Der Arzt im Netz Telemedizin – was ist heute schon möglich?

Ein Griff zum Handy, ein Gespräch, vielleicht ein kurzer Videochat – und schon lässt sich rasch klären, ob hinter den Bauchschmerzen nicht doch etwas Ernsteres stecken könnte. Telemedizin soll Arzt und Patienten verbinden, auch wenn sich beide an unterschiedlichen Orten befinden. Solche Szenarien sind seit einem Jahr gesetzlich möglich.

Was ist telemedizinische Betreuung?

Telemedizinische Betreuung bedeutet: Der Arzt versorgt den Patienten, ohne dass sich beide im gleichen Raum aufhalten. Möglich wird das beispielsweise durch eine Videosprechstunde. Dafür braucht man einen internetfähigen Computer mit Kamera und Mikrofon sowie eine spezielle, datensichernde Software. Schon kommt der Arzt mit ein paar Klicks - virtuell - bis ins Wohnzimmer. Vor allem Patienten auf dem Land profitieren von der Videosprechstunde. Denn schon jetzt gibt es zu wenige Ärzte in ländlichen Regionen. Die Technik ist eine Möglichkeit, diesem Mangel etwas entgegenzusetzen.

Unterstützt werden die Ärzte in der Regel von einer Versorgungsassistentin. Bei Hausbesuchen schreibt sie unter anderem EKGs, misst den Blutdruck, nimmt Blut ab, bestimmt den Blutzuckerwert oder versorgt Wunden.

Der Chirurg Peter Rosellen zeigt einem Hautarzt im Rahmen einer elektronischen Visite in der Seniorenresidenz Klosterbauerschaft in Kirchlengern mit Hilfe einer Webcam und einem Tablet eine Hautveränderung an der Nase der Patientin Rita Stumpf.
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Die dafür notwendigen Geräte und Materialien hat sie im Telemedizin-Rucksack stets dabei. Die Ergebnisse überträgt die Versorgungsassistentin über eine gesicherte Leitung per Computer direkt in die Praxis. Dann stellt sie eine Video-Verbindung zum Arzt her. Damit liegen dem Arzt in der Praxis alle notwendigen Vitaldaten des Patienten vor und er kann so, genau wie er es in der Praxis handhaben würde, eine Diagnose erstellen.

Ein weiterer Bereich der Telemedizin ist die ständige Überwachung des Patienten in seinem häuslichen Umfeld. Bei Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck oder Herzinsuffizienz müssen kontinuierlich Werte gemessen werden, um eine Verschlimmerung rechtzeitig zu erkennen.

Wenn sich diese Patienten mit Hilfe von technischen Geräten entweder selbst überprüfen können, oder ihre Daten zur laufenden Überwachung zum Arzt oder ins Krankenhaus gesendet würden, wäre ihr Leben sehr viel einfacher.

Wo findet man Telemediziner?

Wer sich für das Angebot interessiert, kann bei seiner Krankenkasse anrufen und nach einem Tele-Arzt in der Umgebung fragen. Aber auch auf einigen Internetseiten der Ärzte werden Interessierte fündig. Jeder gesetzlich Versicherte hat das Recht, so ein Angebot auf Kassenkosten zu nutzen. Privatversicherte sollten vorab mit ihrer Versicherung sprechen.

Grenzen der Telemedizin

Alles geht aber nicht via Internet: Ab und an müssen die Patienten immer noch persönlich in der Praxis erscheinen. Der letzte Besuch darf nicht mehr als zwei Quartale zurückliegen. Rezepte darf der Arzt via Telemedizin nur ausstellen, wenn es sich um Folgerezepte handelt. Das Erstrezept gibt es nach wie vor nur in der Praxis.

Voraussetzung für die Nutzung von Telemedizin ist natürlich eine gewisse Offenheit gegenüber technischen Geräten wie Computern oder Smartphones. Außerdem müssen die Patienten bereit sein, Verantwortung für sich selbst zu tragen.  Dabei ist es natürlich eine Frage der Zeit,  bis man mit der gängigen Technik vertraut ist - und zwar unabhängig vom Alter.

Welche Möglichkeiten umfasst die Telemedizin?

Auch wenn es erlaubt ist, Patienten ausschließlich per Video-Sprechstunde zu beraten und zu behandeln, ist sich die Bundesärztekammer einig, dass die Fernbehandlung den persönlichen, „analogen“ Arzt-Patienten-Kontakt nicht ersetzen kann. Die Sprechstunde in der Praxis bleibt der Königsweg in der medizinischen Versorgung. Die Diagnose vieler Krankheiten wird nicht nur anhand von Anamnesegesprächen und sichtbaren Symptomen gestellt, sondern bezieht beispielsweise auch Tastbefunde, Laborwerte und Gewebeproben ein. Daher stößt die Erstdiagnose per Telemedizin bei vielen Krankheitsbildern an ihre Grenzen. Sie ist somit eher als ergänzendes Angebot anzusehen, das die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, aber auch zwischen Ärzten und (Fach-)Kliniken erleichtern kann.

In folgenden Bereichen kann die Telemedizin zur Anwendung kommen:

  • Unmittelbarer Austausch von klinischen, radiologischen und histologischen Befunden sowie Laborergebnissen zwischen Haus- und Facharzt
  • Interdisziplinäre Telekonsultation zwischen Kliniken
  • Erstdiagnose und Behandlungseinleitung bei einfachen, akuten Krankheitsbildern, beispielsweise bei Infekten
  • Fernbetreuung von Patienten durch Übermittlung von Werten und Daten sowie visuelle Verlaufskontrolle per Video-Sprechstunde
  • Digitale Patientenschulung bei chronischen Erkrankungen

Fazit


In vielen Fällen kann die Fernbehandlung die medizinische Versorgung in der Arztpraxis sinnvoll ergänzen und Kommunikationswege verkürzen. Den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt wird die Telemedizin jedoch auch in Zukunft nicht gleichwertig ersetzen können.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 01. Juli 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2019, 21:28 Uhr