Reiserecht in der Coronalage Heimatort wird zum Risikogebiet - Kann die Urlaubsreise kostenlos storniert werden?

Immer mehr Regionen in Deutschland werden zum Corona-Risikogebiet. Wann kann eine Reise storniert werden? Wer trägt die Kosten? Wir haben Claudia Neumerkel von der Verbraucherschutzzentrale Sachsen dazu befragt.

Aufdruck 'Risikogebiet' auf Holzstempel
Für Reisende aus innerdeutschen Corona-Risikogebieten gelten in einigen Regionen Beherbungsverbote. Bildrechte: Colourbox.de

Kann ich eine gebuchte Inlandsreise kostenfrei stornieren, wenn Heimatort oder Urlaubsziel zum Corona-Risikogebiet erklärt werden?

Claudia Neumerkel: Hier muss zwischen Individual- und Pauschalreisen unterschieden werden. Wer eine Pauschalreise gebucht hat, dessen Ziel nun in einem Risikogebiet liegt, kann den Vertrag kostenfrei stornieren. Hier gilt unserer Auffassung nach nichts anderes als bei Reisen ins Ausland. Wenn sie aus einem Risikogebiet kommen und generell nicht einreisen dürfen oder vom Hotel auch nicht aufgenommen werden, haben Sie als Kunde ebenfalls das Recht, kostenfrei zu stornieren. Dasselbe sollte bei der mehrheitlichen Anzahl von Fällen gelten, wo Tests und oder Quarantänepflichten bestehen. Hier ist von erheblichen Beeinträchtigungen der Reise auszugehen: Bis ein Testergebnis vorliegt, können mehrere Tage vergehen. Auch die Wirtschaftlichkeit von Testkosten gegenüber den Reisekosten kann eine Rolle spielen. Wenn aber der Veranstalter oder auch das Bundesland die Kosten der Tests übernehmen möchten und keine weiteren Quarantänepflichten hinzu kommen, kommt der Reisende nicht ohne Weiteres kostenfrei aus dem Pauschalreisevertrag heraus.

Reiseexpertin Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale Sachsen
Reiseexpertin Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale Sachsen Bildrechte: privat

Bei Individualreisen, also Beherbergungsbetrieben mit Hotel oder Vermieter kann ich als Reisender nur ohne großen Verlust, die Reißleine ziehenwenn ich gar nicht anreisen darf, beziehungsweise der Vermieter mich in keinem Fall beherbergen darf. Sehr viel komplizierter ist allerdings die Lage bei Individualreisen mit Test- oder Quarantänepflichten. Da sind viele Fragen rechtlich noch nicht abschließend geklärt. Diese Situation gab es so noch nicht. Hier läuft juristisch vieles auf die sogenannte Vertragsanpassung hinaus. Hier müssten dann eine Verschiebung der Reise mit entsprechender Gutschrift oder eine Rückzahlung in Betracht gezogen werden. Gast und Vermieter sollten miteinander sprechen, um eine einvernehmliche Regelung zu treffen.

Gilt in einer Region ein Beherbungsverbot, zählt das reiserechtlich auch als "höhere Gewalt"?

Weder Kunde noch Reiseveranstalter haben das Beherbergungsverbot in der Hand. Die behördliche Auflagen und Anordnungen werden von der jeweiligen Landesregierung verhängt. Das ist keine Form von höherer Gewalt, wie wir sie kennen. Aber es kann durchaus sein, dass dies künftig auch darunter fällt. Hier wird sich zeigen, wie die Gerichte urteilen werden.

Wie lange wird die Rechtsunsicherheit hier anhalten?

Wir gehen davon aus, dass dies nur strittige Fälle betrifft, für die bereits Buchungen vorliegen. Verträge für Reisen, die künftig gebucht werden, sollten mit kurzfristigen Stornobedingungen ausgestattet sein. Und dann hätte der Kunde immer die Möglichkeit, die Reise kurzfristig zurückzuziehen.

Ein Mann (Hotelier) schaut verärgert in die Kamera, im Hintergrund sind zwei Hotelgebäude zu sehen. 10 min
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Umschau Di 20.10.2020 20:15Uhr 10:28 min

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Was raten Sie Kunden, die eine Reise buchen wollen?

Wer jetzt eine Reise buchen möchte, sollten auf jeden Fall schauen, wie die Stornobedingungen des jeweiligen Vermieter oder Hoteliers aussehen. Viele Vermieter geben bereits auf die Coronalage angepasste Stornobedingungen heraus - sodass der Kunde die Möglichkeit hat, kurzfristig aus dem Vertrag auszusteigen. Aber es gibt auch noch eine Vielzahl von Hotels oder Reiseveranstalter, die können sich das nicht leisten können. Dann bleibt der Kunde im Zweifelsfall auf den Kosten sitzen. Man sollte schauen, ob man die Reise nur über ein Vermittlungsportal oder gleich direkt bei dem Veranstalter buchen kann. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, wenn ein Vermittler mit eingeschalten wird, wird die Kommunikation viel komplizierter und damit die Erfolgsaussichten auf eine Rückzahlung. Daher sollte man direkt beim Veranstalter buchen und auch schauen, dass eine möglichst kurzfristige Stornomöglichkeit im Vertrag eingeräumt wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 20. Oktober 2020 | 20:15 Uhr