Tabeletten in einem Apfel.
Bildrechte: IMAGO

Ernährung Nahrungsergänzungsmittel: sinnvolle Zusätze oder nutzlose Ausgabe?

Interview mit Prof. Diana Rubin

Viele greifen regelmäßig zu Nahrungsergänzungsmitteln - wie z.B. Zink, Magnesium, Kalzium, Eisen, B-Vitamine oder Omega 3-Kapseln. Doch gerade die unkontrollierte Einnahme kann zur echten Gesundheitsgefahr werden. Das betont Ernährungsmedizinerin Prof. Diana Rubin von den DRK Kliniken Berlin. Im Interview erläutert sie, in welchen Fällen Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind und was man vor der Einnahme beachten sollte.

von Andrea Besser-Seuß

Tabeletten in einem Apfel.
Bildrechte: IMAGO

Frage: Gibt es einen "Trend“, was Nahrungsergänzungsmittel betrifft?

Prof. Diana Rubin: Häufig nehmen gerade ältere Menschen Nahrungsergänzungsmittel ein, die für die Gelenke, also gegen Arthrose, wirksam sein sollen. Das ist ein Trugschluss. Eine  therapeutische Wirkung haben diese Mittel alle nicht. Das dürfen sie auch gar nicht, weil Nahrungsergänzungsmittel wie der Name schon sagt, nur die Nahrung ergänzen sollen, das sind keine Arzneimittel.

Wie kann man Nahrungsergänzungsmittel von Arzneimitteln abgrenzen?

Grundsätzlich werden Arzneimittel nur in Apotheken verkauft und nicht in Drogeriemärkten. Wenn ich in der Drogerie diese Produkte kaufe, handelt es sich um Nahrungsergänzungsmittel. Es steht auch auf den Verpackungen drauf, dass es sich um ein Nahrungsergänzungsmittel handelt. Man muss dazu wissen, dass diese Produkte keiner behördlichen Prüfung unterliegen. Die Verantwortung für die Sicherheit trägt der  Hersteller. Der muss das Produkt nur bei der Behörde anmelden und kann es dann in den Verkehr bringen. Das heißt also: Weder die Sicherheit der Produkte, noch deren Wirksamkeit werden anders als bei Arzneien offiziell überprüft.

Außerdem gibt es  relevante Unterschiede, was die enthaltenen Mengen an Wirkstoffen angeht. Da gibt es viel größere Spielräume bei Nahrungsergänzungsmitteln. Bei Arzneimitteln muss die Dosierung präzise sein, so wie es auf der Packung angegeben ist. Bei Nahrungsergänzungsmitteln darf sich die enthaltene Menge um bis zu 50 (!) Prozent unterscheiden - zu dem, was auf der Packung steht. Die Hersteller geben oft viel größere Mengen an Vitaminen oder Mineralstoffen zu, als für den Tagesbedarf nötig ist. 

Welche Risiken sind damit verbunden?

Da es über Risiken und Nebenwirkungen vom Hersteller keine Informationen geben muss und diese auch häufig nicht bekannt sind, wird der Verbraucher darüber nicht informiert. Beim Arzneimittel hat man einen Beipackzettel. Da kann alles nachgelesen werden und der Apotheker informiert ebenfalls darüber. Bei den Nahrungsergänzungsmitteln ist das nicht so, da liegt dann die Verantwortung beim Verbraucher selbst. Er müsste fragen beim Arzt oder Apotheker, was kann es denn für Wechselwirkungen geben. Oftmals werden diese erst bekannt, nachdem das Produkt auf dem Markt ist und Patienten betroffen sind.

Wie das zum Beispiel bei den als pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel verkauften Goji-Beeren der Fall war. Man hat festgestellt, dass diese Beeren die Wirkung blutverdünnender Medikamente beeinflussen. Betroffene Patienten hatten Blutungen, die Blutungsneigung wurde verstärkt und das ist eine gefährliche Nebenwirkung. Ähnliche Wechselwirkungen sind bei Vitamin K bekannt, auch das wirkt auf die Blutverdünnung und kann bei Patienten mit entsprechenden Vorbelastungen schnell riskant werden.

Pflanzlichen Nahrungsergänzungsmittel sind also auch "nicht ohne"?

Bei pflanzlichen Produkten gilt die gleiche Vorsicht. Oft sind die Wirkstoffe in Pflanzenextrakten hoch konzentriert. Im besten Fall sind pflanzliche Mittel wirkungslos, wie das zum Beispiel bei Gingko gegen Demenz der Fall ist. Im schlimmsten Fall kommt es zu Wechselwirkungen mit anderen Mitteln. In einigen pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln wurden zudem viele Schadstoffe gefunden. Einige wirken in hohen Dosen sogar toxisch. Vorsicht zum Beispiel bei Johanniskraut, das viele gegen Schlafstörungen nehmen. Das kann unkontrolliert eingenommen die Leber schädigen, bis hin zum Leberversagen. Deshalb gilt auch hier: Wer das unbedingt nehmen möchte, vorher Rücksprache mit dem Arzt nehmen und in der Apotheke kaufen!

Achtung: gepanschte Internet–Pillen Besonders warnen Ernährungsmediziner und die Verbraucherzentralen vor dem Kauf von Nahrungsergänzungsmitteln aus dem Internet. Vor allem Schlankheits- und Sportlernahrungsergänzungsmittel sind oft gepanscht. "Hierbei gab es immer wieder gravierende Verstöße, es wurden Substanzen und verbotene Arzneimittel beigemischt, die zu lebensgefährlichen Nebenwirkungen führen können“, sagt Prof. Rubin.

"'Sibutramin"' ist so ein Beispiel, das ist auf dem deutschen Markt verboten. Trotzdem taucht es immer wieder in Schlankheitsmitteln aus Asien auf. Internetprodukte unterliegen quasi überhaupt keiner Kontrolle und werden nicht geprüft". Die Verbraucherzentralen geben im Internet regelmäßig Warnhinweise heraus, welche Produkte betroffen sind.

Wann sind Nahrungsergänzungsmittel überhaupt sinnvoll?

Meiner Meinung nach sind die Produkte überflüssig auf dem Markt. Eine Ergänzung mit Vitaminen und Mineralstoffen ist nur nötig, wenn ein Mangel nachgewiesen ist, der durch Laboranalysen beim Arzt bestätigt wurde. Zur Therapie haben wir dann Arzneimittel, die sind geprüft, die sind sicher - und wir wissen, welche Dosierung da drin ist und die werden dann vom Arzt verordnet.

Es gibt ein paar Ausnahmen: Wenn sich jemand beispielsweise nicht ausgewogen ernährt oder unterernährt ist - das ist manchmal bei Senioren der Fall, die insgesamt zu wenig essen - dort kann dann ein Multivitaminpräparat täglich eingenommen sinnvoll sein. Also bei echten Mangelzuständen kann man durchaus auf Nahrungsergänzungsmittel zurückgreifen.

Nun werden vielleicht viele erschrecken, denn 80 Prozent aller Leute denken, dass sie sich ungenügend ernähren. Es ist aber festgestellt worden, dass die Mehrheit der Deutschen genug Vitamine und Mineralstoffe über unsere normale Nahrung bekommt.

Was ist mit Vitamin D, dem "Sonnenvitamin", davon haben wir Nord- und Mitteleuropäer im Winter zu wenig, oder?

Bei Vitamin D ist die Studienlage unklar. Und selbst wir Mediziner sind uns da nicht immer einig. Klar ist, im Winter sind die Vitamin D-Spiegel niedriger - aber der Körper kann Vitamin D im Fettgewebe speichern. Deshalb sind die Werte, die wir im Blut messen, nicht unbedingt aussagekräftig.

Ich bin auch hier der Meinung, Vitamin D-Präparate sollten nur dann zum Einsatz kommen, wenn ein deutlicher, Mangel nachgewiesen ist. Das kann bei bettlägerigen Patienten oder Senioren im Pflegeheim, die selten rauskommen, der Fall sein. Bei Vitamin D besteht die Gefahr der Überdosierung. Man sollte vorab also immer den Hausarzt konsultieren und auch den Kalziumspiegel bestimmen lassen. Denn Vitamin D beeinflusst die Verwertung von Kalzium.

Frau Rubin, was ist Ihre persönliche Botschaft?

Sie brauchen keine Nahrungsergänzungsmittel, wenn Sie sich ausgewogen ernähren. Wenn Sie doch denken, es wäre notwendig, dann sprechen sie unbedingt vorab mit dem Arzt!

Danke für das Gespräch!

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 04. April 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2019, 12:35 Uhr