E-Scooter in Mitteldeutschland Viele Alkoholverstöße und Unfälle mit E-Rollern

Seit einem halben Jahr sind E-Scooter auf Deutschlands Straßen zugelassen. In den drei mitteldeutschen Städten Erfurt, Dresden und Halle gibt es Verleihsysteme – und viele, teils schwere Unfälle. Oft spielt Alkohol eine Rolle.

Ein E-Roller liegt in Erfurt in der Gera.
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Lautlos rollen sie durch die Innenstadt: Seit dem Sommer sind die sogenannten E-Scooter in Deutschland offiziell erlaubt und werden gerne genutzt. Bei den Verleihsystemen haben Smartphone-Besitzer den "Schlüssel" für die Roller bereits in der Tasche: App runterladen, anmelden, Roller freischalten und die Fahrt kann losgehen. In Mitteldeutschland bieten Verleihfirmen seit dem Sommer Elektro-Tretroller in Dresden und Erfurt an – hier gehören sie bereits zum Stadtbild. In Halle können Einwohner und Touristen das Fahren mit E-Scootern seit Mitte Dezember ausprobieren. Bis Frühjahr 2020 läuft zunächst auf fünf Quadratkilometern in der Innenstadt der Testbetrieb mit einem Verleih-Unternehmen.

Größtes Problem: Alkohol

Seit der Einführung der E-Scooter in Dresden und Erfurt schnellten die Ordnungswidrigkeiten und Ermittlungsverfahren in den beiden Landeshauptstädten in die Höhe. Besonders problematisch: Viele Fahrer und Fahrerinnen waren alkoholisiert unterwegs. Für das Fahren mit den Elektrorollern gelten aber die gleichen Promillegrenzen wie beim Autofahren: Mit mehr als 0,5 Promille darf niemand auf einen E-Scooter steigen.

E-Roller auf der Könneritzstraße in Dresden.
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Allein in Dresden zählte die Polizeidirektion jedoch zwischen August und Oktober 217 Fälle, in denen E-Roller unter Alkoholeinfluss gefahren wurden. In 121 Fällen seien die Personen so betrunken gewesen, dass die Beamten ein Ermittlungsverfahren eingeleitet haben.

Die Erfurter Polizei meldete knapp 170 Fälle bis Dezember, in denen rollerfahrende Personen alkoholisiert unterwegs waren. Mit 90 Fällen liegt etwas mehr als Hälfte davon mit über 1,1 Promille im Straftatenbereich. Außerdem konnten die Beamten hier bei 16 Menschen das Fahren unter Drogeneinfluss nachweisen.

E-Roller sorgen für Großteil der Alkoholdelikte im Straßenverkehr

E-Roller in Erfurt
E-Roller in Erfurt Bildrechte: imago images / pictureteam

In den Landeshauptstädten sind die E-Roller-Fahrer und -Fahrerinnen somit für einen großen Teil der Alkoholverstöße verantwortlich. "Man kann sagen, dass E-Scooter vor allem in Sachen Alkohol klar Spitzenreiter sind. Wenn man davon ausgeht, dass Tausende Pkw im Stadtgebiet unterwegs sind und nur 150 bis 200 mietbare E-Scooter in Betrieb sind, ist die Zahl der Alkoholdelikte beträchtlich", sagte Judith Schnuphase von der Landespolizeidirektion Erfurt der MDR-Wirtschaftsredaktion.

In Dresden seien E-Roller aktuell für mehr als die Hälfte aller Alkoholverstöße im Straßenverkehr verantwortlich. Mittlerweile warnt die Polizei Dresden vor einer zu sorglosen Nutzung von E-Rollern: "Wir haben den Eindruck, dass vielen Nutzern von E-Scootern offenbar nicht klar ist, dass E-Roller rechtlich betrachtet Kraftfahrzeuge sind – mit allen Konsequenzen.", sagte der Dresdner Polizeisprecher Thomas Geithner. Dies könne für die Einzelnen gravierende Folgen haben, wie Führerscheinentzug, Vorstrafe und sogar den Verlust des Arbeitsplatzes.

E-Roller-Unfälle mit teils schweren Verletzungen

Wer ohne Schutz und unaufmerksam mit den Rollern unterwegs ist, riskiert außerdem seine Gesundheit, wie beispielwese die Unfallstatistik in Dresden zeigt. So spricht die Stadt auf Nachfrage von 26 Verkehrsunfällen unter Beteiligung von E-Scootern – 14 Mal in Zusammenhang mit Alkohol. Laut Polizei wurden dabei sechs Menschen schwer und 14 leicht verletzt. In Erfurt sind vier Unfälle mit Personenschaden polizeilich registriert worden. In drei Fällen seien die Beteiligten schwer verletzt worden, in einem leicht. Bei drei Unfällen war nach Polizeiangaben Alkohol im Spiel. Bei einem Rollerfahrer seien 2,54 Promille Alkohol gemessen worden.

Unfallchirurgen sehen anfängliche Warnungen bestätigt

Skalpell
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Sachverständige aus der Unfallchirurgie hatten schon vor der Einführung der E-Roller vor dem Unfall- und Verletzungsrisiko gewarnt. Dr. Christoph Spering von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie sieht sich bestätigt – obwohl es offiziell noch keine belastbaren Zahlen gibt: "Ich beziehe mich da auf eine gefühlte Bilanz aus meiner alltäglichen Arbeit. Und die zeigt: Vor allem in den großen Städten hat sich das Risiko für Fahrer und Fußgänger bestätigt." Der Unfallchirurg sieht bereits in der Konstruktion der Roller die Gefahr: kleine Räder, kleiner Lenker und ein schmales Trittbrett. Das Gefährt bietet keine Knautschzone und sobald ein Auto oder ein Lkw in einen Unfall involviert sei, stiegen das Verletzungsrisiko und die Schwere der Verletzungen enorm. Von einem Verbot der neuen Gefährte hält der Unfallchirurg dennoch nichts: "Wir hinterfragen vielmehr die aktuellen Regeln und plädieren dafür, dass die Politik Fachverbände wie die Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie vor der Einführung neuer Verkehrsmittel frühzeitig mit einbezieht."

Anbieter prüfen Zusammenarbeit mit weiteren Städten

Ein Frau fährt auf einem E-Tretroller auf einem Fahrradweg.
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Die Unternehmen Voi und Lime, die ihre Elektroroller in Erfurt und Dresden zum Verleih anbieten, ziehen ein positives Fazit nach den ersten Monaten. Die Nachfrage nach den E-Scootern habe sich stetig erhöht. Neben den beiden Firmen bestätigen auch deren Konkurrenten auf Nachfrage, in Gesprächen mit weiteren mitteldeutschen Städten zu sein. Vor allem Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern sind für die Elektroroller-Verleiher interessant – rein rechnerisch gesehen könnte es danach auch in Leipzig, Chemnitz, Magdeburg und Jena künftig E-Roller zum Leihen geben. "Wir stehen im engen Kontakt mit Städten und Behörden, um gemeinsam über Vorschriften und Infrastruktur für E-Scooter nachzudenken, bevor wir in einer Stadt neu starten. Gerade mit Blick auf Sachsen müssen sich Städte dementsprechend erst sondieren und eine regulierte Umgebung schaffen.", sagte Claus Unterkircher, General Manager für den DACH-Raum von VOI.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 10. September 2019 | 20:15 Uhr