Altersvorsorge
Ab Juli werden die Renten um 3,9 Prozent erhöht. Bildrechte: Colourbox

Finanzexperte Wählen gehen für mehr Rente

Im Juli werden die Renten erhöht. Trotzdem seien viele junge Leute verunsichert, wenn es um die Altersvorsorge gehe, sagt Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen. Im Interview mit MDR AKTUELL erklärt er, warum der Staat die private Altersvorsorge strenger reglementieren sollte - und wie die Zukunft der Rente mit der Wahlurne zusammenhängt.

Altersvorsorge
Ab Juli werden die Renten um 3,9 Prozent erhöht. Bildrechte: Colourbox

MDR AKTUELL: Zum 1. Juli werden die Renten erhöht – eigentlich eine gute Nachricht. Aber bedeutet mehr Rente auch mehr Geld auf dem Konto? Einige befürchten jedenfalls, dass Rentner ab Juli mehr Sozialabgaben und Steuern zahlen müssen. Bleibt dadurch weniger Netto übrig?

Hermann-Josef Tenhagen: Die Renten werden ganz deutlich erhöht, um 3,9 Prozent. Das ist eine Menge Geld. Dass am Ende nominal weniger rauskommt, ist völlig unwahrscheinlich. Es kann aber sein, dass man durch die Rentenerhöhung erstmals steuerpflichtig wird. Das liegt daran, dass man Steuern zahlen muss, sobald das Einkommen einen gewissen Freibetrag übersteigt.

Hermann-Josef Tenhagen
Hermann-Josef Tenhagen Bildrechte: Finanztest

Für Rentner wird dieser Freibetrag danach berechnet, wann sie in Rente gegangen sind und wie viel Rente sie damals bekommen haben. Pro Jahr können sie zwischen 13.500 und 18.000 Euro bekommen, ohne dafür Steuern zahlen zu müssen. Wenn sie durch die Rentenerhöhung nun darüber liegen sollten, müssen sie aber nur das versteuern, was sie zusätzlich bekommen haben. Ein Beispiel: Wer vorher 1.000 Euro Rente im Monat hatte und jetzt 1.039, müsste nur 39 Euro versteuern.

Nach einer Studie sind immer weniger junge Menschen dazu bereit, selbst fürs Alter vorzusorgen oder stoßen dabei finanziell an ihre Grenzen. Sie wollen, dass der Staat seine Verantwortung für die Altersvorsorge wahrnimmt. Sollte die Politik diese Forderungen ernst nehmen? Und was raten Sie dem Nachwuchs?

Tatsächlich zahlen weniger junge Leute in die private Altersvorsorge ein, weil sie nicht genug Geld in der Tasche haben. Hinzu kommt, dass sie verunsichert sind, ob das Geld, das sie privat fürs Alter anlegen, sicher ist. Dieses Misstrauen ist nachvollziehbar. Viele Produkte, die angeboten werden, sind schlichtweg zu teuer. Das könnte der Staat zum Beispiel strenger reglementieren. Da ist in den letzten Jahren zu wenig passiert. Dagegen können die jungen Leute vorgehen.

Wähler stecken im Wahlbuero ein Wahlumschlag in eine Wahlurne.
Wer mehr Rente will, muss wählen gehen, sagt Hermann-Josef Tenhagen. Bildrechte: imago/Eibner

Wenn man aber möchte, dass sich der Staat alleine um die Rente kümmert, muss man sich auch Gedanken darüber machen, woher das Geld für diese Aufgabe kommen soll. Es ist nachvollziehbar, zu sagen: "Ich finde die Rente zu kompliziert, ich möchte, dass das System das für mich erledigt". Aber man darf nicht denken, dass man damit vom Haken ist. Dann hängt man am Haken des Systems und muss sich Gedanken darüber machen, wie das Ganze finanziert werden soll. Diese Entscheidung muss man treffen und man trifft sie im Zweifelsfall an der Wahlurne.

Ich würde immer eine Doppelstrategie fahren. Der eine Teil ist, sich zu überlegen, wie man am besten vorsorgen kann, falls sich am System nichts ändert. Das heißt, man sollte die preiswerteste private Altersvorsorge suchen, die einem gescheit erscheint. Für manche Leute ist der Riester-Vertrag besser, für andere die betriebliche Altersvorsorge.

Man darf sich nicht mit den Problemen abfinden.

Hermann-Josef Tenhagen

Aber man darf sich nicht mit den systemischen Problemen abfinden. Das ist der zweite Teil. Das Abgeordnetenbüro für den eigenen Wahlkreis kann man im Internet sofort finden. Und dann muss man den Politikern auf die Füße treten. Wenn genug Leute das machen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es eine Auswirkung hat, gar nicht so klein.

Hat die private Altersvorsorge in Deutschland überhaupt noch eine Chance? Oder brauchen wir ein neues Rentenmodell, wie zum Beispiel in Österreich, wo auch Selbständige und Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen müssen?

Wichtig wäre eine gute Mischung aus gesetzlicher Rente und privater Altersvorsorge. Die gesetzliche Rente in Deutschland ist eine Umlagefinanzierung. Das heißt, ich zahle heute etwas ein und davon bekommen alle Leute, die über 65 sind eine Rente. Das funktioniert ganz gut, aber es gibt natürlich andere Möglichkeiten. In Österreich gibt es fast keine private Altersvorsorge, weil dort auch Selbstständige und Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen.

In Deutschland haben Beamte eine Luxusvorsorge - zumindest gemessen an dem, was ein normaler Arbeitnehmer bekommt. Das muss nicht sein, man könnte sich auch in Deutschland überlegen, es anders zu machen. Aber für all diese Veränderungen braucht man eine gesellschaftliche Mehrheit. Das heißt, man muss an die Wahlurne gehen und das Kreuzchen an der Stelle machen, von der man glaubt, dass diese Partei die Rente so verändern will, wie man sich das selbst vorstellt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. April 2019 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2019, 10:25 Uhr

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38 Kommentare

13.05.2019 12:19 wolfnerin 38

Rentenerhöhung entspricht gleich wieder mehr Abgaben sowie Steuern. Freut man sich mal etwas gute Rente zubekommen wird diese im gleichen Atemzug wieder weniger Grund Steuernzahlen. Die Politiker sollten mal mit wenig Rente und zusätzlichen Abgaben leben wie der kleine " Normalrentner" der sein ganzes Leben die 45 bis 47 Jahre hart gearbeitet hat.

13.05.2019 11:10 winfried zu (36)der Uwe 37

Ihr Beitrag, Klasse !

13.05.2019 09:56 der Uwe 36

@#13 : Auch von mir volle Zustimmung!!! Verdammte Altparteienclique, sie reden von Rentenerhöhung und meinen die dadurch entstehende kalte Progression/ bzw. Schwellwertüberschteitung und die resultierenden Mehreinnahmen durch höheren Steueranteil.Sie reden von Mindestlohn und meinen bei weitem nicht eine höhere Kaufkraft, sondern den höheren mathematischen Steueranteil (Lohnsteuer/ Mehrwertsteuer).Sie reden von CO2 Steuer und meinen nicht etwa Investition in die Umwelt, sondern die Finanzierung immer höherer Diäten und den Dilletantismus bei Bundesinvestitionen ( Bsp. BER) . Sie reden von EUROPA und meinen die Bevormundung der Nationen durch den Zentralismus in Brüssel ( ähnlich Moskau zu Warschauer Pakt bis '90)

13.05.2019 09:42 DiDi 35

Es ist ein schlag ins Gesicht wenn man 48 Jahre gearbeitet hat u.jeden Monat eingezahlt hat .Es sollte erst einmal die gesamten Sozialschmarotzer u.die vorgetäuchten EU Rentner auf den Prüfstand aber auch die faulen Politiker und da gibt es genug und zuviel. Es gab Zeiten wo dies mit asovales Verhalten erst 8 Monaten dann mit 2 Jahre Arbeitslager,nur wird ein Schuh draus

13.05.2019 06:56 Silvia Weeber 34

Unsere Politiker sollen aufhören, ihre finanziellen Lücken mit Geldern aus der Rentenkasse zu schliessen.

13.05.2019 06:41 kleinerfrontkaempfer 33

Danke nochmal an die Genossen der SPD und die Freunde der Grünen für die Einführung der Besteuerung von Renten!
Eure Wertschätzung für die Arbeits- und Lebensleistung von arbeitenden Menschen kann man nicht oft genug würdigen.

13.05.2019 01:23 DER Beobachter @ Auf zum letzten Gefecht 7 32

Ihrem ersten Satz stimme ich gern zu. Aus Ihrem letzten Satz schließe ich, dass Sie kaum französische durchschnittliche Realrentenempfänger kennen...

13.05.2019 00:01 DER Beobachter @ Peter 26 31

Die AfD hat gleich drei Rezepte zur Rentenkatastrophe. Nur kann sie sich intern nicht einigen und hat die "Rezepte" erst entwickelt, als sie erkannte, dass eine erhebliche Wählerschaft ihrer Partei frustrierte Rentner oder frustrierte Rentennahe sind und dabei eher aus dem bildungsfernen=aufstiegsfernen=lohnunterem=rentenunterem Klientel kommen. Sw. ich erkennen kann, kann nichtmal das wohl halbwegs deutsch-sozialste AfD-Rentenmodell von Meuthen halbwegs ertragbare Renten für diese erbringen...

12.05.2019 23:16 DER Beobachter @ Auf zum letzten Gefecht 22 30

Dass "das Engagement" eines Kommunalpolitikers i.d.R. das Sprungbrett (wenn von diesem angestrebt) zur Karriere als BT- oder LT-Abgeordneter oder Ministerialbürokrat ist, lässt sich auch aus o.g. Quellen erfahren und ist die bundesdeutsche Normalität, die man sich auch ohne diese erschließen kann. Meistens beginnt die politische und später durchaus parteipolitische Sozialisierung schon früher. Mal abgesehen von den politisch (hinterbänklerisch) bzw. wirtschaftlich gescheiterten oder vorher politisch schlichtweg desinteressierten oder eher hedonistisch veranlagten AfD-Aufsteigern... Wie gesagt lässt sich das problemlos und unvoreingenommen googeln...

12.05.2019 22:43 DER Beobachter @ Auf zum letzten Gefecht 24 29

Dazu muss man keine SPD-Studien bemühen, die es m.W. dazu nicht mal gibt, m.W. gar keine parteinahe Studie. Aber es gibt gleich drei allein für BT-Abgeordnete völlig frei vom Ruch IRGENDeiner Parteinähe unabhängige Internetquellen (bei Kommunal- und Landespolitikern werden es noch ein paar mehr) über Vereinsengagement v.a. im sozialen, kommunalen, sportlichen usw. Bereich, das neben Zeit eben auch Geld kostet. Diese weisen meine Behauptung durchaus nach. In einer der Quellen ist man sogar verpflichtet bzw. es freigestellt, diese Angaben zu machen. Politiker, die sich in der Tat engagieren, werden keine Scheu haben, das auch zu nennen. Also können Sie sich Ihren hündischen Speichelreflex ersparen.