Blick in das vollautomatische Medikamentenlager einer Apotheke
Das gewohnte Bild in einer Apotheke: Regale, voll mit Medikamenten. Dabei kommt es mittlerweile immer häufiger zu Engpässen. Bildrechte: dpa

Medikamentenversorgung Arzneimittelknappheit: Forscher fordern Sanktionen für Pharmabranche

Jahrelang hat sich die Medikamentenknappheit zugespitzt, mittlerweile sind die Mahnrufe der Apotheker nicht mehr zu überhören. Und die Politik will handeln. Ohne Sanktionen für die Pharmabranche wird es wohl nicht gehen.

von Kristin Hansen, Diana Schade & Ole Steffen

Blick in das vollautomatische Medikamentenlager einer Apotheke
Das gewohnte Bild in einer Apotheke: Regale, voll mit Medikamenten. Dabei kommt es mittlerweile immer häufiger zu Engpässen. Bildrechte: dpa

Im Zuge der Debatte um Medikamentenengpässe fordert der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske Sanktionen für die Pharmaindustrie. Auf Nachfrage des MDR-Magazins "Hauptsache Gesund" sagte Glaeske, dass klare Regeln fehlten, um Medikamentenengpässen entgegenzuwirken. Die Umsetzung von solchen Regeln würde zudem "nur dann funktionieren, wenn auch Sanktionen ausgesprochen werden", erklärt Glaeske weiter.

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister,
Gesundheitsminister jens Spahn hat fünf Maßnahmen gegen Medikamentenengpässe aufgestellt. Bildrechte: dpa

Eines der Grundprobleme liege bei der Umsatz- und Profitorientierung der Pharmaindustrie. Der Wissenschaftler von der Universität Bremen sieht in der Produktion von Arzneimitteln in Billiglohnländern "eine neue Form des Kolonialismus." Die pharmazeutischen Unternehmer seien verantwortlich für die gute Qualität und die ausreichende Bevorratung sowie für die rechtzeitige Lieferung aus Ländern wie Indien oder China, erläutert der Wissenschaftler.

Auch Thilo Bertsche vom Institut für Pharmazie an der Universität Leipzig sieht das so. Er betont, dass die jetzt diskutierten Maßnahmen einen Schritt in die richtige Richtung darstellten. Sie gingen aber beispielsweise noch nicht so weit, dass Anbieter mit ganz empfindlichen Sanktionen rechnen müssten, falls sie nicht lieferfähig sind.

Sanktionen könnten aber nicht im Interesse der pharmazeutischen Unternehmen und des Großhandels liegen, erklärt Bertsche weiter. Er hoffe daher, dass die Vorschläge von Bundesgesundheitsminister Spahn sichtbare Erfolge bringen.

Spahn stellt fünf Maßnahmen vor

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will dafür sorgen, dass Patienten nicht mehr auf Arzneimittel warten müssen. Das ist das Ziel mehrerer Gesetzesinitiativen, die in der Koalition aktuell besprochen werden. Dazu hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärt:

Patienten erwarten zu Recht, dass sie dringend notwendige Medikamente unverzüglich bekommen. Das ist momentan leider zu häufig nicht der Fall.

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Laut Spahn sei Arzneimittelversorgung aber eine Grundversorgung, bei welcher der Staat funktionieren müsse. Seine fünf Maßnahmen zur Bekämpfung von Lieferengpässen von Medikamenten sind demnach folgende:

Meldepflicht: "Pharmazeutische Unternehmen und Großhändler werden verpflichtet, zu versorgungsrelevanten Arzneimitteln Informationen zu Lagerbeständen, Warenflüssen und drohenden Lieferengpässen an die Bundesoberbehörden zu melden. So kann die Versorgungslage kontinuierlich eingeschätzt werden und der Bund erhält einen Überblick, wo es bei drohenden Lieferengpässen noch Restbestände von Medikamenten gibt."

Lagerhaltung: "Um Lieferengpässe zu vermeiden, sollen die Bundesoberbehörden Unternehmen und Großhändlern für kritische Arzneimittel Vorgaben zur Lagerhaltung machen können."

Kennzeichnung: "Arzneimittel, die in Deutschland abgegeben werden, müssen in deutscher Sprache gekennzeichnet sein. Im Ausnahmefall dürfen künftig auch Medikamente eingesetzt werden, die in ausländischer Sprache gekennzeichnet sind, sofern die Anwendung direkt vom Arzt am Patienten erfolgt."

Rabattausnahme: "Heute verpflichten Rabattverträge die Apotheken, besonders preisgünstige Medikamente abzugeben. Sollten diese rabattierten Medikamente in der Apotheke nicht zur Verfügung stehen, sollen Apotheker künftig nach Ablauf von 24 Stunden auch alternative Arzneimittel abgeben dürfen."

Beirat: "Die Versorgungsrelevanz von Arzneimitteln sowie Lieferengpässe und mögliche Reaktionen soll künftig ein Beirat beim Bundesministerium für Arzneimittel und Medizinprodukte bewerten. Dieser Beirat besteht aus Vertretern von Fachgesellschaften, Apothekerverbänden, Arzneimittelkommission und Pharmaunternehmen."

Deutscher Apothekerverband für mehr Transparenz

Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung des Deutschen Apothekerverbands, betonte im Gespräch mit "Hauptsache Gesund", dass solche Forderungen von Apothekerseite bereits seit Jahren auf dem Tisch lägen.

Arzneimittel sind keine einfachen Waren des täglichen Bedarfs, sondern lebensrettende und lebenserhaltende, besondere Güter der Daseinsvorsorge.

Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung des deutschen Apothekerverbands

Darauf hätten Politik und Krankenkassen bislang viel zu wenig Rücksicht genommen, beklagt Schmidt. Gerade Lieferengpässe würden für 60 Prozent der Apotheken einen erheblichen Mehraufwand bedeuten. Neun von zehn Apotheken betonen laut Schmidt, dass Lieferengpässe ihr größtes Ärgernis seien.

Insofern stellt auch Friedemann Schmidt Pläne zur Vermeidung von Medikamentenengpässen vor. Dabei gehe es ihm um vier Punkte:

  1. Mehr Transparenz: "Lieferengpässe müssen von den Herstellern schneller bekannt gegeben werden. Sämtliche Akteure müssen in ein zentrales Informationssystem eingebunden werden."
  2. Mehr Auswahl: "Krankenkassen müssen Rabattverträge mit mehreren Herstellern abschließen. In der Apotheke muss der Austausch eines verfügbaren Medikaments leichter möglich sein."
  3. Weniger Exporte: "Exporte versorgungsrelevanter Fertigarzneimittel, bei denen Knappheit herrscht oder zumindest droht, sollten gesetzlich untersagt werden."
  4. Mehr Standorte: "Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, damit die Wirkstoffproduktion wieder stärker in Europa stattfindet und entsprechende Qualitätsstandards eingehalten werden."

Mitteldeutsche Kliniken beklagen Engpässe

Auf Nachfrage von "Hauptsache Gesund" berichtet das Klinikum Chemnitz, dass die Situation sich in den vergangenen fünf Jahren besonders verschärft habe. Ein bis zwei Mitarbeiter der Zentralapotheke des Klinikums Chemnitz seien dadurch gebunden, Lösungen für Lieferunfähigkeiten von Medikamenten zu finden. Aktuell sei die Lage bei den onkologischen Arzneimitteln und bei den Narkosemitteln am schwierigsten.

Friedemann Schmidt, 2014
Als Präsident des deutschen Apothekerverbands kritisiert Friedemann Schmidt die Politik und die Krankenkassen. Bildrechte: dpa

Auch vom Universitätsklinikum Leipzig werden ein hoher organisatorischer Aufwand und eine logistische Mehrbelastung beschrieben. Gerade in diesem Jahr habe die Anzahl an nicht lieferfähigen Produkten stark zugenommen. Dabei gehe es aktuell unter anderem um Narkosemittel, Blutdrucksenker oder onkologische Arzneimittel.

Auch bei der Helios Klinik in Erfurt seien Medikamentenengpässe seit Jahren ein Thema. Bislang sei es jedoch immer gelungen, Lieferprobleme auszugleichen. Man setze bei vielen Medikamenten auf zwei Lieferanten, um nicht vollständig von einem abhängig zu sein. Außerdem habe man bei kritischen Präparaten den Lagerbestand massiv erhöht.

Das SRH-Wald Klinikum in Gera beklagt "einen bedrohlichen Lieferengpass". Dabei gehe es vor allem um das Narkosemittel Propofol. "Da in Deutschland einer von zwei Anbietern ausgefallen ist, entstand ein absoluter Mangel, den die betroffenen Kliniken empfindlich spüren", so Manuela Pertsch, Chefapothekerin des Klinikums. Das liege daran, dass Alternativen zu Propofol weniger gut steuerbar seien. "Eine Umstellung auf andere Präparate führt zum Beispiel zu verlängerten Aufwachzeiten der Patienten, oder es müssen neue Geräte für Alternativverfahren angeschafft werden", sagt Pertsch. Pro Jahr manage das Krankenhaus über 500 Arzneimittel-Lieferengpässe. Das gefährde die Therapiesicherheit für die Patienten massiv. Im Bereich der Apotheke sei mindestens eine Vollkraft nur für Lieferengpässe zuständig.

Das Städtische Klinikum Dresden müsse feststellen, "dass eine vollumfängliche Vorbereitung auf drohende Engpässe nicht möglich ist". Wenn ein Medikament wieder verfügbar sei, bestehe für ein anderes ein Lieferengpass – die Liste nicht verfügbarer Medikamente variiere in Dresden täglich.

"Patienten sind verunsichert"

Der Patientenbeauftragte des Deutschen Apothekerverbandes, Berend Groenewald, sagte "Hauptsache Gesund", dass die Patienten durch den Medikamentenengpass extrem verunsichert seien. "Der Patient leidet, weil in dem System nur das Geld zählt", erzählt Groenewald weiter und ergänzt: "Wir als Apotheker können unsere Arbeit nicht mehr ordentlich durchführen und leiden mit unseren Patienten, weil wir sie nicht so versorgen können, wie wir es gerne möchten."

Auch Groenewald nehme wahr, dass sich in den letzten zwei Jahren die Lage zugespitzt habe. Das liege auch daran, dass der deutsche Markt von externer Produktion abhängig sei. In Deutschland gebe es in der Pharmaindustrie zwar Innovation und Forschung, Produktion und Herstellung finde vor Ort aber nur minimal statt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. November 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. November 2019, 15:59 Uhr

5 Kommentare

kennemich vor 2 Wochen

Ich liebe es wenn man so vieles was mal in Deutschland produziert wurde ins Ausland verlegt um wohl für wen mehr zu bekommen ?

Dann bezahlen wir, weil es dort billiger produziert wurde auch den gleichen Preis, als wenn es hier produziert wurde oder noch mehr ?

Nennt sich habe ich mal gehört, Marktwirtschaft !!!

part vor 2 Wochen

Es sollte doch wohl eher lauten: es wird über Sanktiönchen nachgedacht, denn keiner aus dem Kreis der Lobbyvertreter dürfte wohl auch nur im Traum daran denken der Pharmaindustrie ihre Gewinnaussichten beschneiden zu wollen. Was folgt wenn eine Ware der Knappheit unterliegt, kann sich jeder selbst ausrechnen. Ob Börsenspekulation oder Manipulation in den Warenströmen, den Preisanstieg wird die Solidargemeinschaft bezahlen müssen.

MDR-Team vor 2 Wochen

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