Interview Ist eine Gassi-Pflicht für Hund und Halter sinnvoll?

Wie lange muss ich mit meinem Hund Gassi gehen und darf es immer die gleiche Runde sein? Das und mehr will Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner in der Tierschutz-Hundeverordnung festschreiben. Wir haben Tierverhaltenstherapeut Dr. Ronald Lindner gefragt, wie sinnvoll das ist.

Strengere Auflagen für Hundehalter und Züchter

Wer einen Hund hat, soll künftig zweimal täglich für insgesamt mindestens eine Stunde mit ihm raus ins Freie. Außerdem soll die Anbindehaltung verboten werden. Ausnahmen sind für Hunde geplant, die als Arbeitstiere eingesetzt werden.

Das ist ein Teil der Vorschläge von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), für eine überarbeitete Tierschutz-Hundeverordnung. Wir haben Experte Dr. Roland Linder dazu befragt.

Ronald Lindner
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Dr. Ronald Lindner Tierverhaltenstherapeut Dr. Ronald Lindner berät in der Rubrik "fiffi & co. unterwegs" jeden Montag bei MDR um 4 alle Haustierbesitzer. Er ist Kursleiter am Institut für Hund-Mensch-Beziehung Sachsen.

Herr Lindner, für wie sinnvoll halten Sie die neuen Regeln für Hundehalter?

Dr. Ronald Lindner: Das sind alte Ansätze – neu verpackt und zudem bei weitem nicht hinreichend und sachkenntnisgerecht genug, um Tierleid wirklich zu vermeiden. Meine alte Deutschlehrerin hätte gesagt: "Schön geschrieben, aber leider am Thema vorbei
– Note 4!"

Was empfehlen Sie zum Auslauf mit dem Hund?

Qualität vs. Quantität! Der Gassiweg und das, was erlebt wird, sollte vorrangig den Bedürfnissen des Hundes entsprechen.

Hund
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Lassen Sie Ihrem Vierbeiner genügend Zeit für hundetypisches Verhalten. Er wird es Ihnen mit einem ausgeglichenen Wesen danken. Wenn ein Hund keinen regelmäßigen Aus- und Freilauf bekommt, leidet er und wird zunehmend frustriert, reagiert ängstlich oder aggressiv und verlernt schlimmstenfalls jegliches Sozialverhalten.

Könnten mit der Einführung eines solchen Regelwerks Kontrollen durchgeführt werden?

Vielleicht setzt bei dem einen oder anderen Hundebesitzer ein Umdenken ein, indem er seine tägliche Gassirunde tatsächlich erweitert und nicht nur "um den Block" läuft.

Aber wer soll die Vorgabe – mindestens zweimal täglich Gassigehen für insgesamt eine Stunde – kontrollieren? Die Veterinärämter sind heute schon mit der Umsetzung des § 11 TschG, wonach Personen, die gewerblich mit Tieren Umgang haben, ihre Sachkunde nachweisen müssen, mehr als überfordert.

Welche Regeln wären Ihrer Meinung nach nötig?

  1. Generelles Verbot von Zwinger- und Anbindehaltung – ohne Ausnahmen!
  2. Die gesetzmäßige Einführung des bereits 2007 konzipierten Hundeführerscheins D.O.Q. 2.0, indem Hundehalter ihre Sachkunde in Theorie und Praxis nachweisen müssen.
  3. Wirkliche und bundeseinheitlich standardisierte Umsetzung des §11 TschG in Sachen Nachweis und Überprüfung der Sachkunde von Personen, die gewerblich mit Hunden arbeiten. Die LMU München hat hierzu ein standardisiertes Prüfungsverfahren erstellt, welches lediglich von den Ländern und Ämtern bundesweit übernommen werden müsste.

Was empfehlen Sie Hundehaltern auch ohne Gesetzesgrundlage zu beachten?

Das Institut für Hund-Mensch-Beziehungen Sachsen hat zehn Goldene Regeln dazu aufgestellt.

1. Auslauf ist Pflicht

Empfohlen sind zwei Stunden pro Tag Freilauf ohne Leine außerhalb des eigenen Territoriums. Das bringt Bewegung, ermöglicht Erkundung und natürlich Ausscheidung.

2. Stets sozial einbinden

Familie streichelt einen Hund
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Viel gemeinsame Zeit mit Menschen und, wenn möglich, mit einem weiteren Hund im Familienverband ermöglichen und soziale Isolation vermeiden. Dann sind sie motiviert, den Kontakt zu vertrauten Personen und Hunden zu halten und das eigene Verhalten entsprechend dem Verhalten anderer Sozialpartner anzupassen.

3. Kontakte zu Artgenossen ermöglichen

Empfohlen ist mindestens zu zweit in einer Gruppe und täglich freie und vom Menschen unabhängige Kontakte zu Artgenossen zu bekommen, um sicheren Sozialkontakt zu lernen und aufrechtzuerhalten.

4. Abwechslung bieten

Förderlich ist eine wechselnde Umgebung. Der Halter sollte möglichst immer dabei sein. Hunde sollten nie länger vom Familienverband getrennt werden, als dies stressfrei ertragen wird.

5. Kontakte zu Menschen ermöglichen

Der täglich freie Kontakte zu Menschen auch außerhalb der Familie ist empfohlen, um sich mitzuteilen.

6. Vielfältig kommunizieren

Auch unter Berücksichtigung non-verbaler Elemente (Mimik, Gestik und Körpersprache) sollte über multiple Kanäle kommuniziert werden.

7. Immer weiter fördern

Die geistige Auslastung solle durch Förderung des ausgeprägten Lernvermögens erreicht werden.

Labrador bei Agility Kurs
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8. "Rassegerecht" halten

Je nach Veranlagung müssen rasse- und linienspezifischer Besonderheiten berücksichtigt werden.

9. Artgerecht halten

Es ist wichtig, den Hund angemessen zu ernähren, zu pflegen und verhaltensgerecht unterzubringen. Schmerzen, Leiden und Schäden müssen abgewendet werden!

10. Keine positiven Strafen

Absoluter Verzicht auf verbale und physische Gewalt oder deren Androhung!

Julia Klöckners Vorschlag umfasst auch ein Ausstellungsverbot für Hunde, die Qualzuchtmerkmale aufweisen. Was halten Sie davon?

Hier reicht natürlich nicht nur ein Ausstellungsverbot, sondern es sollte schnellstmöglich Zuchtverbote geben. In der Hundezucht steht die Qualzuchtsproblematik an erster Stelle und dies ist keineswegs ein neues Problem, sondern wird bereits seit über 21 Jahren diskutiert!

Qualzucht Heimtiere sind immer wieder Modetrends unterworfen. Für ein bestimmtes Aussehen wird beispielsweise die Nase besonders flach gezüchtet. Das geht meist mit Atemproblemen einher. Andere Züchtungen führen zu Augenproblemen oder nehmen Erbkrankeiten für eine bestimmte Fellfarbe in Kauf.

1999 gab es ein vom Bundeslandwirtschaftsministerium in Auftrag gegebenes Gutachten zur Auslegung des §11b TschG. Das benannte genau die betroffenen Merkmale und die von Qualzucht am stärksten betroffenen Hunderassen.

Portrait eines Mopses
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Diese hätten nach Meinung der Experten sofort mit Zuchtausschluss belegt werden müssen. Allen voran die heute immer noch beliebtesten Rassen französische und englische Bulldogge, Mops und Co, die gleich unter einer Vielzahl von Qualzuchtsmerkmalen lebenslang leiden.

Ich selbst war im Rahmen unserer MDR Reihe "fiffi & co. unterwegs" auf der Internationalen Hundemesse in Leipzig 2017 und war mehr als schockiert über "das züchterische Angebot".

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 02. September 2020 | 17:00 Uhr