Gynäkologie Forscher: Endometriose ist Zivilisationskrankheit

Jährlich erkranken etwa 40.000 Frauen an Endometriose. Man weiß wenig über die Krankheit, obwohl sie schon sehr lange bekannt ist. Mediziner forschen an den Ursachen, an Möglichkeiten zur Diagnose und Heilung. Klar scheint mittlerweile: Endometriose ist auch eine Zivilisationskrankheit.

Junge Frau fühlt sich unwohl, hat eine Erkältung, Grippe, Schmerzen.
Starke Menstruationsschmerzen sind ein häufiges Symptom der Endometriose. Bildrechte: IMAGO

Bei Endometriose wächst Gewebe, wo es nicht hingehört. Es ähnelt dem der Gebärmutterschleimhaut und kann außerhalb der Gebärmutter Zysten und Entzündungen verursachen. Wie es dazu kommt, ist immer noch unklar. Diskutiert werden in der Forschung unter anderem der Einfluss von Entzündungen oder eventuelle Störungen in der Embryonalentwicklung.

Der Mediziner Karl-Werner Schweppe hat das Endometriose-Zentrum der Ammerland-Klinik in Niedersachsen aufgebaut und 25 Jahre lang geleitet. Jetzt ist er Vorstand bei der Stiftung Endometriose-Forschung. Nach aktuellem Wissensstand bestätigt er, dass eine Theorie des Darmstädter Endometrioseexperten Gerhard Leyendecker über eine mögliche Ursache für die Krankheit richtig sein könnte.

Risiko scheint mit Anzahl der Menstruationszyklen zu steigen

Leyendecker zufolge werden während der Menstruation bei starken Uterus-Kontraktionen Reparaturmechanismen in Gang gesetzt. Professor Schweppes vom Endometriose-Zentrum sagt dazu: "Wenn die Menstruation und Kontraktionsrythmen irregulär und stark sind, wehrt sich die Natur dagegen und will das schneller abheilen und setzt dann örtlich in der Gebärmutter Östrogene frei, die diese Abheilung fördern."

Die Gebärmutterschleimhaut, die schneller heilen und wachsen könne, "überrennt" dann gewissermaßen die Abwehrmechanismen des Körpers, erklärt Professor Schweppes weiter: "Die sind dem dann nicht mehr gewachsen. Und diese krankhaft veränderte Gebärmutterschleimhaut macht dann Endometriose."

Je mehr Menstruationen eine Frau erlebt, desto größer scheint das Risiko für Endometriose. Denn die körpereigenen Abwehrzellen, die sonst alle Fremdkörper – wie zum Beispiel auch Samenzellen – beseitigen, sind überfordert. Eine Studie bei Pavianen habe gezeigt, so Schweppe, dass die Weibchen Endometriose entwickelt hätten, die von den Männchen getrennt worden seien, die dementsprechend nicht schwanger geworden seien und so häufiger menstruiert hätten.

Endometriose als Zivilisationskrankheit

Professorin Sylvia Mechsner leitet das Endometriose-Zentrum der Berliner Charité. Auch sie kann der Theorie ihres Kollegen Leyendecker etwas abgewinnen und sagt, starke Uterus-Kontraktionen, die nach Leyendecker zu der veränderten Gebärmutterschleimhaut führen, seien womöglich einst ein Evolutionsvorteil gewesen.

Möglicherweise würden Frauen mit "guter Uterus-Kontraktion" in jungen Jahren besser schwanger, entwickeln später aber eher Endometriose. Die Vorteile einer gut kontrahierenden Gebärmutter fasst die Medizinerin so zusammen: "Da gehört aktiver Spermientransport dazu; dass die Geburt gut ablaufen muss – man muss das Kind einfach auch gut rausbringen können aus dem Körper – und nach der Geburt muss die Gebärmutter auch gut kontrahieren, sonst kann man verbluten."

Da Frauen früher regelmäßiger schwanger waren, habe sich Endometriose gar nicht so ausbilden können, schlussfolgert Mechsner. Heutzutage menstruieren Frauen neunmal mehr im Laufe ihres Lebens als früher. Und so kann Endometriose nach Leyendecker auch als Zivilisationskrankheit betrachtet werden.

Antikörper sollen bei Diagnose helfen

Dass Endometriose in besonderer Weise das Abwehrsystem des Körpers betrifft – es ist entweder überfordert oder funktioniert nicht richtig –, wird für einen großen aktuellen Forschungsschwerpunkt genutzt: die Entwicklung von Diagnoseverfahren. Momentan müsse für die sichere Diagnose eine aufwendige und teure Bauchspiegelung gemacht werden, sagt Karl-Werner Schweppe von der Stiftung Endometriose-Forschung.

Die Endometriose löse aber eben auch immunologische Phänomene aus, erklärt Schweppe weiter: Man versuche, "Endometriose-Marker im Blut festzustellen, damit man durch einen Bluttest Endometriose feststellen kann. Und wenn ich dann durch diese unterschiedlichen Antikörper oder Marker eine Diagnose sicherstellen könnte, wäre das ausgezeichnet."

In den vergangenen zehn Jahren seien zwar mehrere Antikörper identifiziert worden, so Schweppe. Doch nur, wenn ein spezifischer Marker gefunden werde, werde es einen einfachen und vor allem günstigen Bluttest geben. Helfen würde, wenn man eine klare Ursache für die Endometriose ausmachen könnte. Doch klar ist bis jetzt nur eines: Frauen, deren Mutter Endometriose hat, haben ein etwa drei- bis viermal höheres Risiko, ebenfalls an Endometriose zu erkranken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. August 2020 | 05:00 Uhr