Interview zur Coronalage Virologin geht von wieder mehr Corona-Toten aus

Seit Wochen steigt die Zahl der an Corona Infizierten wieder stark an. Wir haben mit der neuen Virologin an der Universitätsklinik Leipzig, Oberärztin Dr. Corinna Pietsch, darüber gesprochen. Sie sagt, es werde vermehrt schwere Krankheitsverläufe und auch Todesfälle geben.

Dr. Pietsch
"Wenn man sich das anschaut, haben wir jetzt ungefähr 600 Patienten, die in Deutschland mit Covid 19 auf den Intensivstationen liegen. Vor 14 Tagen waren es noch 350", erklärt die Virologin Corinna Pietsch. Bildrechte: MDR/Hauptsache Gesund

Wir schätzen Sie die derzeitige Coronalage allgemein ein?

Dr. Corinna Pietsch/Virologin: Die Zahlen steigen, das lässt sich nicht verneinen. Das sehen wir ganz deutlich. Und die Zahlen werden auch weiterhin ansteigen. Davon gehe ich aus.

Es ist oft zu hören, dass eine zweite Welle auf uns zukommt oder schon da ist.

Wir wissen nicht ganz genau, ob es eine richtig klassische Welle wird oder ob es irgendeine Art von Plateau geben wird. Aber ein deutlicher Anstieg ist jetzt zu spüren. Und wenn man die zwischenzeitlich erhöhten Fallzahlen, als es diese Ausbrüche in den Schlachthöfen gab, wegnimmt, wäre es jetzt nominell die zweite Welle.

Im Schnitt gibt es derzeit schon immer über 4.000 Infizierte pro Tag, aber relativ wenig Tote und auch relativ wenig Krankenhausaufenthalte und intensiv betreute Patienten. Woran liegt das?

Wenn man es vergleicht mit der ersten Welle, prozentual gesehen, sind es derzeit weniger, die bislang schwer krank geworden sind, die vielleicht gar verstorben sind, als in den Phasen, wo wir uns noch im März befanden. Aber ich denke, dass auch diese Zahlen weiter ansteigen werden. Wir sehen jetzt, dass wir früher testen, dass wir mehr testen, dass wir auch zurzeit das Virus vor allen Dingen in der jüngeren Bevölkerung haben, wo statistisch die Patienten seltener schwer krank werden. Einzelfälle werden auch schwer krank, aber in der Summe sind es weniger. Wir sehen aber aber auch, dass sich das langsam ändert.

Das Virus hat es wieder geschafft, andere Bevölkerungsgruppen zu erreichen, also die Älteren, die schon häufig Vorerkrankungen haben. Und deshalb denke ich, dass auch in den nächsten Wochen wieder die Fälle ansteigen werden von den Patienten, die auf Intensivstationen sind oder die auch versterben. Diese Tendenz sehen wir jetzt schon. Wenn man sich das anschaut, haben wir derzeit ungefähr 600 Patienten, die in Deutschland mit Covid 19 auf den Intensivstationen liegen. Vor 14 Tagen waren es noch 350.

Das Virus hat es wieder geschafft, andere Bevölkerungsgruppen zu erreichen, also die Älteren, die schon häufig Vorerkrankungen haben.

Dr. Corinna Pietsch, Virologin

Worauf müssen wir uns in den nächsten Monaten einstellen?

Ich befürchte steigende Fallzahlen. Wir müssen uns auf eine steigende Belegung der Intensivstation einstellen und auf wieder erhöhte Todesfallzahlen. Und ich denke, das alles ist Grund genug, sich darauf einzustellen, auch wieder verschärfte Maßnahmen zum Infektionsschutz mitzumachen.

Wie hat sich der Klinikalltag seit Covid 19 verändert?

Das Ganze begann ja in China, Ende des Jahres 2019. Dann haben wir uns im Januar darauf vorbereitet, dass wir auch fähig sind, bei uns die Tests durchzuführen. Richtig losgegangen mit den Testungen ist es dann im März und April. Das waren sehr intensive Zeiten für uns. Da war noch vieles unklar. Und wir mussten oft Hürden überwinden, improvisieren. Es gab Lieferschwierigkeiten und dergleichen. Das hat sich über den Sommer ganz gut stabilisiert. Wir sehen aber jetzt, wo weltweit die Zahlen so stark angestiegen sind, dass es wieder erste Knappheiten gibt. Auf dem Weltmarkt für Laborbedarf - sei es Reagenzien, zuletzt auch Plastik und Verbrauchswaren, die wir brauchen. Im Labor sind wir jetzt wieder vermehrt daran, viel zu telefonieren und zu schauen, wo wir das passende Material bekommen.

Wir testen ganz viel. Wir wollen natürlich einen ganz hohen Schutz bieten für Mitarbeiter und Patienten. Und deshalb testen wir jeden Patienten, der hier stationär aufgenommen wird. Der wird gescreent, es wird geschaut, ob er aktuell das Virus im Rachen hat. Das sind relativ hohe Testzahlen. Aber wir sehen auch, dass es wirklich notwendig ist. Wir erhalten positive Ergebnisse, auch bei Patienten, die das gar nicht wussten, die keine dementsprechenden Symptome hatten. Wenn man das früher erkennt, kann man ganz schnell reagieren und verhindert dann Infektionsketten.

Wir sehen jetzt, wo weltweit die Zahlen so stark angestiegen sind, dass es wieder erste Knappheiten gibt.

Dr. Corinna Pietsch, Virologin

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat ein Testkonzept angekündigt. Gibt es da Neuigkeiten?

Ich habe in den letzten Tagen nichts mehr davon gehört. Es hieß ursprünglich, dass es zum 15. Oktober in Kraft treten soll. Ich denke, das wird dann Ende Oktober vermutlich werden, weil sich die jeweiligen Labors oder Teststationen darauf vorbereiten müssen. Was man gelesen hat in den Medien, da geht es darum, dass man vermehrt diese Antigen-Tests einsetzt und das dann auch bezahlt wird - dass beispielsweise ganze Kliniken oder auch Pflegeheime regelmäßig getestet werden auf das Virus.

Für wie sinnvoll halten Sie Corona-Schnelltests?

Bei Schnelltests muss man immer erst mal sagen, wovon man eigentlich spricht, weil das kein geschützter Begriff ist. Schnelltest würde ich verstehen als Antigentest, wo man das Virus direkt nachweist, auch im Rachen - indem man Eiweiße des Virus nachweist, nicht wie die PCR das Genom. Die sind in der Entwicklung teils auch schon zugelassen. Die sind nicht so gut wie die PCR, das muss man sagen. Aber sie haben den Vorteil, dass man bei den meisten ohne Laborgeräte auskommt. Das heißt, man kann den Test zunächst durch geschultes Personal machen lassen, vielleicht in Zukunft tatsächlich auch zu Hause selbst testen.

Immer häufiger stellt man fest, dass von Corona Genesene nach Monaten keine Antikörper mehr haben. Hat das Auswirkungen darauf, dass sie eventuell neu erkranken könnten? Kann ein Impfstoff tatsächlich Hoffnung geben?

Es gibt Infektionskrankheiten, die der Mensch durchmachen kann, da hat er lebenslang Antikörper. Bei anderen ist das nicht so. Bei vielen Erkältungskrankheiten verschwinden die Antikörper irgendwann wieder. Und damit verschwindet zumindest dieser Teil der Immunität, die ein Mensch entwickeln kann. Aber es gibt noch andere Bestandteile des Immunsystems des Menschen, die da einspringen können. Bei manchen Erkrankungen reicht es, dass wir die dann auch verhindern können, bei anderen nicht. Wie das genau bei Coronaviren ist, wissen wir noch nicht.

Es gibt einige Fallberichte von Patienten, die tatsächlich mehrfach infiziert waren. Aber oft hatten die auch irgendwelche Vorerkrankungen, Erkrankungen des Immunsystems beispielsweise, wovon man nichts für Standard-Patienten ableiten kann. Ansonsten müssen wir noch ein bisschen abwarten, bis wir noch mehr Daten haben zur Rolle der anderen Bestandteile des Immunsystems, um nachzuverfolgen, wie lange so eine Immunität anhalten kann. Für die Impfstoffe kann das schon eine Rolle spielen. Wir gehen davon aus, dass eine einzige Impfung wahrscheinlich nicht ausreichend sein wird.

Wir gehen davon aus, dass eine einzige Impfung wahrscheinlich nicht ausreichend sein wird.

Dr. Corinna Pietsch, Virologin

Man sagt, nach einer Herdenimmunisierung würde sich das Virus nicht mehr so ausbreiten können. Wenn Menschen neu erkranken können, ist diese These dann hinfällig?

Das ist das Konzept der Herden-Immunität - durch Infektionen mit dem sogenannten Wildvirus. Ich glaube nicht, dass man die Pandemie dadurch beenden kann. Sondern wir brauchen jetzt schon Impfstoffe, die wir gezielt und in breiter Masse anwenden können, um dort tatsächlich irgendetwas zu erzielen. Ansonsten wird es so sein, dass man eine Restimmunität behält. Wir nennen das partielle Immunität, die dazu führen kann, dass wir dann weniger stark erkranken, beispielsweise bei der zweiten Infektion als bei der ersten. Aber das heißt nicht, dass wir nicht mehr krank werden. Und das heißt auch nicht, dass wir nicht infektiös sind für andere.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 15. Oktober 2020 | 21:00 Uhr