Interview mit Rentenspezialist Frank Parche Mehr Geld für Frührentner

Wer früher in Rente gegangen ist und trotzdem arbeiten wollte, durfte nur wenig hinzuverdienen. Das neue Sozialschutzpaket zur Linderung der Corona-Folgen umfasst neue Hinzuverdienstgrenzen, die Senioren höhere Einkommen ermöglichen. Wir haben mit Rentenspezialist Frank Parche darüber gesprochen.

Rentenspezialist Frank Parche
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Am 29. März soll das neue Sozialschutzpaket zur Linderung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise in Kraft treten. Es geht um Kurzarbeitergeld, den vereinfachten Zugang zur Grundsicherung und zum Kinderzuschlag oder um Lohnersatzleistungen im Zusammenhang mit Kita-Schließungen. Eine Neuregelung trifft speziell Rentner: Ab Sonntag gilt eine neue Hinzuverdienstgrenze. Ziel ist es, bereits in Rente befindliches medizinisches Personal für Notfälle leichter rekrutieren zu können. Die neue Hinzuverdienstgrenze gilt aber nicht nur für Pflegepersonal – und bringt sogenannten Frührentnern ungeahnte Einkommensmöglichkeiten.

Über diese neuen Einkommensmöglichkeiten hat die "Umschau" mit dem Leipziger Rentenspezialisten Frank Parche gesprochen.

Umschau: Herr Parche, der Deutsche Bundestag hat mit dem Corona-Sozialschutzpaket neue Hinzuverdienstgrenzen für Rentner beschlossen. Worum geht es und wem nützt diese Regelung?

Frank Parche: Prinzipiell gilt: Wer die Regelaltersgrenze erreicht hat, der konnte bisher und kann auch weiterhin unbegrenzt hinzuverdienen. Für den gilt die neue Regelung nicht. Diese Rentner sind aber meist schon älter und wollen tatsächlich ihren Ruhestand genießen. Es gibt aber sehr viele Senioren, die sind 63, 64 oder 65 Jahre alt und würden zwar gern ihre Rente genießen, aber zugleich auch etwas arbeiten.

Und das ging bisher nicht?

Frank Parche: Doch, aber nur begrenzt, Und es lohnte sich oft meist nicht.

Warum das?

Das Wort 'Rente' auf einem Zettel wird abgeschnitten.
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Frank Parche: Wer vor der Regelaltersgrenze in Rente geht, darf nur bis zu einer bestimmten Höhe hinzuverdienen. Das gilt für alle sogenannten "Frührentner", also zum Beispiel für jene, die besonders langjährig, also 45 Jahre lang, rentenversichert waren, aber auch für jene, die weniger als 45 Jahre rentenversichert waren, früher in Rente gingen und deshalb Rentenabschläge in Kauf nehmen mussten. Andere wiederum mussten krankheitsbedingt früher in Rente gehen – meist ebenfalls mit Abschlägen. Für alle diese Rentner lag die Hinzuverdienstgrenze bisher bei 6.300 Euro im Jahr. Das sind umgerechnet auf den Monat 525 Euro. Das ist nicht viel. Nehmen wir an, ein solcher Frührentner bekommt 1.000 Euro brutto Rente im Monat. Dann darf er also maximal 525 Euro im Monat hinzuverdienen, also insgesamt 1.525 Euro brutto. Wahrlich nicht viel im Vergleich zu einem früheren Arbeitseinkommen und wenn man bedenkt, dass darauf ja auch noch Steuern und ggf. Krankenkassenbeiträge fällig werden können.

Und was passierte, wenn jemand Rente bezogen und mehr verdient hat?

Frank Parche: Der bekam die Rente dann gekürzt. Das hieß natürlich nicht "gekürzte Rente" sondern "Teilrente". Je mehr man verdient hat, desto mehr wurde die Rente gekürzt. Bekannt ist dieses Modell auch als "Flexi-Rente". Klingt gut, ist für viele dann aber doch nicht so flexibel.

Und künftig gelten neue Regeln?

Frank Parche: Genau. Der Deutsche Bundestag hat am 25. März beschlossen, die Hinzuverdienstgrenze für die eben genannten Rentner von 6.300 Euro auf 44.590 Euro zu erhöhen. Allerdings nur für dieses Jahr, also für 2020. Das heißt, wer in diesem Jahr zum Beispiel in seinen alten Job zurückkehrt oder anderswo arbeiten kann, der kann einerseits bis zu 44.590 Euro im Jahr oder 3.715 Euro brutto im Monat verdienen und zugleich weiter seine volle Rente beziehen. Das ist geradezu sensationell und ermöglicht den betroffenen Senioren hohe Einkommenszuwächse – vorausgesetzt natürlich, sie wollen das, fühlen sich fit genug und der Arbeitgeber spielt mit.

Sie begrüßen also die Regelung?

Frank Parche: Auf jeden Fall. Rentnern, die das wollen, bringt das wirklich mehr Geld, der Rentenversicherung kostet das nichts, weil sie ja eh die Rente bezahlt hätten, wenn der Rentner unter der alten Hinzuverdienstgrenze geblieben wäre. Zudem kann die DRV sogar noch - im Rahmen der Flexi Rente - in speziellen Fällen zusätzliche Rentenbeiträge bekommen. Und es hilft der Wirtschaft, die dringend auf Fachkräfte angewiesen ist. Erst am 1. März ist das neue Fachkräfte-Einwanderungsgesetz in Kraft getreten, das nur schwer in Tritt kommt – nicht nur wegen Corona. Dabei haben wir in Deutschland so viel Potential bei älteren Fachkräften, das wir unzureichend nutzen, weil interessierte Senioren neben ihrer Rente viel zu wenig hinzuverdienen dürfen.

Dann lassen Sie uns das Ganze mal "aufdröseln". Denn es gibt verschiedene Gruppen von Rentnern, die von der neuen Regelung profitieren können.

Frank Parche: Richtig. Ich sehe drei Fallkonstellationen. Die erste haben wir ja schon genannt: Ein Rentner bezieht vor Beginn der Regelaltersrente eine Rente und verdient bisher nicht mehr als 6.300 Euro im Jahr. Er darf jetzt 44.590 Euro im Jahr hinzuverdienen und behält dennoch seine volle Rente.

Nehmen wir das oben genannte Beispiel, ein Rentner mit 1.000 Euro darf bisher maximal 525 Euro hinzuverdienen und kommt auf 1.525 Euro. Jetzt könnte er bis zu 3.715 Euro im Monat verdienen und gleichzeitig seine volle Rente behalten, bei zum Beispiel 1.000 Euro Rente wäre dann bis zu 4.715 Euro brutto im Monat möglich.

Die zweite Fallgruppe betrifft Rentner, die mehr als 6.300 Euro im Jahr verdienen und deshalb eine Teilrente beziehen. Hier können Betroffene bei ihrer Rentenversicherung eine Vollrente beantragen und können dann gleichzeitig bis zu 44.590 im Jahr hinzuverdienen oder eine höhere Teilrente beziehen und für den Verdienst Rentenversicherungsbeiträge bezahlen, was zu einer späteren Rentensteigerung führen würde

Stempel mit der Aufschrift 'Frührente' auf Geldscheinen
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Die dritte Fallgruppe betrifft ältere Arbeitnehmer, die noch gar nicht in Rente sind. Nehmen wir mal eine Verkäuferin. Sie würde gern in Rente gehen, wegen ihres geringen Verdienstes. Wegen ihrer zu erwartenden geringen Rente, will sie so lange wie möglich arbeiten – nämlich bis zur Regelaltersrente. Dieser Verkäuferin fehlt jetzt zum Beispiel nur noch ein Jahr bis zu dieser Regelaltersrente. Sie könnte jetzt folgendes machen: Sie beantragt ihre Rente – und geht einfach weiter arbeiten. Sie bezieht dann weiter ihr Gehalt durch ihren Job und zugleich die volle Rente. Auch diese Verkäuferin könnte mit einer weiteren Beitragszahlung sogar Ihre geringe Rente aufbessern.

Und es gibt keinen Haken?

Frank Parche: Man sollte sich auf alle Fälle beraten lassen. Im Falle der eben genannten Kassiererin müsste man zum Beispiel schauen, wie lange sie rentenversichert war. Bei 45 Versicherungsjahren fallen bei frühzeitigem Rentenbeginn keine Abschläge an, bei weniger als 45 Jahren durchaus – die dann auch noch für die gesamte Rentenlaufzeit gelten. Außerdem muss man sehen, welche Auswirkungen eine umfangreiche Beschäftigung zum Beispiel auf Krankengeld oder Betriebsrentenansprüche hat. Da sollten sich Betroffene vorab beraten lassen, bei Gewerkschaften, Sozialverbänden oder auch bei den zugelassenen Rentenberatern.

Ein Haken scheint auf alle Fälle zu sein, dass diese Regelung nur für 2020 gilt.

Frank Parche: Ja, das stimmt, die Regelung gilt nur für 2020. Deshalb sollte man genau prüfen, inwieweit es sinnvoll ist, noch Monate oder Jahre zu warten, um die drohenden Rentenabschläge wegen früherem Rentenbeginn wegfallen zu lassen oder ob es sich doch noch lohnt, schon jetzt in Rente zu gehen und je nach Beruf noch moderat hinzuzuverdienen und damit Einkommensverluste auszugleichen. Wie gesagt, da sollte man sich gut beraten lassen. Und wer weiß, vielleicht wird die Regelung ja auch über das Jahr 2020 hinaus verlängert.

Das Gespräch führte Frank Frenzel

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 31. März 2020 | 20:15 Uhr