Ärztemangel in Sachsen-Anhalt Expertin: Es gibt genug Ärzte – aber nur in Ballungsräumen

Wegen des Mangels an Ärzten im ländlichen Raum hofft die Kassenärztliche Vereinigung, dass Mediziner ihren Ruhestand verschieben. Die Ärztekammer entgegnet: In Sachsen-Anhalt ist das längst Praxis. Von der Uni heißt es: Es gibt nicht zu wenige Ärzte. Sie verteilen sich nur nicht richtig.

Hausarzt beim Hausbesuch
Die Versorgung mit Medizinern ist in Sachsen-Anhalt vor allem auf dem Land ein großes Problem. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / photothek

Wegen des Ärztemangels hat die Kassenärztliche Vereinigung in Sachsen-Anhalt ältere Kolleginnen und Kollegen kürzlich dazu aufgerufen, die Rente um ein paar Jahre zu verschieben. Tobias Brehme von der Ärztekammer sagte MDR SACHSEN-ANHALT, dass viele Ärztinnen und Ärzte dies bereits tun.

Niedergelassene Kolleginnen und Kollegen sind freiberuflich in ihren Praxen tätig und können daher selbst entscheiden, wie lange sie arbeiten wollen, so Brehme. "Von daher ist das rechtlich möglich und in der Praxis nichts Neues." Viele arbeiten demnach über das Rentenalter hinaus, weil ihre Patientinnen und Patienten sich das wünschen oder sie keine Nachfolge finden.

Da Ärztinnen und Ärzte dazu verpflichtet sind, regelmäßig Fortbildungen zu besuchen, bleiben auch ältere Kolleginnen und Kollegen immer auf dem aktuellen Stand, sagt Brehme. Er sieht daher kein Problem darin, über das Rentenalter hinaus zu arbeiten.

Viele Ärzte in Ballungsräumen, wenige auf dem Land

Daniela Dieterich, Dekanin an der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, das Medizinstudium gehöre zu den begehrtesten Studiengängen deutschlandweit. "In Magdeburg bilden wir mit zirka 200 Absolventen jährlich schon mehr Humanmediziner aus als mit dem Land vereinbart und vom Land finanziert", so Dieterich.

Ihrer Ansicht nach gibt es in Deutschland nicht zu wenig Ärztinnen und Ärzte: "Aber es gibt ein Missverhältnis zwischen überversorgten Ballungsgebieten und unterversorgten ländlichen Regionen." Davon sei auch Sachsen-Anhalt, vor allem der Norden des Landes, betroffen.

Junge Ärzte legen Wert auf Work-Life-Balance

Um diesem Missverhältnis entgegenzuwirken, reicht eine Landarztquote von fünf Prozent, wie es sie in Sachsen-Anhalt gibt, "bei Weitem nicht". Man müsse vielmehr aktiv werden, um zukünftigen Ärztinnen und Ärzten ein verlässliches und lebenswertes Umfeld zu schaffen.

Ziel muss es grundsätzlich sein, attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen für junge Ärztinnen und Ärzte zu schaffen, um ihnen eine Niederlassung in der Region zu erleichtern.

Daniela Dieterich Dekanin Medizinische Fakultät Uni Magdeburg

"Die nächste Generation an jungen Ärztinnen und Ärzten legt mehr Wert auf ihre Work-Life-Balance", sagt Dieterich. Man müsse zum Beispiel flexible Elternzeitmodelle mit dem neuen Versorgungsaufwand in Einklang bringen. Dabei sei das Studium nur ein Baustein.

Bundesweite Suche nach Praxis-Nachfolge

Dass die Situation im ländlichen Raum eine andere ist, hat diese Geschichte gezeigt: Zuletzt hatte MDR SACHSEN-ANHALT von einer Hausärztin in Sangerhausen berichtet, die ihre Praxis schließt und keine Nachfolgerin oder Nachfolger hat.

Die Linke hatte deswegen bei der Landesregierung konkret nach der Situation in Sangerhausen und dem Landkreis Mansfeld-Südharz gefragt. Laut Landesregierung versucht die Kassenärztliche Vereinigung derzeit mit einer bundesweiten Ausschreibung, die Stelle der Ärztin wieder zu besetzen.

Nach ihren eigenen Maßnahmen gefragt, verweist die Regierung auf die Landarztquote und den Plan, die Zahl der Medizin-Studienplätze an den beiden Universitäten in Sachsen-Anhalt zu erhöhen. Das Land hofft darauf, dass der Bund dafür ein entsprechendes Programm aufbaut. Ideen wie einen Ärzte-Bus, der Mediziner in die Orte bringen würde, lehnt das Land ab. Die Ärzte sollten die Zeit unterwegs besser zur Behandlung von Patienten in der Praxis nutzen.

Mehr Verantwortung für andere Gesundheitsberufe?

Offen ist das Sozialiministerium nach eigenen Angaben aber dafür, anderen Gesundheitsberufen mehr Verantwortung zu übertragen. Die Landesregierung plane ein entsprechendes Modellprojekt, hieß es am Mittwoch zu MDR SACHSEN-ANHALT. Unklar ist aber, ob es in Mansfeld-Südharz umgesetzt wird. Vorgesehen ist auch, die Chancen der Digitalisierung und Telemedizin im Rahmen des Projekts zu nutzen.

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MDR (Thomas Tasler, Mario Köhne, Fabienne von der Eltz)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 23. März 2022 | 17:00 Uhr

7 Kommentare

THOMAS H vor 20 Wochen

Na.Ti: Und dann gleich noch nachfragen, warum z. B. im Jahr 2019 in Sachsen-Anhalt 1300 Ärzte in Teilzeit gearbeitet haben (Quelle: n-tv 01.02.2020 "Sachsen-Anhalt - Mehr Ärzte im Land: Aber auch mehr in Teilzeit"). Ein weiterer Punkt, welche fragwürdig ist, ist die Verdopplung der Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit von 1990 bis 2020, wo es 127.800 waren (Quelle: statistade). Was machen die nach der Ausbildung und welche Fachrichtungen haben sie studiert, wo sie vielleicht dringender gebraucht werden als in der Forschung o. ä.?

THOMAS H vor 20 Wochen

Sozialberuflerin: Ob das, was Sie schreiben noch als Ironie zu bezeichnen ist, ist m. M. fraglich, denn bei dem Hype in Bezug Digitalisierung (z. B. gestrige Preissteigerungsankündigung >3,- € mehr ab April< der Sächs. Zeitung und dem Hinweis, daß die digitale SZ günstiger sei), wird es nicht lange dauern und Frauen erhalten einen Ultraschallgerät für zu Hause ausgeliehen und die Hebamme kann dann am Laptop die Herztöne sehen, wobei da vielleicht auch eine Konferenzschaltung mit mehreren schwangeren Frauen möglich sein könnte.
Es sollte eben niemals nie gesagt werden.

Na.Ti vor 20 Wochen

Also ich empfehle einfach mal in den ach so gut versorgten Städten einen Termin beim Facharzt zu machen und danach die Qualität dieses Artikels zu bewerten.

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