Arzt werden Medizinstudium: Wartesemester garantieren keine Zulassung mehr

Auf 10.000 Medizinstudienplätze in Deutschland bewerben sich jedes Jahr 40.000 Abiturienten. Die brauchen einen Notendurchschnitt von 1.0 oder 1.1, um einen der Plätze zu ergattern. Alternativ garantierten etwas mehr als sieben Jahre Wartezeit einen Studienplatz. Doch ab dem Sommersemester 2020 gelten neue Regelungen.

von Theresa Liebig, MDR AKTUELL

Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand.
Der Arztberuf und damit auch das Medizinstudium sind sehr begehrt. Wer diesen Traum hat, muss sich ab dem Sommersemester 2020 auf neue Zulassungsregeln für das Studium einstellen. Bildrechte: dpa

Lale Dastgir ist 26 Jahre und arbeitet als Notfallsanitäterin. Eigentlich wollte Lale diesen Sommer anfangen, Medizin zu studieren. Doch daraus wird jetzt wohl nichts mehr, meint Lale: Es fühle sich an, als seien "einem falsche Versprechungen gemacht" worden und das wiederum fühle sich ein "bisschen bescheiden an".

Als Lale vor acht Jahren Abitur machte, reichte ihr Notenschnitt mit 2,4 nicht fürs Medizinstudium. Deshalb hatte sie entschieden: Ich arbeite in einem medizinischen Beruf, sammle Erfahrungen und vor allem Wartesemester. Lale hat inzwischen 15 solcher Wartesemester. Noch im vergangenen Jahr wäre ihr damit ein Medizinstudienplatz sicher gewesen. Doch das gilt jetzt nicht mehr.

Qualifikationen statt Wartesemester

Der Grund: Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Künftig wird niemand mehr zum Medizinstudium zugelassen, nur weil er oder sie lange genug gewartet hat. Stattdessen werden mehr Bewerber über die Abiturnote ausgewählt, über eigene Auswahlverfahren der Universitäten und über die zusätzliche Eignungsquote.

Sitzreihen in einem Hörsaal 8 min
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Wie ein Medizinstudium abläuft, darüber haben wir uns mit Martin-Jonathan Gavrysh von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden unterhalten.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 14.01.2020 14:45Uhr 08:17 min

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Oliver Herrmann ist Geschäftsführer der Stiftung für Hochschulzulassung und erklärt diese neue Auswahlmethode: "Die zusätzliche Eignungsquote bedeutet, dass in dieser Quote viele Kriterien eine Rolle spielen können, aber nicht das Abitur." Heißt "Ausbildung in irgendeinem medizinischen Beruf oder andere Qualifikationen, die man in den letzten Jahren erzielt hat", erklärt Herrmann. Die vielen Wartesemester nützen zwar während einer Übergangsfrist noch etwas. Einen garantierten Studienplatz bekommt man damit aber nicht mehr.

Berufserfahrung keine Besonderheit

Für Lale bedeutet das: Die sieben Jahre Wartezeit bringen für ihre diesjährige Bewerbung 45 Punkte – von insgesamt 100 Punkten bei der zusätzlichen Eignungsquote. Doch immerhin hat sie ja auch noch die medizinische Ausbildung und Berufserfahrung.

Eigentlich klinge das ganz gut, meint Lale: "Das Problem ist aber, dass alle Leute, die 15 Wintersemester haben, eine berufliche Ausbildung gemacht haben. Niemand hat siebeneinhalb Jahre zuhause rumgesessen und nichts gemacht." Sie kenne viele Arbeitskollegen aus dem Krankenhaus, die genauso lange wie sie gewartet hätten.

Außerdem werden über diese zusätzliche Eignungsquote nur 10 Prozent der Studienplätze vergeben. Die Stiftung für Hochschulzulassung bestätigt MDR AKTUELL, dass es passieren könne, dass Bewerber trotz vieler Wartesemester durch die neue Regelung keinen Studienplatz bekämen.

Faire Auswahl angestrebt

Man habe in Absprache mit den Bundesländern versucht, eine faire Regelung zu schaffen. Trotzdem gehe es immer auch um Selektion, sagt der Sprecher der Stiftung, Patrick Holtermann:

Es muss an der Stelle immer jemand auf seinen Traum verzichten.

Patrick Holtermann Stiftung für Hochschulzulassung

Das sei der Tatsache geschuldet, dass es viel mehr Bewerber als Studienplätze gebe, so Holtermann weiter: "Das heißt: Irgendeine Entscheidung muss getroffen werden. Und man kann nur gucken, dass die so fair wie möglich aussieht." Holtermann ist der Meinung, dass man mit der neuen Regelung ein gutes Hilfsmittel geschaffen habe, um eine faire Auswahl treffen zu können.

Lale Dastgir wird wohl auch dieses Jahr keinen Studienplatz bekommen. Sie hat beschlossen, sich ins Studium einzuklagen. Oder notfalls an einer Privatuniversität zu studieren – mit Kosten von bis zu 80.000 Euro.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Januar 2020 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2020, 05:00 Uhr

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