Gesundheitskarten verschiedener Krankenkassen
Laut eines Gutachtens des Instituts für Gesundheit und Sozialforschung ist jeder zweite Widerspruch auf eine abgelehnte Kur- oder Reha-Leistung erfolgreich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Krankenversicherung Kassen-Tricks bei Patienten-Widerspruch

Die Kritik des Bundesversicherungsamtes war deutlich. Bei der Bearbeitung von Widersprüchen würden gesetzliche Kassen geltende Vorschriften nur unzureichend beachten. Was das konkret bedeutet, hat MDR Aktuell erfragt.

von Niklas Ottersbach, MDR AKTUELL

Gesundheitskarten verschiedener Krankenkassen
Laut eines Gutachtens des Instituts für Gesundheit und Sozialforschung ist jeder zweite Widerspruch auf eine abgelehnte Kur- oder Reha-Leistung erfolgreich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Verschleppen, vernebeln, Druck machen: Das sollen die Taktiken der gesetzlichen Krankenkassen sein, wenn es darum geht, Patienten-Widerspruch zu brechen. Die Kritik kommt vom Bundesversicherungsamt – in einem Schreiben an die Kassen-Chefs. Es geht um Patienten, denen zum Beispiel eine Kur oder Reha verweigert wird und die daraufhin Widerspruch bei der Krankenkasse einlegen.

Krankenkassen verlangen Rücknahme von Widersprüchen bei Patienten

Ein 75-jähriger Rentner mit Rheuma und Arthrose: Duschen im Stehen fällt ihm schwer, bereitet Schmerzen. Bei seiner Kasse hat er einen Dusch-Stuhl beantragt. Die Kasse lehnt ab. Der Mann hat dann mithilfe seiner Kinder einen schriftlichen Widerspruch gegen diese Entscheidung eingelegt.

Und dann begann eine Kommunikationsoffensive der Kasse, sagt Thorben Krumwiede von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland. "Er hat dann ein Schreiben der Krankenkasse bekommen, dass sein Widerspruch keine Aussicht auf Erfolg hat. Und am Ende des Briefs wird ihm eine Frist gesetzt, innerhalb derer er den Widerspruch zurücknehmen soll. Parallel dazu hatte die Krankenkasse mehrfach versucht anzurufen und ihm gesagt, dass diesem Widerspruch nicht entsprochen wird und er den doch einfach zurücknehmen soll."

Jeder zweite Widerspruch ist erfolgreich

Der Rat von Thorben Krumwiede: Nicht darauf eingehen. Denn widerspricht ein Patient einem Kassen-Ablehnungsbescheid, kommt ein Ausschuss zusammen und entscheidet erneut über den Fall. Danach bleibt immer noch der Weg vors Sozialgericht, das im Erfolgsfall die Kosten trägt. All das bleibt Patienten verschlossen, wenn Sie auf Bitte der Kasse den Widerspruch zurückziehen.

Dass es sich lohnt, nicht kleinbeizugeben, zeigt ein Gutachten des Instituts für Gesundheit und Sozialforschung. Demnach ist jeder zweite Widerspruch auf eine abgelehnte Kur- oder Reha-Leistung erfolgreich. Lohnt es sich also auch für die Krankenkassen, Patienten-Widersprüche zu verhindern? Auf MDR AKTUELL-Nachfrage möchte sich der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen dazu nicht äußern.

CDU-Politiker Unbehaun sieht Beratungsnotlage

Udo Unbehaun betreibt ein Pflegeheim für Demenzkranke in Merseburg und er sitzt als CDU-Politiker im Wirtschaftsrat in Sachsen-Anhalt. Er sieht eine Beratungsnotlage und ein falsches Rollenverständnis bei den Kassen.

Der Hilfesuchende, der hat den Rechtsanspruch. Die Krankenkasse ist ja nur der Sachwalter. Und dann kommen in der Regel oft Krankenkassen in eine Interessenkollision und glauben, es ist ihr Geld. Und hier versucht man über Verwaltungstricks, die Leute um ihre Rechte zu prellen.

Udo Unbehaun Pflegeheimbetreiber

Helfen könnte zumindest schon mal eine Pflicht zum Bericht: Denn bislang ist nicht bekannt, wie oft die Kassen den Dusch-Stuhl, den Treppenlift oder die alternative Krebstherapie bewilligen oder ablehnen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Juli 2018 | 08:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2018, 10:27 Uhr

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3 Kommentare

13.07.2018 12:24 Max W. - ja, nee, iss klar... 3

Dahinter steckt ein PRINZIP. Und dieses Prinzip ist ganz dasselbe, dass die Grundlage für die Privatisierung des "Gesundheitswesens" darstellt. Es trägt ganz schlicht die Namen "Markt" und "Profit".

Alles Weitere folgt daraus zwnagsläufig und ist auch an anderen gesellschaftlichen Orten zu beobachten. Und wir wollen nicht vergessen, WER diese Sache mit voller Absicht installiert und zu verantworten hat: Die "SPD" bzw. das, was sich seit ein paar Jahren noch so nennt.

12.07.2018 13:36 Pfingstrose 2

So wie die KK arbeiten, arbeiten auch die öffentlichen Einrichtungen. Wie oft erhalten Bürger von öffentlichen Stellen, die Aufforderung bei Anträgen ihre Unterlagen in Kopie einzureichen. Jedoch kommen diese Unterlagen in den Einrichtungen seltsamer Weise nicht an oder sind angeblich bei der entsprechenden MA nicht in der Mappe vorhanden, sodass die Antragsteller gezwungen sind, noch einmal die gleiche Prozedur zu durchlaufen und ein zweites oder drittes Mal die Unterlagen ab zu kopieren und einzureichen. Diesen Kostenaufwand wird von Seiten dieser Schreibtischtäter nicht berücksichtigt. Kennen Sie dies nicht schon? Da in diesen öffentlichen Einrichtungen mächtig unsachgemäß mit den Unterlagen der Betroffenen umgegangen wird und die Angestellten sich nicht in der Lage sehen ihre Aufgaben und Hausaufgaben zu verrichten, kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Antragstellern und Angestellten. Immerhin sollten sie bedenken, diese Schreibtischtäter werdevon den Steuergeldern bezahlt

12.07.2018 09:46 Angela Milker 1

Diese Praxis der KK habe ich im vorigen Jahr selbst am eigenen Leib erleben müssen. Ging um für mich wirklich ganz wichtige Hilfsmittel. In einem Fall um dringend benötigte orthopädische Schuhe und dann auch um eine Neuversorgung mit einem speziellen Rollator. Diesen habe ich mir nach Ablehnung mit Widerspruch erkämpfen müssen. Über die Schuhe sollte der MdK entscheiden. Aber in diesem Fall hat mir mein Schuster zur Seite gestanden. So fanden dann letztendlich beide Sachen für mich doch noch ein glückliches Ende. - Also wirklich nicht auf die Versuche der KK eingehen, sondern sich sofort Hilfe und Unter- stützung zur Wahrung seiner Verordnungen suchen und nutzen. -" Wer kämpft, der kann verlieren. Wer nicht kämpft, der hat schon vorher verloren. "