Ernährung Verbraucherzentrale: Nahrungsergänzungsmittel schützen nicht vor Coronavirus

Die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt warnt vor Werbung für Nahrungsergänzungsmittel als Mittel gegen das Coronavirus. Dr. Nicole Wege vom Referat für Lebensmittel beantwortet fünf Fragen zum Thema Corona und Ernährung.

Nahrungsergänzungsmittel in Tablettenform.
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Im Internet kursieren Berichte über besondere Nahrungsergänzungsmittel oder Vitamin-Präparate zur Corona-Abwehr. Die Werbung suggeriert, dass damit das Immunsystem gestärkt oder gar eine Infektion verhindert würde. Wie sollten Verbraucherinnen und Verbraucher mit solchen Berichten umgehen? Dr. Nicole Wege vom Referat für Lebensmittel der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt haben dem MDR-Magazin "Umschau" einige Fragen beantwortet.

Umschau: Wie sollte ich als Verbraucher mit Werbung für besondere Nahrungsergänzungsmittel als Abwehr gegen das Coronavirus umgehen?

Dr. Nicole Wege: Aussagen zu Nahrungsergänzungsmitteln (NEM), wie "stärkt das Immunsystem" oder "schützt vor Bakterien und Viren", sollte der Verbraucher kritisch hinterfragen. Denn NEM gehören rechtlich zu den Lebensmitteln und dienen lediglich dazu, die normale Ernährung zu ergänzen. Anders als Arzneimittel sind sie nicht dafür gedacht, Erkrankungen – so auch COVID-19 – zu heilen, zu lindern oder zu verhüten und dürfen so auch nicht beworben werden.

Dr. Nicole Wege, Ernährungswissenschaftlerin bei der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt
Dr. Nicole Wege Bildrechte: Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt

Dennoch werben derzeit viele NEM-Hersteller mit vollmundigen Versprechungen. So sollen Extrakte von Pflanzen wie Cistus (Zistrosenkraut), Rhodiola (Rosenwurz), Grüntee, Kapuzinerkresse oder aber Propolis, "Vitalpilze" wie Cordyceps, Kurkuma und Zimt etc. virenabwehrende Wirkungen aufweisen. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es jedoch nicht. Bei Pflanzenextrakten ist zudem zu bedenken, dass mögliche negative Effekte auf die Gesundheit nicht bekannt und Wechselwirkungen mit gleichzeitig eingenommenen Medikamenten nicht auszuschließen sind.

Vorsicht gilt bei vermeintlichen Wundermitteln: Diese gibt es leider nicht, mitunter bergen sie sogar gesundheitliche Gefahren. Ein Beispiel für ein solches vermeintliches Wundermittel, welches bei verschiedenen Erkrankungen – wie auch bei COVID-19 – Abhilfe schaffen soll, ist das sogenannte Miracle Mineral Supplement (MMS). Darin ist die Chemikalie Natriumchlorit (nicht zu verwechseln mit Natriumchlorid, besser bekannt als Kochsalz) enthalten, die unter Einwirkung einer mitgelieferten verdünnten Säure zu Chlordioxid (in Desinfektions- und Bleichmitteln enthalten) reagiert. Bei oraler Aufnahme kann es zu schwerwiegenden Verätzungen des Mundes und der Speiseröhre sowie zu Nierenversagen und Blutdruckabfall kommen. Davon wird dringend abgeraten!

Wie steht es um Vitamin- und Mineralstoffpräparate?

Tabeletten in einem Apfel.
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Dr. Nicole Wege: Auch Vitamin- und Mineralstoffpräparate rücken derzeit wieder verstärkt in den Fokus. In der Tat tragen Vitamine und Mineralstoffe (wie Vitamin C, D, B6, B12, Zink, Eisen) zur normalen Funktion des Immunsystems bei. Allerdings wird über eine isolierte, hoch dosierte Einnahme in Form von Nahrungsergänzungsmitteln keine gesteigerte Immunabwehr erreicht. Das Gegenteil ist zum Teil sogar der Fall. Einige Präparate sind so hoch dosiert, dass sie die Gesundheit sogar schädigen können. Der Großteil der deutschen Bevölkerung ist ausreichend mit Nährstoffen versorgt, sodass eine zusätzliche Zufuhr über Supplemente nicht notwendig ist.

Auch Superfood verspricht häufig Wunder, wenn es darum geht, dem Körper etwas Gutes zu tun. Was ist zu beachten, wenn Superfood als Corona-Prophylaxe beworben wird?

Dr. Nicole Wege: Auch Lebensmittel, die als "Superfood" angepriesen werden, können keiner Infektion mit Coronaviren vorbeugen. Bestenfalls können bestimmte Inhaltstoffe im "Superfood", wie Vitamine und Mineralstoffe, zum Erhalt eines normalen Immunsystems beitragen. Diese sind aber auch im herkömmlichen Obst und Gemüse enthalten und werden in der Regel in ausreichendem Maße aufgenommen. Eine Stärkung des Immunsystems oder gar eine Corona-Prophylaxe lässt sich dadurch nicht erreichen.

Wie kann man sich denn grundsätzlich ernähren, um in diese Zeiten sein Immunsystem zu stärken?

Verschiedene aufgeschnittene Zitrusfrüchte und Granatapfel
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Dr. Nicole Wege: Selbst die optimalste Ernährung bietet keinen Schutz vor dem neuen SARS-CoV-2-Virus. Spezielle Arzneimittel oder eine Impfung gibt es bislang nicht. Am wirksamsten gegen eine Ansteckung sind aktuell die Einhaltung von Hygieneregeln und das Meiden sozialer Kontakte.


Nichtsdestotrotz empfiehlt sich immer eine abwechslungsreiche, ausgewogene Ernährung. Wie eine solche aussehen kann, zeigt zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE). Als Faustregel gelten viele pflanzliche Lebensmittel mit fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag, bevorzugt Vollkorn bei Getreideprodukten, nicht zu viel Fleisch und ausreichende Flüssigkeitsaufnahme.

Gibt es andere Fallen in Bezug auf Corona und Ernährung, in die Verbraucher nicht tappen sollten?

Dr. Nicole Wege: Obwohl die Versorgungslage in Deutschland aktuell gesichert ist, sind einige Artikel zurzeit stark nachgefragt und nicht immer verfügbar, zum Beispiel Mehl oder Hefe. Gerade im Internet gibt es viele Anbieter, die aus dieser Situation jetzt Profit schlagen und die eigentlich günstigen Lebensmittel zu horrenden Preisen, teilweise einem Vielfachen des Warenwerts verkaufen.

Doch nicht nur bei Wucherpreisen ist Vorsicht angezeigt, sondern auch bei sogenannten "Fake-Shops" im Internet. Diese versenden nach Bestellung minderwertige Ware zu überhöhten Preisen, mitunter erfolgt gar kein Versand. Oft ist es schwierig für Verbraucher, bereits gezahlte Beträge zurückzuerhalten. Ein genauer Blick ins – rechtlich obligatorische – Impressum, die AGBs, Zahlungsverfahren (Ist ein Kauf auf Rechnung möglich, oder wird gar um Vorkasse gebeten?) kann helfen, Fake-Shops zu erkennen. Hierzu haben die Verbraucherzentralen einen Übersichtsartikel erstellt.

Darüber hinaus kursieren derzeit zahlreiche Ernährungsmythen bezüglich des Coronavirus. So soll reichlich heißes Wasser zu trinken einer Infektion vorbeugen. Dies ist jedoch nicht der Fall und kann zu Verbrennungen im Mund und in der Speiseröhre führen. Zum Teil wird der Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel empfohlen, da Gluten angeblich die Darmwände angreifbar macht. Einen Schutz vor einer Corona-Virus- Infektion bietet es jedoch nicht. Auch zweimal täglich einen Teelöffel Kokosöl hilft nicht "in Zeiten von Coronaviren den viralen Belastungsdruck zu deckeln". Traditionelle Pflanzliche Arzneimittel, wie Thymian- und Salbeitees, die bei Linderung von Erkältungsbeschwerden zum Einsatz kommen, verhindern keine virale Infektion. Gleiches gilt für den Verzehr von Knoblauch, Zwiebeln oder Ingwer. Letzterer soll, gekocht auf leeren Magen gegessen, die vom Corona-Virus hervorgerufene COVID-19-Erkrankung heilen. Dieser Empfehlung widersprach die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits Anfang des Jahres.

Die Fragen stellte Ole Steffen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 07. April 2020 | 20:15 Uhr