ein." Diese Operationsmethode wurde 2010 in Japan erfunden. Europaweit wird sie nur in Gera angeboten. Marcel Bannasch ist erst der 15. Patient, der so operiert wurde. Der Effekt der Methode setzt nicht sofort ein, erst nach drei bis vier Monaten. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, kann während der OP zusätzlich die betroffene Stimmlippe unterspritzt werden - damit wird ein Soforteffekt erzielt, der so lange vorhält, bis die Wirkung der OP spürbar wird. Tatsächlich stellte sich bei Marcel Bannasch nach drei Monaten eine deutliche Veränderung ein. Die Stimmlippen schließen wieder viel besser. Seine Stimme ist kräftiger und tiefer geworden und inzwischen wieder in einem für Männer gesunden Bereich. Und seine Stimme soll dann noch lauter und tiefer sein.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 06. Februar 2020 | 21:00 Uhr