Mann schaut durch Jalousie
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Wenn Liebe zur Bedrohung wird Stalking: Wie sich Betroffene schützen können

Etwa 19.000 Stalking-Fälle wurden in Deutschland vergangenes Jahr der Polizei gemeldet. Die Dunkelziffer schätzen Experten zwei- bis dreimal so hoch, da oft schwer nachzuweisen ist, wann Stalking anfängt. Ein Problem auch für die Opfer – die werden häufig nicht ernst genommen. Was Betroffene tun können.

Mann schaut durch Jalousie
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Oft fängt es ganz harmlos an, mit etwas "zu viel Aufmerksamkeit". Telefonanrufe, Textnachrichten, Briefe. Doch Stalker kennen kein Maß. Sie verfolgen ihre Opfer, stehen plötzlich vor der Haustür, belästigen sie – das ganze mündet in Psychoterror. Betroffene trauen sich häufig kaum noch raus.

Wer sind die Täter?

Die Stalker selbst haben oft Persönlichkeitsstörungen. Meist haben sie ein geringes Selbstwertgefühl und soziale Probleme. Welche Verbindung sie zu ihrem Opfer haben und mit welchem Ziel sie stalken, variiert aber stark. Forscher unterscheiden folgende Typen:

  • Ex-Partner, nahe Verwandte oder Freunde

Sie wollen meist durch die Verfolgung eine Aussöhnung erreichen

  • Stalker, die in ihr Opfer verliebt sind

Sie versuchen, eine intime Beziehung herzustellen. Sie sind sich oft nicht bewusst, dass ihre Opfer das gar nicht wünschen.

Ein junger Mann schaut einer jungen Frau nach.
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  • Stalker, die versuchen ein Treffen mit Menschen zu erreichen

Sie sind narzisstisch veranlagt, neigen zur Selbstüberschätzung und verstehen nicht, wenn ihre Opfer sie ablehnen.

  • Sogenannte "ärgerliche" Stalker

Sie belästigen ihre Opfer, um ihnen Angst oder Schrecken einzujagen. Sie selbst sind oft paranoid und verfolgen beispielsweise Rechtsanwälte, Ärzte oder andere Personen, von denen sie denken, dass sie ihnen in irgendeiner Weise geschadet haben.

  • Stalker, die das Ziel haben, ihr Opfer tätlich anzugreifen

Sie verfolgen ihre Opfer meist über Wochen und Monate. Sie versuchen immer die Kontrolle zu behalten und zeichnen sich durch eine hohe Gewaltbereitschaft aus. Vergewaltigungen sind in dieser Gruppe häufig.

Wie Betroffene handeln sollten

Werden erste Anzeichen des Stalkings deutlich, sollte das Opfer dem Täter klarmachen, dass kein Kontakt gewünscht wird. Ansonsten ist empfohlen, die Kontaktversuche des Stalkers konsequent zu ignorieren.

  • Annahme verweigern

Geben Sie Briefe dieser Person und Pakete, von denen Sie nicht wissen woher sie kommen oder was darin enthalten ist, ungeöffnet an die Post zurück. Aufschrift: "Annahme verweigert". Dann muss der Absender das Porto doppelt bezahlen, da die Post eine Rücksendepflicht bei Nichtannahme hat.

Die SMS wird am 3. Dezember 2017 25 Jahre alt. Mit dem Smartphone tippt eine Frau in einer gelben Bluse eine Textnachricht.
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  • Anrufe ablehnen

Legen Sie bei einem Anruf den Telefonhörer kommentarlos auf. Schalten Sie einen Anrufbeantworter mit einer neutralen Stimme und informieren Sie das persönliche Umfeld, dass Sie bei unbekannten Nummern erst nach der Meldung auf dem Anrufbeantworter ans Telefon gehen.

  • Neue Telefonnummer

Lassen Sie sich eine neue Telefonnummer geben und löschen Sie Ihren Eintrag im Telefonbuch. Achten Sie dann darauf, wem Sie Ihre neue Telefonnummer geben, machen Sie diese Menschen auf das Problem aufmerksam und bitten um Vertraulichkeit.

  • In letzter Konsequenz: Umziehen

Auch wenn es schwerfällt: manchmal ist eine schnelle Lösung herbeigeführt, in dem Sie umziehen. Das muss nicht immer gleich eine andere Stadt sein. Halten Sie Ihre Adresse geheim.

Dokumentieren Sie die Vorfälle

Bevor Sie drastische Entscheidungen treffen, wie umzuziehen, sollten Sie Anzeige bei der Polizei erstatten. Die kann auch einen Kontaktverbot aussprechen. Wenn der Stalker dagegen verstößt, ist die Strafe oft wesentlich härter als in einem normalen Verfahren. Das ist einfacher, wenn Sie belegen können, dass Sie gestalkt werden. Generell gilt deshalb: Informieren Sie Ihr privates Umfeld, sprich die Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn. Im Notfall können sie wichtige Zeugen sein. Sollten Sie mit dem Auto verfolgt werden, fahren Sie direkt zur Polizeistelle.

Dokumentieren Sie alle Vorfälle. Nachrichten vom Stalker oder auch Aufnahmen vom Anrufbeantworter. Helfen kann dabei auch die "No Stalk"-App der Opferhilfsorganisation der Weiße Ring. Mit ihr können die Stalking-Vorfälle per Foto-, Video- sowie Sprachaufnahmen chronologisch und mit Ihrem Smartphone dokumentiert werden. Die Aufnahmen zählen bei der Polizei oder vor dem zuständigen Gericht als vollwertige Beweise. Suchen Sie sich dafür in jedem Fall rechtlichen Beistand.

Stalking ist seit 2007 strafbar

Zum März 2017 wurde das Stalking-Gesetz neu geregelt. Seitdem ist Nachstellung bereits dann strafbar, wenn die Behörden feststellen, dass die Taten "objektiv geeignet" sind, das Leben der Opfer nachhaltig zu stören. Vor der Reform musste das Opfer noch nachweisen, dass sein Leben bereits beeinträchtigt war – etwa, indem es wegen der Nachstellungen umziehen oder den Job wechseln musste.

Stalking konnte also nur dann bestraft werden, wenn der Stalker das Leben eines Opfers schon beeinträchtigt hatte. Dadurch wurden Stalker nur in Ausnahmefällen verurteilt: Einer fünfstelligen Zahl von Anzeigen stand eine dreistellige Zahl an Verurteilungen gegenüber.

Wo bekommen Stalking-Opfer Hilfe?

Bei Anzeichen wie Angst oder Schlafproblemen sollte man mit dem Hausarzt darüber sprechen. Eine Psychotherapie kann sinnvoll sein. Dokumente von Ärzten und Beratern sind außerdem vor Gericht sehr wichtige Beweismittel. Opfer von Stalking können sich auch – völlig anonym – an den Weißen Ring wenden.

Weißer Ring Opfer-Telefon des Weißen Rings – anonym und kostenlos unter 116 006

Weitere Informationen und Tipps zum Umgang mit Stalkern gibt es bei der polizeilichen Beratung. Wer das Gefühl hat, sich selbst stärker schützen zu wollen, kann auch einen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs belegen. Darin wird auch die Wahrnehmung geschult.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 12. November 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2019, 16:11 Uhr