Urteil Kostenlose Stornierung auch ohne Reisewarnung möglich

Storniert ein Kunde wegen der Corona-Gefahr eine Reise, muss der Veranstalter unter Umständen auch ohne Reisewarnung den Preis voll erstatten. Das hat das Amtsgericht Frankfurt entschieden. Die Reisebranche kritisiert indes die vielfach pauschalen Reisewarnungen.

ARCHIV - 21.04.2020, Berlin: Eine Passantin mit Mund-Nasenschutz geht an einem Reisebüro vorbei.
Die volle Erstattung von Reisekosten aufgrund der Pandemie ist unter Umständen auch ohne Reisewarnung möglich. Bildrechte: dpa

Kunden können ihre Reise aufgrund der Corona-Pandemie unter Umständen auch dann kostenfrei stornieren, wenn keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes vorliegt. Das hat das Amtsgericht Frankfurt in einem am Montag veröffentlichten Urteil entschieden (Aktenzeichen 32 C 2136/20).

Die Richter erklärten, Reisewarnungen für das Reisegebiet seien nicht zwingend erforderlich. Es genüge bereits eine gewisse Wahrscheinlichkeit für eine gesundheitsgefährdende Ausbreitung des Virus.

Im konkreten Fall hatte der Kläger Anfang März von sich aus eine für Mitte April geplante Reise in den Golf von Neapel storniert. Der Veranstalter hatte auf einem Teil des Reisepreises als Stornierungsgebühr bestanden, weil zu diesem Zeitpunkt noch keine Reisewarnung der Bundesregierung für Italien insgesamt vorlag.

Reisebranche bemängelt Reisewarnungen

Die Reisebranche kritisierte zeitgleich die Bundesregierung für die zahlreichen Reisewarnungen. Der Deutsche Reiseverband appellierte, es müsse stärker auf die genaue Situation in den Urlaubsländern geachtet werden. Verbandssprecherin Ellen Madeker sagte MDR AKTUELL, man müsse zu möglichst differenzierten Einschätzungen der Zielgebiete auf der Welt kommen.

Eine pauschale Reisewarnung für 160 Länder auf der Welt bedeute, alles über einen Kamm zu scheren. Madeker verwies auf das Beispiel Tunesien. Das Land werde vom Robert Koch-Institut nicht als Risikogebiet eingestuft und habe seit Wochen extrem niedrige Fallzahlen. Und trotzdem gebe es für Tunesien eine Reisewarnung.

Ärger über Warnung für Mallorca

Reiseunternehmen stellten speziell die Reisewarnung für Mallorca infrage. "Sie schadet Mallorca und verunsichert die Verbraucher", bemängelte am Montag Mark Tantz, Geschäftsführer von DER Touristik Deutschland. "Es ist wichtig, dass Urlauber Klarheit über ihre Reisemöglichkeiten haben. Dafür ist es notwendig, dass zwischen differenzierten Reisehinweisen und Reisewarnungen ganz klar unterschieden wird."

Auch Tui bedauerte, dass es eine Reisewarnung für ganz Mallorca gebe statt für die Stadt Palma oder regional betroffene Orte der Insel. "Viele Gäste melden sich bei uns und möchten bleiben", sagte ein Tui-Sprecher. Im Hotel oder auf einer Finca auf dem Land seien sie weit entfernt von Partys. Der Veranstalter bittet seine Gäste, in den nächsten sieben Tagen die Rückreise anzutreten. Tui hat Reisen nach Mallorca zunächst bis zum 24. August abgesagt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. August 2020 | 11:00 Uhr