Schild mit der Aufschrift (Polizei) an der Fassade einer Polizeiwache in Leipzig.
Bildrechte: IMAGO

So geht es richtig Strafanzeige stellen: Das müssen Sie beachten

Wer Opfer oder Zeuge von kriminellen Handlungen wird, kann bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft oder dem Amtsgericht eine Strafanzeige stellen. Wie es richtig geht und wie ein Verfahren abläuft, erklärt Rechtsexperte Gilbert Häfner.

Schild mit der Aufschrift (Polizei) an der Fassade einer Polizeiwache in Leipzig.
Bildrechte: IMAGO

Muss, wer Opfer einer Straftat geworden ist, immer eine Strafanzeige erstatten oder läuft die Strafverfolgung automatisch?

Es ist in jedem Falle empfehlenswert, eine Strafanzeige zu erstatten, wenn man Opfer einer Straftat geworden ist. Dies schon deshalb, weil in vielen Fällen die Polizei anderenfalls gar nicht erfährt, dass eine Straftat begangen wurde und daher keine Ermittlungen aufnehmen kann. Haben die Strafverfolgungsorgane hingegen Kenntnis vom Verdacht einer Straftat, sind sie von Gesetzes wegen verpflichtet, die Sache zu verfolgen und zu versuchen, den Täter dingfest zu machen. Eine Ausnahme hiervon bilden lediglich einige Bagatelldelikte wie leichte Körperverletzung oder Hausfriedensbruch; hier wird die Polizei nur tätig, wenn Strafantrag gestellt wird (so genannte Antragsdelikte). Einen solchen Strafantrag kann nur der Geschädigte stellen; er muss innerhalb von drei Monaten, nachdem das Opfer von der Tat und der Person des Täters Kenntnis erlangt hat, gestellt werden.

Wie erstattet man eine Strafanzeige?

Jemand erstattet online Anzeige wegen eines Phishing.
Bildrechte: IMAGO

Die Einhaltung einer bestimmten Form ist nicht erforderlich. Die Anzeigeerstattung kann mündlich durch persönliche Vorsprache, telefonisch oder schriftlich bei jeder Polizeidienststelle, der Staatsanwaltschaft oder dem Amtsgericht erfolgen. In den meisten Bundesländern, so auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt, kann auch online ein Formular ausgefüllt werden. Wichtig ist, dass der Polizei zeitnah alle relevanten Erkenntnisse über die Tat und die Tatumstände (z.B. Tatzeit, -ort, Spuren, wenn möglich Täterbeschreibung etc.) übermittelt werden.

Kann eine Straftat auch von jemandem angezeigt werden, der gar nicht Opfer geworden ist?

Selbstverständlich kann jeder, der von einer Straftat Kenntnis erlangt, Strafanzeige erstatten, auch wenn er selbst nicht von der Tat betroffen ist. Die Polizei muss, von den Antragsdelikten abgesehen, auch dann ermitteln, wenn das Opfer keinen Wert auf eine Strafverfolgung legt. Letzteres kommt nicht selten vor, wenn es um Straftaten aus dem persönlichen Nahbereich geht, bei denen das Opfer (weitere) Repressionen des Täters fürchtet.

Was geschieht, wenn ein Opfer seine Strafanzeige zurücknimmt?

Anders als einen Strafantrag kann man eine Strafanzeige nicht wirksam zurücknehmen. Polizei und Staatsanwaltschaft müssen (weiter) ermitteln, wenn sie von dem Verdacht einer Straftat Kenntnis erlangt haben. Grund dafür ist, dass es ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung gibt: Der Rechtsstaat darf die Begehung einer Straftat, mithin eine erhebliche Störung des Rechtsfriedens, auch dann nicht ungesühnt hinnehmen, wenn das Opfer dem Täter verziehen hat.

Wie geht das Verfahren weiter, wenn die Polizei den Sachverhalt ausermittelt hat?

Hat die Polizei den Sachverhalt so weit als möglich aufgeklärt, gibt sie die Sache an die zuständige Staatsanwaltschaft ab. Diese entscheidet, ob Anklage bei Gericht erhoben oder Strafbefehlsantrag gestellt wird. Reicht das Ergebnis der Ermittlungen nach Auffassung der Staatsanwaltschaft nicht für eine Verurteilung des Täters, kann sie entweder noch Nachermittlungen beauftragen oder das Verfahren mangels hinreichenden Tatverdachts einstellen. Wiegt die Tat nicht besonders schwer und ist der Beschuldigte strafrechtlich noch nicht in relevanter Weise in Erscheinung getreten, kann die Staatsanwaltschaft das Verfahren auch wegen geringer Schuld, unter Umständen gegen Zahlung einer Geldauflage, einstellen. In diesen Fällen kommt es nicht zu einem Gerichtsverfahren.

Kann eine Frau, die in ihrer Kindheit durch ihren Stiefvater über mehrere Jahre hinweg vergewaltigt worden ist, noch Strafanzeige stellen, obwohl die Taten mittlerweile Jahrzehnte zurückliegen?

Eine Anzeigeerstattung ist jederzeit möglich, allerdings kann bei weit zurückliegenden Taten bereits Verjährung eingetreten sein. In diesem Falle wären die Strafverfolgungsbehörden an einer Ermittlung der Vorwürfe gehindert. Bei bestimmten Sexualdelikten, so bei Vergewaltigung, besteht die Besonderheit, dass die Verjährung erst mit Vollendung des dreißigsten Lebensjahres des Opfers beginnt. Die konkrete Verjährungsfrist hängt von der Schwere der Tat ab und reicht von fünf Jahren (z. B. für Missbrauch von Schutzbefohlenen) bis zu 20 Jahren (z. B. für Vergewaltigung). Zu berücksichtigen ist, dass es in diesem Bereich in der Vergangenheit Gesetzesänderungen zum Schutz der Opfer gegeben hat. War eine Straftat zum Zeitpunkt der Gesetzesänderung bereits verjährt, bleibt es dabei, auch wenn danach längere Verjährungsfristen gelten. Die Berechnung der Verjährung kann im Einzelfall bei weit zurückliegenden Taten sehr kompliziert sein, so dass gegebenenfalls anwaltliche Hilfe in Anspruch genommen werden sollte. Da eine Anzeige nicht mit Kosten verbunden ist, kann man aber auch eine solche erstatten und der Staatsanwaltschaft die Prüfung der Verjährung überlassen.

Welche Strafen drohen, wenn man einen anderen wider besseres Wissen einer Straftat bezichtigt?

Wer eine Strafanzeige gegen eine andere Person bei einer Strafverfolgungsbehörde stellt, obwohl er weiß, dass diese keine Straftat begangen hat, macht sich der falschen Verdächtigung schuldig. Dies ist strafbar und kann mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren (in bestimmten Fällen sogar bis zehn Jahren) oder mit Geldstrafe bestraft werden.

Was geschieht, wenn der zu Schadenersatz und Schmerzensgeld verurteilte Sexualstraftäter kein Geld hat? Geht das Opfer dann leer aus oder springt der Staat ein?

Hände halten Akten
Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Personen, die durch eine Gewalttat einen Gesundheitsschaden erlitten haben, können nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) auf Antrag Heilbehandlungs­kosten, Renten­ und Fürsorgeleistungen erhalten. Ein Schmerzensgeld hingegen sieht das OEG ebenso wenig vor wie eine Ersatzleistung für Sach- und Vermögensschäden. Für einen Ausgleich von Sachschäden, die auf Straftaten beruhen, sind aber in einigen Bundesländern Landesstiftungen eingerichtet, die unter bestimmten Voraussetzungen Hilfen gewähren. Darüber hinaus gibt es private Organisationen, die sich der Opferhilfe widmen, so etwa der Weiße Ring e.V.

So hilft der Weiße Ring e.V.

Der Weiße Ring kann Opfern helfen durch:

  • menschlichen Beistand und persönliche Betreuung nach der Straftat
  • Hilfestellung im Umgang mit Behörden
  • Begleitung zu Gerichtsterminen
  • Vermittlung von Hilfen anderer Organisationen


Unterstützung bei materiellen Notlagen im Zusammenhang mit der Straftat, u.a. durch:

  • Beratungsscheck für eine kostenlose Erstberatung bei einem freigewählten Anwalt
  • Übernahme weiterer Anwaltskosten zur Durchsetzung sozialrechtlicher Ansprüche (z.B. nach dem Opferentschädigungsgesetz) oder
  • zur Wahrung von Opferschutzrechten im Strafverfahren (Opferanwalt)
  • Erholungsmaßnahmen für Opfer und ihre Familien
  • finanzielle Zuwendungen zur Überbrückung der Tatfolgen


Bundesweites Info-Telefon: 116006

Diese Nummer gilt bundesweit, ist kostenfrei und 7 Tage die Woche von 7-22 Uhr erreichbar.

Weitere Informationen zum Thema enthalten die folgenden Broschüren:


Stand: 01.08.2019

Weitere Themen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 01. August 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. August 2019, 19:12 Uhr