Ein kleines Mädchen spielt ein Game auf einem Smartphone.
Was macht das Smartphone mit unseren Kindern? Studien beantworten diese Frage noch kaum. Bildrechte: dpa

"Fakten" im Check Keine Smartphones für Kinder unter elf Jahren?

Auch in diesem Jahr hoffen viele Kinder zu Weihnachten auf ihr erstes Tablet oder Smartphone. Ihre Aussichten darauf hat der Kinder- und Jugendärzteverband zwei Monate vor dem Fest ein wenig gedämpft. Seine wiederholte Warnung vor angeblich "fatalen Folgen" einer übermäßigen Nutzung solcher "Spielzeuge" dürfte viele Eltern aufgeschreckt, andere in ihren Vorurteilen bestätigt haben. Fast immer wird dabei auch auf Studien verwiesen, die solche Aussagen aber gar nicht belegen können.

von Kristian Schulze, MDR AKTUELL

Ein kleines Mädchen spielt ein Game auf einem Smartphone.
Was macht das Smartphone mit unseren Kindern? Studien beantworten diese Frage noch kaum. Bildrechte: dpa

Mit starken Worten hat Thomas Fischbach vor einer übermäßigen Nutzung von Smartphones oder Tablets durch Kinder gewarnt. Ende Oktober sprach der Präsident des Verbands der Kinder- und Jugendärzte im Interview der "Neuen Osnabrücker Zeitung" von einem "furchtbaren Trend mit katastrophalen Folgen" für Kinder.

Eltern "parkten" immer jüngere Kinder vor den Geräten, sagte Fischbach. Immer häufiger litten die Kinder deshalb an Konzentrationsschwäche und ihre schulischen Leistungen unter ihrem zu hohem Medienkonsum. Frühestens ab elf sollten sie ein Smartphone haben und es auch danach höchstens zwei Stunden am Tag nutzen.

Immer wieder Studien...

Wie Fischbach zu derartigen Schlussfolgerungen kommt, ließ er offen. Der praktizierende Kinderarzt kann sich zwar auf seine und auf Beobachtungen seiner KollegInnen aus dem Praxis-Alltag stützen, nicht aber auf eine Erforschung der Ursachen der von ihnen beobachteten Symptome. In dem Artikel der Zeitung heißt es zwar, dass Zusammenhänge durch Studien zu belegen seien. Welche Studien und welche konkreten Zusammenhänge gemeint sind, wird aber überhaupt nicht erwähnt.

Dabei gibt es schon viele Studien zu der Problematik. Auch äußerten Lehrer bei MDR AKTUELL, dass sie zunehmende Probleme im Unterricht auf Tablets und Smartpohnes zurückführen. Gleiches tun Augenärzte angesichts sich häufender Kurzsichtigkeit von Schulkindern. Dafür hatten Studien aber auch schon die Beleuchtung in Räumen und Klassenzimmern verantwortlich gemacht – neben zunehmender Bildschirmzeit.

Dabei konstatiert eine Studie für den Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) tatsächlich: "Kinder nutzen immer früher ein Smartphone". So gut wie alle diese Studien beruhen jedoch wesentlich auf Selbstauskünften von Eltern, Kindern, Lehrern oder Ärzten. So lassen sich damit zwar statistische Häufungen bestimmter Beobachtungen belegen sowie auch Hinweise auf Zusammenhänge, nicht aber Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung.

Trotzdem werden immer wieder weit reichende Schlussfolgerungen aus solchen Studien gezogen, etwa die zuletzt viel zitierte von Kinderärzte-Präsident Fischbach zu den angeblichen Auswirkungen auf das Gehirn:

Medialen Dauerbeschuss macht das beste Hirn nicht mit.

Thomas Fischbach, "Neue Osnabrücker Zeitung", 30. Oktober 2019

Sie suggeriert, dass zu starke Mediennutzung bei Kindern längerfristige schädliche, sogar physische Auswirkungen auf ihr Gehirn habe. Das behaupten zwar auch andere, etwa der Psychiater Manfred Spitzer. Belege aber fehlen, auch weil das Phänomen viel zu jung ist, um mit validen Daten etwa aus der Hirnforschung rechnen zu dürfen.

Gerade Spitzer wurde schon öfter vorgeworfen, dass er "regelmäßig Korrelationen zu Kausalzusammenhängen umdeutet", Studien selektiv zitiere und "ständig absurde, auf Angsterzeugung zugeschnittene Analogien" benutze, so etwa im SPIEGEL.

... und zweifelhafte Schlussfolgerungen

Kritik an der voreiligen Herstellung von Kausalzusammenhängen übt aber auch die Würzburger Medienpsychologin Astrid Carolus. Sie sagt mit Blick auf die ebenfalls viel zitierte BLIKK-Studie für die Bundesregierung, es sei "wissenschaftlich einfach nicht präzise", Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität oder Fettleibigkeit so zu erklären.

Im Deutschlandfunk sagte Carolus, die BLIKK-Studie erkläre nicht, wie stark Zusammenhänge seien und welche Faktoren noch wirkten: Dass etwas statistisch signifikant sei, heiße nicht, "dass es wirklich ein substanzieller Zusammenhang ist". Demnach können solche Studien auch nicht klären, ob erhöhte Mediennutzung eher der Grund oder eine Folge von Konzentrationsschwächen in der Schule wären.

Je höher der Medienkonsum, je schwächer die Leistungen in den Schulen.

Thomas Fischbach, "Neue Osnabrücker Zeitung", 30. Oktober 2019

Fragwürdig sind demnach auch Faustregeln wie "Kein Handy vor elf Jahren!", die Fischbach unter die Leute gebracht hat. Woher diese Zahl kommt, ließ er ebenfalls offen, meinte aber: "Je länger man die Smartphone-Nutzung der Kinder rausschiebt, umso besser ist es für sie." Für Carolus gehen Verbote jedoch an der Realität vorbei, "auch, wenn manche Eltern oder Politiker sich das vielleicht irgendwie wünschen".

Unterricht in einer Grundschule
Ursachen für als schlecht bewertete Leistungen in der Schule gibt es viele. Studien suchen sie aber gern außerhalb der Schule - im Elternhaus etwa oder im Medienkonsum. Bildrechte: imago/wolterfoto

Im NDR sprach sich die Medienpädagogin Kartin Viertel gegen generelle Handy-Verbote für Kinder aus. Zwar könne auch übermäßiger Medienkonsum eine Ursache für Auffälligkeiten sein. Kinder müssten verantwortungsvollen Umgang damit lernen, doch "Medienkompetenz kann man nur lernen, wenn man die Dinge auch tun darf."

Für Medienwissenschaftlerinnen wie Nicola Döring ist der tägliche Umgang mit Mobiltelefonen für Kinder längst Lebenswirklichkeit. Er helfe ihnen etwa bei der Pflege sozialer Kontakte, hatte Döring schon vor zwölf Jahren gesagt.

Nach wie vor keine Studien gibt es zu der Frage, ob sich Kinder in ihren Schulen langweilen und ob sich nicht auch ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Gestaltung des Unterrichts und ihrer Konzentrationsfähigkeit herstellen ließe. Dabei ist diese Frage ganz einfach und vielleicht auch die Antwort. Vielleicht ist es manchen aber auch zu unangenehm, Konsequenzen daraus ziehen zu müssen, dass sich Kinder heute mit Fragen bei Google bisweilen besser aufgehoben fühlen als in der Schule.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. November 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2019, 07:16 Uhr

1 Kommentar

wer auch immer vor 1 Wochen

Genau so.
Und dann wundern das, als Beispiel, die Pornographie Einzug in das Kinderzimmer hält.
Die Welt ist kaputt.