Illustration -  Kinder-Wechselmodell nach Scheidung
Zwei Elternhäuser, zwei Kinderzimmer - das Wechselmodell, ein Leben zwischen Aus- und Einpacken? Bildrechte: Colourbox.de

Familienrecht Experten uneins über Wechselmodell

In einigen europäischen Ländern ist das Wechselmodell als Regelung zur Betreuung gemeinsamer Kinder bereits der gesetzliche Regelfall. In Deutschland hat sich der Rechtsausschuss im Bundestag nun dagegen ausgesprochen.

von Ole Steffen

Illustration -  Kinder-Wechselmodell nach Scheidung
Zwei Elternhäuser, zwei Kinderzimmer - das Wechselmodell, ein Leben zwischen Aus- und Einpacken? Bildrechte: Colourbox.de

Nachdem der Rechtsauschuss des Bundestages sich vergangene Woche mehrheitlich gegen das Wechselmodell ausgesprochen hat, sorgt die Debatte darüber weiterhin für Uneinigkeit unter Experten. Josef Linsler vom Interessenverband Unterhalt und Familienrecht (ISUV) fungierte als Experte im Ausschuss. Für ihn sei die Entscheidung vorhersehbar gewesen, aber dennoch bleibe sie fragwürdig. Das primäre Argument für das Wechselmodell ist seiner Meinung nach, dass die Kinder keinen Elternteil verlieren. Linsler sagte dem MDR Magazin "Umschau", dass sein Verband das Modell für sozial notwendig halte. "Die Forderung nach dem Wechselmodell bleibt. In anderen Ländern wird es bereits praktiziert. Wir wollen weiterhin Überzeugungsarbeit leisten. Wir wollen andere Fraktionen dafür begeistern."

Ganz anders sieht das Jörg Maywald. Er ist Soziologe, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind und Sprecher der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland.

"Wir sollten es Kindern nicht zumuten"

Er sagt zum Wechselmodell: "Das ist eine Erwachsenenvorstellung, genauso wie die Güter geteilt werden, so soll jetzt das Kind geteilt werden. Hier ohne Ansehen des Einzelfalles ein Kind zwischen zwei Orten und zwischen zwei Lebenswelten aufzuteilen, ist nicht kindgerecht. Kein Erwachsener würde sich das zumuten. Wir sollten es auch Kindern nicht zumuten", fordert Maywald im Gespräch mit dem MDR-Magazin "Umschau".

Die Verfahrensbeiständin am Gericht, Carola Wilcke, berichtet der "Umschau" von einem Fall aus Görlitz, wo Kleinkinder im Rahmen des Wechselmodells erhebliche Distanzen zurücklegen müssten. Demnach müsse ein Kind 700 km bis an die andere Landesgrenze Deutschlands wechseln und zwei Kindergärten besuchen. Sie empfinde das als "vollkommen übertrieben".

Laut Sächsischem Staatsministerium für Justiz liegen keine Zahlen vor, wie viele Familien das Wechselmodell im Freistaat leben. Die Praxis zeige jedoch, dass das Modell eine gute Kommunikationsfähigkeit der Eltern voraussetze und deshalb in der Regel außerhalb von Gerichtsverfahren vereinbart würde.

Wechselmodell nur unter bestimmten Bedingungen

Neben einer gelungenen Kommunikation nennt der Soziologe Jörg Maywald weitere Bedingungen, unter denen ein Wechselmodell eine gute Lösung sein kann:

  • "Die Betreuungsregelungen vor und nach der Trennung sind weitgehend ähnlich (Kontinuitätsprinzip).
  • Das Kind hat Bindungen an beide und positive Beziehungen zu beiden Elternteilen.
  • Der (hinterfragte) Wille des Kindes wird altersangemessen berücksichtigt.
  • Die Wohnorte der Eltern liegen nicht weit voneinander entfernt, so dass Kita bzw. Schule und andere soziale Kontakte beibehalten werden können.
  • Die Eltern sind bereit und in der Lage, sich auf verändernde Bedürfnisse des Kindes einzustellen.
  • Zwischen den Eltern besteht ein Mindestmaß an Übereinstimmung, ein niedriges Konfliktpotential und ausreichend Kooperation.“

Grundsätzlich ist auch für Josef Linsler vom ISUV eine Bedingung für das Wechselmodell, dass die Haushalte der Eltern nahe zusammenliegen und die Eltern hinter der Entscheidung stehen müssen. "Dann entsteht für die Kinder kein Stress. Die richtige Kommunikation ist wichtig", so Linsler weiter.

Wechselmodell auf europäischer Ebene

Die Parlamentarische Versammlung des Europarats hat am 2. Oktober 2015 die Resolution 2079 einstimmig verabschiedet, mit der sie alle Mitgliedstaaten auffordert, die Doppelresidenz, also das Wechselmodell, als bevorzugtes anzunehmendes Modell im Gesetz zu verankern. Diese Resolution verpflichte die Bundesrepublik Deutschland jedoch nicht dazu, das Wechselmodell als Regelfall der elterlichen Betreuung gesetzlich einzuführen, heißt es vom wissenschaftlichen Dienst des Bundestages. "Denn bei den Resolutionen des Europarats handelt es sich nicht um rechtsverbindliche Beschlüsse, die die Mitgliedstaaten zur Umsetzung zwingen, sondern lediglich um politische Beschlüsse."

Nachdem bereits im März 2018 im Bundestag über das Wechselmodell debattiert wurde, hat der Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz nun eine Beschlussempfehlung vorgelegt. Demnach soll das Wechselmodell in Deutschland nicht zum Regelfall werden. Dagegen ausgesprochen hatten sich alle Parteien außer der FDP, die den Antrag gestellt hatte. In Deutschland ist die überwiegend praktizierte Regel, wenn Eltern sich trennen, das Residenzmodell. Die Kinder haben dann auch nach der Trennung der Eltern nur einen Lebensmittelpunkt – meist bei der Mutter. Eine Alternative dazu ist das Wechselmodell. Das ist einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags von 2018 zufolge bereits in Ländern wie Schweden, Belgien, Italien oder Frankreich der Regelfall oder die bevorzugte Lösung vor Gericht. 

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Umschau | 01. Oktober 2019 | 20:15 Uhr