Organspender-Debatte Sind wir alle bald Organspender?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Zahl der Organspender erhöhen und dafür eine Widerspruchslösung einführen. So würde jeder Bürger automatisch Organspender, wenn er nicht schriftlich dagegen widerspricht.

von Katharina Jünemann

Transportbox für eine Niere bei einer Nierentransplantation
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Jedes Jahr warteten mehr als 10.000 totkranke Patienten in deutschen Kliniken auf ein lebensrettendes Organ. Bundesweit spenden demgegenüber aber nur jährlich nur ungefähr 800 Menschen ihre Organe nach dem Tod. Im Falle eines lebensbedrohlichen Organversagens hat deshalb hierzulande also nur etwa jeder Zehnte die Chance zu überleben. Zwar hat jeder Patient zu Lebzeiten die Möglichkeit, seinen Willen in einer Patientenverfügung zu erklären, doch diese Dokumente sind oft widersprüchlich oder nicht brauchbar. Prof. Utz Settmacher, Chirurg am Universitätsklinikum Jena erklärt das: „Viele schreiben, sie wollten keine lebenserhaltenden Maßnahmen. In diesen Fällen kann man die Organe nicht zur Transplantation bereithalten". Oft liegt auch gar keine Patientenverfügung vor: "Dann fragt man die Angehörigen, die ja schon den Verlust des Freundes oder des Verwandten verarbeiten müssen. Wenn die Angehörigen aber nicht wissen, wie er sich wahrscheinlich entschieden hätte und nun selber über dessen Organe entscheiden sollen, das überfordert viele. Sie sagen dann vorsichtshalber: Nein!" Diese Entscheidung müsse von den Ärzten respektiert werden und die Organe stünden dann für eine Transplantation nicht zur Verfügung. 

Diskussionspunkt: Organentnahme ohne Zustimmung?

Prof. Settmacher hält es für besser, wenn man die Angehörigen nicht mit einer solchen Entscheidung konfrontieren müsste. Das deutsche Gesetz verlangt aber eine Entscheidung, entweder des Betreffenden selbst oder seiner Angehörigen (Entscheidungsregelung). In vielen Europäischen Ländern ist das anders. Wer dort einer Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widerspricht, ist von Gesetz wegen Spender (Widerspruchsregelung). Das gilt unter anderem bei unseren Nachbarn Österreich und Frankreich, in Portugal und Spanien und in den Niederlanden. Praktisch bedeutet das: In diesen Ländern dürfen Organe auch ohne Zustimmung des Patienten oder seiner Angehörigen entnommen werden, zum Beispiel nach einem tödlichen Unfall.

Auch in Deutschland wird eine solche Regelung immer wieder diskutiert. Der aktuelle Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn will genau diese Regelung umsetzen. Die Soziologin Dr. Larissa Pfaller von der  Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg glaubt nicht, dass das Problem des Organmangels in Deutschland durch Einführung der Widerspruchsregelung wesentlich verbessert würde. "Wenn man die Jahresberichte der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) aufmerksam liest, stellt man fest: Bei fast 70 Prozent der möglichen Organspender wird die Spende auch realisiert. Nur etwa ein Fünftel scheitert an fehlender Zustimmung nach Feststellung des Hirntodes. Die eigentliche große ‚Engstelle‘ für den Organmangel ist, dass nur ein sehr geringer Anteil aller Verstorbenen überhaupt als Organspender in Frage kommt. Der Hirntod ist eben ein extrem seltenes Ereignis. Er wird nur in unter 0,5 % aller Todesfälle festgestellt." Sie ist sich mit vielen Medizinern aber darüber einig, dass die Situation verbessert werden könnte, wenn Organentnahmen in weniger und dafür hoch spezialisierten Kliniken stattfinden würden, denen genügend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 04. April 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2019, 12:33 Uhr